02.06.2020 - 09:57 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Drohnen retten Rehkitze vor dem Mähtod

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Rund 100 000 Rehitze werden jährlich bei der ersten Grünlandmahd grausam verstümmelt oder getötet. Jäger und Landwirte gehen mit neuen Methoden dagegen vor.

Johannes Ertl, Hermann Ach und Christian Ertl (von links) beobachten den Einsatz der Drohne beim Absuchen eines Feldes bei Ödpielmannsberg. Die etwa ein Hektar große Fläche ist in etwa zehn Minuten abgeflogen. In diesem Fall gibt es Entwarnung: weder Kitz noch Junghase befinden sich in der Wiese. Sie kann nun ohne Bedenken abgemäht werden.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Die erste Mahd wird jedes Jahr zur Todesfalle für Tausende von Jungtieren. Denn die Futterernte fällt mit der Brut- und Setzzeit von Rehkitzen, Junghasen und Wiesenbrütern zusammen, die in Wiesen und Grünroggen ihren Nachwuchs sicher wähnen. Ihre Überlebensstrategie, das „Drücken“, schützt Kitze und Junghasen vor Fuchs und Greifvögeln, aber nicht vor dem Kreiselmähwerk.

Christian Ertl, Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Vohenstrauß beschreibt das Problem: „Die Jungtiere laufen auch bei großer Gefahr nicht weg, sondern drücken sich instinktiv in ihr Versteck. Maschinen mit großer Arbeitsbreite fahren oft mit hoher Geschwindigkeit über die Felder. Da haben die Tiere keine Chance mehr.“ Der erfahrene Waidmann bittet die Landwirte, sich eng mit ihren Jägern vor Ort abzustimmen. „Landwirte und Jäger stehen gemeinsam in der Verantwortung, etwas gegen den Mähtod zu tun. Die einen aus jagdethischer Verpflichtung heraus, die anderen von Gesetzes wegen. Wenn Bauern und Jäger partnerschaftlich zusammenarbeiten und die Landwirte ihre Jäger rechtzeitig über den Erntetermin informieren, hat der Jagdpächter die Möglichkeit, Wildscheuchen aufzustellen und die Wiesen und Felder nach Jungwild abzusuchen.“

Drohnenflüge in aller Frühe

Immer öfter übernehmen mittlerweile Drohnen die Suche nach dem versteckten Nachwuchs. "Das ist die sicherste Art, die Kitze zu finden, denn die Fluggeräte arbeiten mit einer Wärmebildkamera", erklärt Ertl. Bei den Vohenstaußer Jägern haben sich Johannes Ertl und Florian Forster dazu bereiterklärt, die Drohnen zu bedienen. Die Flüge finden in den Morgenstunden ab 4 Uhr oder erst am Abend statt, da die Außentemperatur für einen optimale Funktion der Wärmebildkamera möglichst gering sein sollte. In nur wenigen Minuten ist eine Wiese komplett abgeflogen. Wird ein Tier entdeckt, erhält der Pilot automatisch die genauen Koordinaten von der betreffenden Stelle. Der begleitende Jäger kann dadurch die Jungtiere schnell finden und bergen. Sie müssen in einem Grasbüschel aus der Wiese genommen werden, damit sie keine menschliche Witterung annehmen. Ertl setzt dann die geretteten Kitze entweder in einer benachbarten Wiese oder im nahen Waldrand ab. "Die Rehgeiß beobachtet das dann schon meistens und nimmt ihr Junges danach an. Das Ganze hat natürlich nur Sinn, wenn die Wiese, aus der das Kitz gerettet worden ist, dann auch schnell gemäht wird."

"Der Einsatz von Drohnen bei der Kitzrettung ist für den Großteil unserer Jäger Neuland. Da wir nahezu keine Erfahrungen damit haben, sind die derzeitigen Flüge reine Tests. Es ist geplant, im Herbst oder Winter die ausgewerteten Ergebnisse und Rückschlüsse an interessierte Jäger und Jagdgenossenschaften weiterzugeben und gegebenenfalls ein Konzept zur Kitzrettung im Bereich der Kreisgruppe Vohenstrauß zu erstellen."

Nur die Kombination aus Drohneneinsatz, akustischen oder optischen Scheuchen und dem Abgehen der Wiesen durch die Jäger könne laut Ertl den erhofften Erfolg liefern. Also müssen die Waidleute in diesen Tagen nach wie vor größtenteils ohne technisches Hilfsgerät in den Wiesen auf Streife gehen - auch den Jagdhund können sie dabei nicht einsetzen. Er würde die Kitze nicht aufspüren können, weil sie keinen Eigengeruch aufweisen.

