Vohenstrauß
29.03.2022 - 08:51 Uhr
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"Der Gref" legt in Vohenstrauß das Skalpell aus der Hand

Nach 50 Jahren und tausenden Operationen geht der 77-jährige Vohenstraußer Chirurg Dr. Heinrich Gref Ende Juni in Ruhestand. Der Mediziner ist ein Mann der klaren Worte. Auch was aktuell den Umgang mit der Pandemie betrifft.

Ein streitbarer Mensch war Heinrich Gref schon immer. Nach 50 Jahren ist er am Ende seiner beruflichen Laufbahn in der Coronapandemie als Arzt und Chirurg gefordert wie nie. Seine Einstellung zu seinem Beruf und sein striktes Handeln haben sich in all der Zeit nicht verändert. Er kann damit umgehen, auch wenn ihm mal gehörig Gegenwind ins Gesicht bläst.

Gref kam kurz vor Kriegsende im Jahr 1944 zur Welt und wuchs im Schwarzwald auf. Schon im Alter von 16 Jahren beschloss er, einen besonderen Weg einzuschlagen. Er zog nach Barcelona, später nach Bilbao, um dann schließlich in Madrid das Abitur zu machen. Zurück in Deutschland studierte er in Berlin. "Ich hatte mit 10 Jahren ein Buch über Albert Schweitzer gelesen. Das hat mich schwer beeindruckt und vielleicht bei der Entscheidung für die Medizin etwas beeinflusst", erklärt der 77-Jährige. In Berlin sei er aber bei Demonstrationen wie zum Beispiel gegen den Vietnamkrieg und die Springer-Presse mehr auf der Straße gewesen als an der Uni.

Einsatz in Krisengebieten

1972 trat Gref eine Oberarzt-Stelle am Marienkrankenhaus in Berlin-Kreuzberg an. In diese Zeit fallen mehrere "Auslandseinsätze" in Krisengebieten wie Kambodscha. Der Chirurg ließ sich beurlauben, um im schlimmsten Elend inmitten von Flüchtlingsströmen zu helfen. Er erzählt von Operationen in Bambus-Provisorien und fehlendem OP-Besteck. Nebenbei bemerkt er: "Das war die schönste medizinische Zeit in meinem ganzen Leben – ohne einen einzigen Fetzen Papier." Rückblickend vermutet er, dass er in der Entwicklungshilfe wohl noch besser aufgehoben gewesen wäre.

Stattdessen führte ihn sein Weg 1982 ins Kreiskrankenhaus nach Vohenstrauß. "Hier gab es Aussicht auf eine Chefarzt-Nachfolge. Außerdem war ich Jahre vorher schon mal in Moosbach auf Urlaub. Die Region hat mir sehr gut gefallen", erzählt Gref. Schon bald erkannte der junge Arzt, dass gesundheitspolitische Entscheidungen auch auf dem flachen Land für ihn nicht immer logisch und nachvollziehbar waren. Die Chefarzt-Stelle war anderweitig vergeben worden. Gref entschied, sich in Vohenstrauß niederzulassen. Seine Praxis in der Frühlingstraße – wo in diesen Tagen regenbogenfarbene Pace-Flaggen an den Fenstern flattern – eröffnete er 1985. "Die Praxis war von Anfang an zu voll, und so ist es heute noch", schmunzelt der 77-Jährige. Er suchte sich Partner. Anfangs war dies Dr. Gisela Kutter. Aktuell sind Gerhard Hammer und Bernd Lauterbach seine Kollegen. "Beide werden die Praxis auch weiterführen", erklärt Gref. Ein dritter Arzt wird wohl nicht mehr einsteigen. "Ich suche seit Jahren einen Nachfolger. Ohne Erfolg. Da ist nichts zu machen."

Fortschritt nicht nur ein Segen

Die Patienten – mittlerweile in dritter Generation – kommen nicht nur wegen Bauch- oder Rückenschmerzen "zum Gref". "Da geht es oft auch um sonstige Probleme." Der Arzt gehört bei vielen Patienten seit Jahrzehnten zur Familie. Umgekehrt standen bei Gref seine Schützlinge im Mittelpunkt. So beendete er vor vier Jahren seine 28-jährige Arbeit im Stadtrat, um mehr Zeit für die Praxis zu haben. Über zwei Jahrzehnte saß er auch im Kreistag. Den technischen Fortschritt in der Medizin sieht der Chirurg nicht nur als Segen. "Natürlich gibt es sehr viele Errungenschaften, die toll sind. Wenn man einem 90-Jährigen mit einer neuen Hüfte helfen kann. Aber oft werden die Menschen nicht gut untersucht. Es wird gleich ein Blutbild gemacht, sie kommen von einer Maschine in die nächste. Wenn man am Anfang mal genau zuhören würde, würde man ganz gut eine klare Richtung bekommen, was den Leuten fehlt."

