10.07.2020 - 10:47 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Klimawandel: Paradebeispiel für robusten Mischwald

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Der Klimawandel setzt dem Wald zu. Die Fichte hat große Probleme. Das Zauberwort heißt Waldumbau. Paul Hopf aus Vohenstrauß geht mit gutem Beispiel voran und pflanzt heimische, stabile Baumarten - auch wenn der Aufwand enorm ist.

Forstdirektor Gerhard Hösl, Forstamtmann Stefan Stangl und Waldbesitzer Paul Hopf (von links) begutachten die Entwicklung der frisch gepflanzten Bäume. Auch wenn sie von Unmengen Unkraut umgeben sind, sind die knapp 2000 Bäumchen durch die Kennzeichnung mit Bambusstäben nicht zu übersehen .
von Christine Walbert Kontakt Profil

Die beiden Experten Forstdirektor Gerhard Hösl, Bereichsleiter Forst am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Weiden (AELF), und der Leiter des Forstreviers Vohenstrauß und Privatwaldbetreuer Stephan Stangl, sind sich einig: Vor allem Fichtenreinbestände werden angesichts steigender Temperaturen und anhaltender Trockenheit Probleme bekommen. Durch ihr flaches Wurzelsystem sind sie einerseits auf regelmäßige Niederschläge angewiesen, andererseits finden die Bäume bei Stürmen weniger Halt im Boden. Trockenschäden und große Windwürfe sind die Folge.

Ab sofort gelte es, klimaempfindliche Nadelwälder in widerstandsfähige Mischwälder umzubauen. Ziel sind stabile und strukturreiche Bestände, die zu mindestens 30 Prozent aus Laubbäumen beziehungsweise Tanne bestehen. Für die Umsetzung dieses Plans greift der Freistaat tief in die Schatulle. Die Fördergelder sind enorm in die Höhe geschnellt. Stangl erklärt, dass sich im Frühjahr die Sätze sogar verdoppelt haben. Die Waldbesitzer würden nun vermehrt auf die finanziellen Anreize reagieren.

Entscheidung für 100 Jahre

Der Revierleiter beschreibt die große Herausforderung, vor der die Forstleute beim Waldumbau stehen: "Unsere Entscheidungen betreffen die nächsten 100 Jahre. Es ist aber unklar, ob sich das Klima um 2 oder um 5 Grad Celsius erwärmt. Das hat enorme Folgen für das in Frage kommende Baumartenpektrum." In ihren Prognosen gehen die Forstleute derzeit zwischen 2 und 2,5 Grad aus.

Die beiden Strategien für einen erfolgreichen Waldumbau: Man setzt auf "neue Baumarten", die aus Mittelmeerregionen stammen, in denen bereits jetzt ein Klima vorherrscht, wie es für unsere Region prognostiziert wird. Laut Hösl gebe es tatsächlich vermehrt Versuche mit Libanonzeder, Baumhasel oder Schwarznuss. "Wir haben aber mit alternativen Baumarten keine Langzeiterfahrung. Sie müssen ja trotzdem auch vereinzelte strenge Winter überleben." Die Kosten seien sehr hoch. Der Genpool dieser Baumarten sei klein, Setzlinge kaum verfügbar. Deshalb sei derzeit kein großflächiger Anbau dieser "Exoten" ratsam.

Die zweite Variante: die verstärkte Pflanzung von bereits seit langem hier angebauten trockenheits- und hitzebeständigen Exemplaren wie Eiche, Elsbeere, Speierling, Walnuss, Esskastanie oder auch dem "Baum des Jahres 2020", die Robinie. Beim Nadelholz entscheiden sich die Forstleute bei geeigneten Standorten immer häufiger für Tiefwurzler wie Tanne, Douglasie und Lärche. Stangl: "Wenn irgendmöglich setzen wir natürlich auch auf Naturverjüngung".

Natürliche Feinde bekämpfen

Die Förster haben es mit etlichen Gegenspielern zu tun. Höchste Priorität haben nach wie vor niedrige Wildbestände, weil die Kosten für den Verbissschutz enorm seien. Neben der steigenden Waldbrandgefahr müsse man als Folge des Klimawandels vermehrt mit Schadinsekten (Borkenkäfer und Eichprozessionsspinner) rechnen. Der Revierleiter erwähnt auch das Auftauchen von bislang nicht heimischen, wärmeliebenden Schädlingen wie dem Asiatischen Laubholzbockkäfer.

Das Beispiel des Vohenstraußers Paul Hopf könnte Schule machen. Er musste den Wald seiner betagten Mutter nach Sturm- und Käferschäden komplett erneuern. Die Idee des Waldumbaus fand er durchaus ansprechend, wollte sich dabei aber auf keine riskanten Abenteuer einlassen. Er nahm sich Forstamtmann Stangl als Berater zur Seite, beantragte die fünfjährige Förderung im "WaldFöPR 2020" und pflanzte im Frühjahr auf der 0,6 Hektar großen Fläche einen Mischbestand an, der von den Forstleuten als Paradebeispiel gelobt wird.

