30.01.2019 - 14:32 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Krematorium in Vohenstrauß: "Werden ein Bürgerbegehren anstoßen"

Das geplante Krematorium in Vohenstrauß schlägt hohe Wellen. Zur Diskussion am Dienstagabend kamen rund 300 Menschen in die Stadthalle. Der Abend zeigte: Die Vohenstraußer sind gespalten.

von Sonja Kaute Kontakt Profil

Es war am Ende der rund zweistündigen Diskussion nicht auszumachen, ob die Mehrheit der Vohenstraußer für oder gegen das Krematorium ist. Der Bürgermeister schätzt das Verhältnis unter den Anwesenden tags darauf so ein: "Rund 150 Gegner, ein Viertel Befürworter, ein Viertel Interessierte."

Heiko Friederichs von der H. R. Heinicke GmbH für Feuerungs- und Anlagenbau gab einen Einblick in Technik und Abläufe des Krematoriums. Roman Danzer, Geschäftsführer der Phoenix Verwaltungs- und Projektentwicklungs-GmbH, die das Krematorium betreiben möchte, stellte das Bauprojekt samt Entwürfen vor: "Wenn Sie nicht wüssten, dass es ein Krematorium ist, hätten Sie es nicht gedacht", meinte er.

Die meistdiskutierten Themen:

Braucht's ein Krematorium?

Diese Frage warf etwa Bürger Hans Karl auf. "Ich bin nicht für einen anderen Standort in Vohenstrauß", erklärte er. "Ich bin dafür, dass überhaupt nicht gebaut wird." Roman Danzer rechnete daraufhin vor, warum sich das Krematorium lohne: Bis 2034 steigen die Sterbefälle ihm zufolge um 15 Prozent, während sich der Anteil der Einäscherungen auf bis zu 90 Prozent erhöhen werde. Daher sei ein weiterer Standort in der Oberpfalz nötig und rentabel. Man plane zunächst ein Ein-Schicht-Modell mit 1500 Kremierungen pro Jahr.

Bestatterin Christine Schmidt hielt dagegen, die Krematorien in der Region seien angeblich nicht ausgelastet. "Die einzige Chance, die ich sehe, ist ein Tierkrematorium, weil das nächste in Nürnberg ist. Der Trend zur Feuerbestattung steigt, aber nicht so extrem, dass wir in Vohenstrauß ein Krematorium brauchen."

Standort und Pietät

Die Nachbarschaft zu Autobahn und Straße, zum Heizkraftwerk sowie zu Schulen und Sportzentrum kritisierten mehrere Bürger als pietätlos. Doch das konnte nicht jeder nachvollziehen. Zum Beispiel Barbara Kindl, Ärztin: "Unser Friedhof liegt mitten im Ort. Die Menschen wurden immer schon mitten im Dorf bestattet." Ein weiterer Zuhörer sagte: "Auf dem Friedhof hört man den Lärm vom Freibad. Wenn das pietätlos wäre, müsste man es während jeder Beerdigung schließen."

Daniel Merk, Jurist beim Landratsamt Neustadt/WN, erläuterte baurechtliche Hintergründe: Wenn der Standort als Sondergebiet ausgewiesen werden soll, um ein Krematorium bauen zu dürfen, "müssen Stadt und Landratsamt sich mit Standort, Pietät, Anbindung und Planungsalternativen auseinandersetzen".

Gesundheit und Schadstoffe

Gesundheitliche Befürchtungen durch Schadstoffe in den Abgasen des Krematoriums teilten einige Diskutanten. Friederichs betonte: "Unsere Betriebswerte liegen deutlich unter den zulässigen Grenzwerten."

Dazu lieferte er Beispiele wie: "Sechs Autos auf dem Parkplatz vor der Stadthalle emittieren im Jahr so viel Kohlenmonoxid wie unser Krematorium." Jörg Bachmann vom Institut für Fragen des Umweltschutzes (IFU) ergänzte: "Die Staubbelastung liegt unter der Nachweisgrenze. Und Dioxine entstehen bei jedem Verbrennungsprozess, auch beim Osterfeuer. Dabei werden sie aber nicht gefiltert wie in einem Krematorium."