Von innen nach außen mähen

Auch die richtige Mähstrategie hilft, Jungtiere vor dem Mähwerk zu schützen. Beim Grünlandschnitt muss – so verlangt es das neue Artenschutzgesetz – die Wiese grundsätzlich von innen nach außen gemäht werden, damit Rehe, Hasen und Fasane, während der Mahd noch die Möglichkeit zur Flucht haben. Ertl erklärt in dem Zusammenhang, dass Rehgeißen ihre Jungen in den Wiesen bis zu 30 Meter voneinander entfernt ablegen. "Das ist ein Instinkt. Damit wollen sie sicherstellen, dass im Ernstfall zumindest ein Junges überlebt."

Der Kreisgruppenvorsitzende muss sich bei dem Thema mitunter auch mit Kritik auseinandersetzen: "Es kommt bei der Kitzrettung oftmals der Einwand, dass Jäger im Mai Kitze retten, um sie dann im Winter tot zu schießen. Das lassen wir natürlich so nicht im Raum stehen. Aus unserer Sicht handelt es sich bei der Kitzrettung um angewandten Tierschutz.  Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein nur wenige Tage altes Rehkitz angemäht und verstümmelt wird und im schlimmsten Fall noch lange Zeit leiden muss, oder ob es Monate oder Jahre später mit sauberem Schuss ohne Leiden erlegt wird und dann als herrlicher Weihnachts- oder Kirchweihbraten verwertet wird – wenn es überhaupt geschossen wird."

Es passiere gottlob nicht häufig, dass ein Landwirt beim Mähen ein oder gar mehrere Kitze verletzt oder tötet. Ertl kann sich aber an einen Fall erinnern, bei dem gleich sechs Jungtiere verendeten. Das könne drastische Konsequenzen haben. "Der Landwirt muss Sorge dafür tragen, dass Schutzmaßnahmen ergriffen worden sind. Macht er das nicht, drohen nach dem Tierschutzgesetz saftige Strafen bis zu 25 000 Euro."

Info:

Idee zur Kitzrettung

Die Idee zur Weiterentwicklung der Kitzrettung im Bereich der Kreisgruppe Vohenstrauß entstand durch die Gründung des Vereins „Rehkitzrettung Tirschenreuth“ durch Baron Gemmingen-Hornberg, Vorsitzender der Kreisgruppe Tirschenreuth, http://www.rehkitzrettung-tir.de/.

Bei der weiteren Umsetzung der Idee wurde über die Firma Conrad Electronic in Wernberg Kontakt zum Drohnenhersteller DJI hergestellt. DJI erklärte sich spontan bereit, der Vereinsführung der Kreisgruppe eine 3000 Euro teure Drohne mit Wärmebildkamera zum Zweck des Tierschutzes kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Drohne wiegt unter zwei Kilogramm, daher ist kein Flugschein und keine Registrierung notwendig.

Johannes Ertl musste sich erst einige Stunden mit der Drohne beschäftigen, bevor er sie auf der Suche nach Kitzen in Feldern einsetzen konnte. Die Drohne ist mit einer normalen Kamera und zusätzlich mit einer Wärmebildkamera ausgestattet.
Dieses Kitz rettete Christian Ertl am Mittwoch mithilfe einer Drohne in einer Wiese in seinem Revier in Pleystein.
Auf dem Steuerungsdisplay der Drohne erkennt Johannes Ertl aufgrund der Wärmebildkamera sofort, ob sich in dem Feld ein Tier befindet.
Der Einsatz von Drohnen erleichtert Jägern und Landwirten ihre Arbeit bei der Kitzrettung enorm.
Christian Ertl, Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Vohenstrauß, geht derzeit viele Wiesen ab, um sicherzugehen, dass sich keine Rehkitze oder Junghasen darin aufhalten. Erst dann können die Landwirte die Wiesen abmähen.
Bereits 93 Kitze fand Bernd Bock aus Waidhaus mithilfe von Drohneneinsätzen. Hier wird das Tier in einer mit Gras befüllten Holzkiste aus der Wiese genommen. Es darf keine menschliche Witterung annehmen, weil die Rehgeißen sonst den Nachwuchs verstoßen.

Für die Kitzrettung werden Sponsoren gesucht

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Eine Sulzbach-Rosenbergerin stellt ihre Initiative zur Kitzrettung vor

Sulzbach-Rosenberg
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