06.02.2019 - 22:03 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Braucht die nördliche Oberpfalz ein Krematorium in Vohenstrauß?

Braucht die nördliche Oberpfalz ein Krematorium? Diese Frage stellen sich viele Vohenstraußer, seitdem sie wissen, dass in ihrem Ort eine Einäscherungsanlage geplant ist. An der Frage nach dem Bedarf scheiden sich die Geister.

Die Grafik zeigt die Zahl und Standorte der privat oder kommunal betriebenen Krematorien in Deutschland und Bayern. Die drei in der Oberpfalz bestehenden Krematorien liegen alle im südlichen Bereich des Regierungsbezirks. (Quelle: Bundesverband Deutscher Bestatter e. V.)
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Es gebe genügend Krematorien in der Oberpfalz, und die bestehenden seien nur zu 35 bis 40 Prozent ausgelastet. Und: „Wir haben in der Oberpfalz bezogen auf die Zahl der Einwohner die größte Krematoriumsdichte in Deutschland.“ Das sagte Bestatterin Christine Schmidt beim Diskussionsabend zum in Vohenstrauß geplanten Krematorium in der Stadthalle.

Vohenstrauß

Roman Danzer, einer der beiden Geschäftsführer der Phoenix Verwaltungs- und Projektentwicklungs-GmbH, sieht im Einzugsgebiet des geplanten Krematoriums – dazu zählt er Amberg, Weiden sowie die Landkreise Amberg-Sulzbach, Cham, Neustadt/WN, Schwandorf und Tirschenreuth – jedoch eine „Versorgungslücke, die langfristig immer größer werden wird“. Er rechnet dies auf Nachfrage anhand von Zahlen des Landesamts für Statistik noch einmal vor: Im Einzugsgebiet des Krematoriums gab es im Jahr 2017 knapp 7400 Sterbefälle. Da heutzutage rund 60 Prozent der Verstorbenen eingeäschert werden, ergeben sich daraus gut 4400 Einäscherungen im Einzugsgebiet.

Laut Umfragen der RAL-GZ Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen e.V. hat sich der Anteil der Urnenbestattungen in Bayern in den letzten Jahren so entwickelt:

20132014201520162017
61%64%61%66%65%

In ganz Deutschland lag der Anteil 2017 bei 70 Prozent. Bis 2034 rechnen die Statistiker laut Danzer mit einem Anstieg der Sterbefälle um 12 bis 15 Prozent. Er kalkuliert „vorsichtshalber“ mit 12,5 Prozent: Dann gäbe es 2034 knapp 8300 Sterbefälle und bei einem gleichzeitigen Anstieg der Einäscherungsquote auf 90 Prozent fast 7500 Urnenbestattungen im Einzugsgebiet. Die 90 Prozent seien in einigen neuen Bundesländern bereits Realität: „Hier gibt es faktisch fast keine Erdbestattungen mehr.“ Danzer und zweiter Geschäftsführer Michael Dirscherl, der als Bestatter den Betrieb leiten soll, planen derzeit mit rund 1500 Einäscherungen pro Jahr. Damit werde das Krematorium „zu den kleineren seiner Art zählen“.

Regionale Unterschiede beim Bedarf

Alexander Helbach, Pressesprecher bei der Verbraucherinitiative Bestattungskultur „Aeternitas“, spricht von einem „massiven Anstieg der Feuerbestattungen bundesweit, auch in ländlichen und katholischen Regionen“. Es sei zumindest mittelfristig „nicht abzusehen, dass sich der Trend verändern wird“. „Grundsätzlich muss man feststellen, dass der Anteil der Einäscherungen kontinuierlich zunimmt“, weiß auch Jörg Freudensprung, Geschäftsstellenleiter beim Bestatterverband Bayern. Allerdings sei der Bedarf an Krematorien regional unterschiedlich: „In der Ecke Bayerns, wo es wenige Krematorien, aber immer mehr Einäscherungen gibt, lohnt es sich sicher, eines zu bauen. Dort, wo der Bedarf schon bei Weitem gedeckt ist, sieht das sicher anders aus.“

Bundesweit existieren gut 160 Krematorien (siehe Karte). Bayern liegt mit 22 Krematorien auf Platz zwei aller Bundesländer, hinter Baden-Württemberg (26) und vor NRW (20). In der Oberpfalz gibt es drei Krematorien: in Hemau, Hohenburg und Regensburg – alle im Süden des Regierungsbezirks. Weiter nördliche und westliche Standorte liegen in Mittel- und Oberfranken (Nürnberg, Bayreuth, Selb).