Stangl riet dem Waldbesitzer zu Erle, Vogelkirsche, Linde, Flatterulme und Tanne. Die Waldrandstreifen bestehen aus diversen heimischen Sträuchern und einzelnen Apfel- und Birnbäumen. Allein mit der Tanne sei Hopf ein gewisses Risiko eingegangen, weil sie auf der großen Freifläche frostgefährdet sei.

Vor Ort machen sich Hösl und Stangl ein Bild vom Entwicklungsstand des Wäldchens, das zwischen Vohenstrauß und Pleystein liegt. Auf den ersten Blick steht fest: Nach den Niederschlägen der vergangenen Wochen, die von den Experten nur als "kleine Verschnaufpause für den Wald" eingeordnet werden, haben sich nicht nur die kleinen Bäumchen gut entwickelt. Stangl: "Auch das Unkraut erfreut sich am Regen". Hösl sieht auf den Waldbesitzer eine kosten- und zeitintensive Arbeit zukommen, denn das Unkraut muss per Hand mit Sichel oder Motorsense entfernt werden. Diese aufwendigen Pflegemaßnahmen seien im Förderprogramm in der Pauschale mit abgedeckt.

Allgemeine Infos zum Eichenprozessionsspinner

Enormer Pflegeaufwand

Nur wenige der knapp 2000 neu angepflanzten Bäumchen weisen Spätfrostschäden auf. Hösl schätzt, dass der Pflegeaufwand in den ersten beiden Jahren sehr hoch sein werde. Unverzichtbar sei der Wildschutzzaun rund um junge Waldfläche. Allein hierfür habe Hopf rund 2000 Euro aufwenden müssen.

Stangl, der dem Waldbesitzer nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite steht, ist vom Engagement des Vohenstraußers begeistert: "Da steckt sehr viel Idealismus drin." Ein kleines Beispiel: Hopf hat in der Trockenphase im Frühjahr Stunden damit verbracht, die frischen Pflänzchen mit Unmengen an Wasser aus seinem angrenzenden Weiher zu versorgen. Er nennt die Beweggründe für sein ambitioniertes Vorgehen: "Ich hasse diese modernen Gärten mit den grauen Steinen und Mährobotern. Ich mache das Gegenteil. Das bin ich der Umwelt und meiner Nachwelt einfach schuldig."

Der Waldumbau beschäftigt auch den Landtag

München

Wir haben aber mit alternativen Baumarten keine Langzeiterfahrung. Sie müssen ja trotzdem auch vereinzelte strenge Winter überleben.

Forstdirektor Gerhard Hösl

Forstdirektor Gerhard Hösl

Ich hasse diese modernen Gärten mit den grauen Steinen und Mährobotern. Ich mache das Gegenteil. Das bin ich der Umwelt und meiner Nachwelt einfach schuldig.

Paul Hopf

Paul Hopf

Forstamtmann Stefan Stangl erkennt an der im März gepflanzten Vogelkirsche einen abgestorbenen Trieb, der auf Spätfrostschäden hindeutet.
Der neu gepflanzte Areal von Paul Hopf ist von drei Seiten mit einem bestehenden Wald umgeben, deshalb hat er um die komplette einen Wildschutzzaun gebaut.
An jedem Tonkinstab wurde ein Bäumchen gepflanzt. Fast 2000 Stück sind auf der 0,6 Hektar großen Fläche von Paul Hopf zu sehen.
Hintergrund:

Förderangebot für Waldbesitzer

Seit Frühjahr 2020 gibt es nochmals stark verbesserte Fördermöglichkeiten für Pflanzung von standortgeeigneten Mischwäldern und zum Teil auch Wuchshüllen. Die Pflege ist ab dem dritten Jahr förderbar, Nachbesserung bereits ab dem ersten Jahr (wenn nicht eigenverschuldet. Sogar das Bewässern wird bei großer Trockenheit (maximal zweimal im Jahr) gefördert. Es werden etwa 90 Prozent der üblichen Kostensätze als Förderbetrag ausgezahlt. Voraussetzung ist immer ein Beratungsgespräch mit dem zuständigen Förster - im Internet unter "Försterfinder" schnell gefunden - und ein gemeinsam erarbeiteter Arbeits- und Kulturplan.

Im Blickpunkt:

Naturverjüngung

Aus den Samen der Altbäume entwickelt sich die nächste Baumgeneration. Die gewünschten Baumarten werden durch waldbauliche Maßnahmen und eine waldfreundliche Jagd gezielt gefördert. Diese Methode hat die großen Vorteile, dass Bäume aus Naturverjüngung im Allgemeinen bessere Wurzeln, mehr Halt im Boden und ein besseres Wachstum aufweisen. Zudem kann man auf teure Pflanzungen verzichten.

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