Auch Thomas Egginger, Ärztlicher Direktor der Kliniken Nordoberpfalz AG, beruhigte: "Ich bin kein Toxikologe. Aber wenn die Grenzwerte eingehalten werden, bewegen wir uns in einem relativ irrelevanten Bereich, der weniger Belastung darstellt als Straßenverkehr." Moderator Jürgen Meyer pointierte: "Bei jedem Grillfest steigt also mehr Dioxin auf als demnächst in Vohenstrauß."

Ungefilterte Abgase

Das Krematorium soll mit einem sogenannten Bypass-System ausgestattet sein: In einer Gefahrensituation wie einer Störung werden die Filter umgangen und die Abgase in die Luft entlassen. Das sorgt vor allem wegen der angrenzenden Schulen und dem Sportzentrum für Kritik. "Wenn es den Bypass nicht gäbe, wäre die Emission in einem Notfall wie einem Brand viel höher", betonte Ofenbauer Friederichs. Die Öffnung des Bypass-Systems komme "nur einmal in mehreren Jahren vor" und werde "sekundengenau registriert".

Johann Kramer vom Technischen Umweltschutz im Landratsamt korrigierte: "Das kommt ungefähr zwei Mal pro Jahr vor." Mehrere Diskutanten wiesen darauf hin, dass Schadstoffe auch bei Erdbestattungen in die Umwelt gelangten. "Wir nehmen die Gifte in unserem Körper auch mit ins Erdgrab", meinte Allgemeinarzt Rudolf Poschenrieder. Chirurg Heinrich Gref: "Wir sind alle Sondermüll."

Sache des Gefühls

Wolfgang Dobler von Bestattung Bauer in Weiden zog zum Ende des Abends Bilanz: "Die Quintessenz ist: Ein Krematorium ist Gefühlssache." Er appellierte an den Stadtrat: "Fragt's die Leute, ob sie es wollen oder nicht."

Am Mittwoch lässt Bürgermeister Wutzlhofer offen, ob es ein Ratsbegehren, das er selbst am Abend zuvor ins Spiel gebracht hatte, geben wird. Und auf ein Bürgerbegehren wolle er "nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag warten". Nun sei die Initiative der Bürger gefordert, dieses in Gang zu bringen. Der Vohenstraußer Hans Karl kündigte noch am Dienstag an: "Wenn es kein Ratsbegehren gibt, machen wir ein Bürgerbegehren."

Kommentar:

Jetzt aber fix!

Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Stadt Vohenstrauß das Projekt durchprügeln will“, betont der Bürgermeister. „Wenn die Mehrheit das Krematorium ablehnt, machen wir den Deckel zu.“ Trotzdem will er vorerst kein Ratsbegehren anstoßen. Dafür lobt er die Disziplin bei der Diskussion in der Stadthalle. Zu Recht: Obwohl das Krematorium ein emotional aufgeladenes Thema ist, blieben die Bürger größtenteils sachlich. Laut Wutzlhofer wunderte sich auch der ein oder andere Experte auf dem Podium darüber, der diese Art von Veranstaltung andernorts ganz anders erlebt hatte. Zu verdanken war der positive Verlauf nicht zuletzt Moderator Jürgen Meyer. Übrigens: Bezogen auf die Ortswahl fürs Krematorium bleibt der Stadtchef dabei: „Wegen der Anbindung und der Energieversorgung ist das der optimalste Standort.“ Und wohl auch der größte Knackpunkt. Wenn’s den Bürgern nicht passt, müssen sie aktiv werden, findet der Bürgermeister, der aber auch nicht bis zum „Sankt Nimmerleinstag“ auf ein Bürgerbegehren warten will. Ein geschickter Schachzug, schiebt er die Verantwortung und den Zeitdruck damit auf die Vohenstraußer. Es muss fix gehen, wenn das Projekt nicht doch „durchgeprügelt“ werden soll.

Sonja Kaute

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