„Leider gibt es im Bestattungsgewerbe nur wenige aussagekräftige Statistiken“, sagt Freudensprung zur Frage der Auslastung der bestehenden Krematorien. Dies liege an der kommunalen Regelung von Bestattungen, die eine statistische Erfassung erschwere und obendrein zu „starken regionalen Unterschieden“ führe. Der Landesverband sei „nicht berechtigt, unsere Mitglieder nach ihren Aufträgen zu befragen“. „Aeternitas“-Sprecher Alexander Helbach kann ebenfalls keine genauen Angaben zur Auslastung machen. Die Verbraucherinitiative habe vor ein paar Jahren eine Umfrage dazu durchgeführt, „aber wir haben kaum Antworten bekommen“.

„Harte Konkurrenz“

Er bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: „Seit Mitte der 90er Jahre gibt es auch privat betriebene Krematorien. Dadurch entsteht eine harte Konkurrenz, gerade für die kommunalen Betreiber, weil die privaten oft kostengünstiger sind.“ Außerdem gebe es bei vielen kommunalen Einrichtungen hohen Sanierungsbedarf, und die Anlagen seien weniger modern. In Frankfurt musste vor fünf Jahren ein städtisches Krematorium wegen des Preisdrucks schließen.

„Uns scheint, dass man unser Projekt mit Gewalt totreden möchte“, so Roman Danzer zur Diskussion um die Auslastung. Mit einem Krematorium in Vohenstrauß nehme man Mitbewerbern „langfristig nicht einmal etwas weg“. Außerdem befinde man sich ja in einem freien Markt. „In welchem Unternehmenszweig würde man einem Unternehmensgründer vorrechnen ,Bitte lasst doch erst einmal die Mitbewerber auf eine Kapazität von 100 Prozent aus, dann unterstützen wir vielleicht deine Unternehmensgründung‘? Wo gibt es das? Nirgends.“

Info:

Keine anderen Standorte im Gespräch

„Bisher stand in Vohenstrauß nur besagter Standort zur Verfügung“, so Roman Danzer zum Grundstück neben dem Hackschnitzel-Heizwerk und gegenüber von Schulen und Sportzentrum. Mit weiteren Gemeinden und Städten im Raum Neustadt/WN oder Weiden habe es keine Gespräche gegeben. Die Verhandlungen mit zwei Gemeinden im Landkreis Cham seien an den nicht genehmigungsfähigen Lagen der Grundstücke gescheitert. „Gerne würden wir dem Wunsch einiger Bürger nachkommen und das Projekt ,irgendwo im Wald‘ projektieren. Dies ist jedoch in Summe aller nötigen Bestandteile (Verkehrsanbindung, Genehmigungsrecht, Erdgasleitung und so weiter) bisher nicht durchführbar.“

Info:

Bestatter und Krematorien

Ob ein Bestatter mit einem Krematorium einen Vertrag hat, hänge vom Krematorium und der Situation des Bestatters ab, so Jörg Freudensprung (Bayerischer Bestatterverband). „Wenn ein Krematorium zum Beispiel die Überführung übernimmt, dann macht es Sinn, sich vertraglich zu binden. Bei kommunalen Krematorien, die nur gelegentlich angefahren werden – zum Beispiel, wenn der Sterbefall in einer bestimmten Region im Einzugsbereich des Bestatters räumlich näher liegt –, dann wird meist per Gebührenbescheid mit den Angehörigen abgerechnet.“ „Aeternitas“-Sprecher Alexander Helbach erwähnt eine Provision, die vor allem private Krematoriumsbetreiber „üblicherweise“ an Bestatter zahlen. Die Bestatter selbst sprechen seiner Erfahrung nach nicht gerne über das Thema. Es gebe natürlich auch Bestatter, die selbst am Betrieb eines Krematoriums beteiligt sind. Auch die Betreiber in Vohenstrauß ziehen eine Beteiligung von Bestattern in Betracht.

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