Einen harten Kurs fährt Gref seit Beginn der Coronapandemie: "Ich habe von Anfang an massiv Testungen durchgeführt. Auch auf mein eigenes Risiko, ich bin ja auch schon etwas erwachsen." Keinen Pardon kennt er beim Umgang mit ungeimpften Patienten, die unangemeldet Zutritt zu seiner Praxis wollen. "Wenn der Laden voll ist, schicke ich die raus. Sie warten draußen. Es ist nicht so, dass ich sie nicht behandle, aber ich muss die geimpften und anderen kranken Patienten vor Ansteckung schützen." Diese Vorgehensweise hat Gref schon Diskussionen mit der Ärztekammer und unschöne Kommentare in den sozialen Medien eingebracht: "Was glauben Sie, wie es da manchmal auf Facebook abgeht?" Das sehe er aber gelassen.

"Ungeheuerlich" fand er die Aussagen der Politiker zu Beginn der verheerenden Krankheitswelle, es würde keine Impfpflicht eingeführt. "Nur um Stimmen vom rechten Rand abzuschöpfen. Das ist für mich totales Demokratieversagen." Aktuell findet der Arzt die Lockerungen, vor allem den Wegfall der Maskenpflicht bei derart hohen Fallzahlen, als falsches Zeichen. Die Impfpflicht sei nach wie vor wichtig und richtig: "Wären mehr Menschen geimpft, hätten wir nicht das Problem mit immer neuen Virusvarianten." Gerade in sozialen Berufen seien Impfverweigerer fehl am Platz: "Wenn ich so wenig Empathie für meine Schützlinge habe, dann gehöre ich nicht da hin." Und das Argument, man warte lieber auf einen Totimpfstoff, sei nur vorgeschoben: "Diese Leute lassen sich jetzt trotzdem nicht impfen." Sein Resümee zur Pandemie: "Grundsätzlich habe ich weniger Angst vor Corona als vor der Entwicklung unserer Demokratie."

Bürokratie "absolut hinderlich"

Angesichts der fortschreitenden Entmenschlichung und Ökonomisierung der Medizin sei ein Gelingen auf die Dauer sehr schwierig. Gref beklagt diese Entwicklung schon seit Jahren und weigert sich im Ernstfall, mitzuspielen. So lehnte er es zum Beispiel ab, eine alte Frau nach einem Oberschenkelhalsbruch nach den vorgeschriebenen Tagen im Krankenhaus zu entlassen, weil sie sich noch nicht allein versorgen konnte. "Ernsthafte Schwierigkeiten habe ich nie bekommen", erinnert sich der Arzt. Stress empfinde er vor allem, wenn die "absolut hinderliche Bürokratie" mittlerweile über die Hälfte seiner Arbeitszeit in Anspruch nehme. "Jungen Ärzten rate ich deswegen, mit Händen und Füßen zu versuchen, sich nicht in diese Ökonomisierung reinziehen zu lassen, weil man das irgendwann nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann." Gref denkt nicht lange nach, wenn man ihn fragt, was man als Arzt unbedingt mitbringen sollte: "Man muss Menschen mögen."

40 Jahre lang rauchte der Chirurg wie ein Schlot. "Es waren bis zu 80 Zigaretten am Tag", gibt er zu. Nicht erst seitdem er damit aufgehört hat, sucht der Vohenstraußer Frieden und Entspannung in der Natur: "Ich schaue oft in den Himmel. Das bringt mir unheimlich viel." Wenn er ans Aufhören denkt, sei er froh darüber, nun endlich Zeit zu finden zum Reisen und Lesen. "Als Student bin ich ewig rumgefahren. Ich war überall. Balkan, Libanon, Syrien, Türkei, Ägypten. Immer mit dem Auto oder dem umgebauten VW-Bus. Das will ich jetzt wieder machen. Und Lesen." Der 77-Jährige wird den Vohenstraußern als Privatmann erhalten bleiben. Neben seinem Wohnsitz in Teunz wird "der Gref" sein Haus in der ehemaligen Kreisstadt behalten.

Vohenstrauß10.06.2018
Vohenstrauß19.12.2019
Hintergrund:

Zur Person: Dr. Heinrich Gref

  • geboren 1944 im Allgäu
  • Nach dem Abitur in Madrid Medizinstudium in Berlin
  • 1972 Oberarzt im Marienkrankenhaus in Berlin-Kreuzberg
  • 1982 Wechsel an das Kreiskrankenhaus Vohenstrauß
  • 1985 Eröffnung der Praxis in Vohenstrauß
  • 1990 bis 2018 Mitglied im Stadtrat für die SPD-Fraktion
  • 1990 bis 2011 Mitglied im Kreistag
  • Eintritt in den Ruhestand am 1. Juli 2022

"Grundsätzlich habe ich weniger Angst vor Corona als vor der Entwicklung unserer Demokratie."

Dr. Heinrich Gref

Dr. Heinrich Gref

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