31.05.2021 - 12:18 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Immer noch "Verrückt nach Meer": Schiffsarzt will zurück auf Reisen

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Dr. Winfried Koller aus Vohenstrauß ist Schiffsarzt auf einem Kreuzfahrtschiff. Sein absoluter Traumberuf. Bis zum April 2020. Dann kam Corona. Die "MS Amera" lag vor Brasilien. 1000 Menschen, gefangen auf einem Luxus-Liner im Amazonas.

Das hätte sich Dr. Winfried Koller, 67, auch nicht träumen lassen: Der Schiffsarzt begleitete das Kreuzfahrtschiff „MS Amera“ in der Corona-Pandemie auf einer 18-tägigen Odyssee von Südamerika zurück nach Europa.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Millionen Fernsehzuschauer kennen "Winnie " Koller (67), früher Leichtathlet beim TB Weiden und Gymnasiast am Kepler-Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren Schiffsarzt auf einem der Kreuzfahrtschiffe der Doku-Serie "Verrückt nach Meer". Seit über 350 Folgen sind die Zuschauer live dabei, wenn reale Reisende zu ihren Touren um die Welt aufbrechen. Und so war auch im Frühjahr 2020 ein Kamerateam an Bord. Am Ende drehte es keine neue Folge von "Verrückt nach Meer". Sondern eine unfreiwillig spannende ARD-Reportage: "Kreuzfahrt und Corona - ein Schiff auf Irrwegen". Die Odyssee der "MS Amera" wurde zur "Story im Ersten".

Gestrandet in Manaus

Mitte März 2020. Die "MS Amera" ist im Amazonas in Brasilien unterwegs, als sich die Lage weltweit zuspitzt. Wuhan in China. Bergamo in Italien. Schreckliche Bilder gehen um die Welt. Die "MS Amera" steuert den Hafen von Manaus an. Hier sollen 400 Gäste von Bord gehen und nach Hause fliegen. Die Reederei hat Charterflüge organisiert.

Daraus wird nichts. Kein Flugzeug hebt mehr ab. Kein Passagier darf mehr an Land. Innerhalb weniger Tage machen in Südamerika sämtliche Häfen dicht. Ebenso der Luftraum. "Die Ereignisse überschlagen sich. Manchmal denke ich: kneift mich mal einer in den Arm", sagt Kapitän Elmar Mühlebach. Am Pier patrouilliert die Polizei. Vertreter der örtlichen Gesundheitsbehörden kommen an Bord. Mit ihnen verhandelt Dr. Winfried Koller.

Der Vohenstraußer spricht fließend Portugiesisch. Er hat eine brasilianische Ehefrau, eine Tochter studiert in Rio. Seit vielen Jahren drittelt Koller sein Leben: Im Winter ist er Schiffsarzt auf den Weltmeeren. Im Sommer arbeitet er in einer Praxis in München. Und dazwischen lebt er mit seiner Familie an der Copacabana.

Am Ende kann Dr. Koller nichts mehr ausrichten: Zu groß ist die Angst der brasilianischen Regierung vor einem Einschleppen des Virus. Der Gouverneur des Amazonas verweigert den Deutschen schriftlich den Landgang. Die "MS Amera" braucht einen Plan B - und nimmt Kurs auf Deutschland. In 18 Tagen will der Kapitän den Atlantik überqueren. 991 Menschen sind an Bord, die fast alle schon vier Wochen auf dem Schiff hinter sich haben. Das Kreuzfahrtschiff wird zum schwimmenden Gefängnis. 30 mal 230 Meter groß.

Die Nerven liegen blank. Ein Paar erzählt von den Kindern, die es bei Oma und Opa gelassen hat. Eine Seniorin legt an der Rezeption verzweifelt den Kopf auf den Tresen. In der Belegschaft wischen sich Filipinos Tränen aus den Augenwinkeln, weil sie ihre Familien auf den Philippinen nicht mehr erreichen. Und wissen: Mit dem Job auf See geht der Lebensunterhalt für die ganze Großfamilie den Bach hinunter.

Tauziehen um Medikamente

Schiffsarzt Koller ist gefragter denn je. Die Passagiere sind weit länger unterwegs als geplant. Lebensnotwendige Krebsmedikamente, Psychopharmaka, ein HIV-Medikament - all das ist schwer oder gar nicht zu bekommen. Koller muss das Konsulat einschalten. Erst beim letzten Tankstopp in Belem reicht ein Bote eine Tüte mit wichtigen Arzneien an Bord. Die Verantwortung für Koller ist groß. Fünf Tage ist die "MS Amera" komplett abgeschnitten von medizinischer Versorgung vom Land aus.

Zeitgleich gehen von der anderen Seite der Welt schauderhafte Nachrichten ein. Auf dem Schwesternschiff, der "MS Artania" vor Australien, ist Corona ausgebrochen. 29 Gäste und Crewmitglieder werden positiv getestet. Man kennt sich gut, steht in Kontakt.

Was ist, wenn das Virus auch an Bord der "MS Amera" ist? Noch können sich die Passagiere auf dem Schiff frei bewegen. Die Belegschaft tut alles für gute Laune. Pool, Bar, Sport, Gala-Dinner. "Wir leben hier wie eine Kommune", sagt der Kapitän. "Das Ganze dreht sich sofort, wenn wir einen Patienten haben."

Mitten auf dem Atlantik - 14 Tage nach dem letzten Landgang - kann der Schiffsarzt endlich Entwarnung geben. Die "MS Amera" ist coronafrei. "Ich hatte eigentlich nie Angst", erinnert sich Koller. "Aber eine Anspannung war schon da." Am 4. April 2020 kommt die "MS Amera" in Bremerhaven an. Einen Todesfall gibt es dennoch: Zwei Tage vor der Ankunft stirbt ein Stammgast an einer chronischen Lungenerkrankung. Koller bedauert das. "Ich mochte ihn gern."

Impfungen der Ausweg?

Über ein Jahr ist vergangen. Koller hielt an seiner Routine fest, arbeitete erst in München, flog im Oktober nach Brasilien. Trotz aller Vorsicht steckten sich er und seine Frau Darcylene im November bei einem Grillnachmittag mit Corona an. Die Überträgerin musste ins Krankenhaus, Kollers waren froh um einen leichten Verlauf. Seit März 2021 arbeitet Koller wieder in München.

Und er vermisst die See. Der Orthopäde hofft, noch im Sommer wieder abzulegen. Aktuell werde viel diskutiert über Impfungen. Die Kunden - oft über 70 - seien vermutlich fast durchgeimpft. Das will man auch für die Crew erreichen. Fraglich sei noch, welche Häfen überhaupt geöffnet haben. "Aktuell ist noch viel dicht." Ausgerechnet Grönland hätte auf - nicht unbedingt das Traumziel von Koller. Aber er will weitermachen. "Solange es mir Spaß macht, bin ich dabei."

Der Arzt der sieben Meere: Interview mit Winfried Koller

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

"Verrückt nach Meer"

"Verrückt nach Meer“ ist eine Doku-Serie der ARD, über den Alltag von Gästen und Besatzung an Bord einiger Kreuzfahrtschiffe des deutschen Reiseveranstalter Phoenix Reisen. Im Frühjahr bedingte die Corona-Pandemie ein vorzeitiges Ende der Filmaufnahmen.

Die ARD-"Story im Ersten" über die letzte Reise der "MS Amera"

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