21.10.2021 - 18:24 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Nach Musicalabsage im Sommer: Landestheater lädt wieder ins "Cabaret"

Sein Rücken zwickt seit Jahren. Das ist nichts Besonderes. Eine falsche Bewegung setzt Ruppert Grünbauer im Juni aber richtig außer Gefecht. Und kippt damit auch eine komplette Musicalproduktion des Landestheaters Oberpfalz.

Jetzt kann Ruppert Grünbauer als "Herr Schultz" in der Wiederaufnahme von "Cabaret" ab dem heutigen Freitag sogar mit wieder ein vorsichtiges Tänzchen wagen.
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Genau eine Stunde nach dem Ausscheiden des Deutschen Fußballnationalteams aus der EM kommt auch für ihn das Aus, witzelt Ruppert Grünbauer. Seines ist deutlich schmerzhafter: Bandscheibenvorfall. Und das nur knapp drei Wochen vor der Premiere des Musicals "Cabaret" in Grafenwöhr, in der der Neustädter als jüdischer Obsthändler Schulz eine tragende Rolle spielen sollte. Schnell wird klar, das nichts daraus wird. "Das Schlimme war nicht der Bandscheibenvorfall an sich, sondern dass ein Nerv eingeklemmt war. Mein linkes Bein war teilweise gelähmt", sagt der 60-Jährige bei der ersten Bühnenprobe am Dienstag für die erneute Wiederaufnahme. Drei Tage im Krankenhaus folgen damals.

Währenddessen liefen die Diskussionen beim Landestheater Oberpfalz zwar auf Hochtouren, aber auch nur kurz. "Natürlich versucht man immer, die Aufführung zu retten. Einen Schauspieler in dieser Situation zu ersetzen, ist aber schwierig", erzählt der künstlerische Leiter des LTO, Till Rickelt. Zumal das Musical nach Joe Masteroff über die wilden 20er Jahre, auf die der Schatten des aufziehenden Dritten Reichs fällt, mit 40 Personen auf und hinter der Bühne, Live-Band, LTO-Chor und Tanztruppe die aufwendigste Produktion seit vielen Jahren ist. Daher gibt es mit Tobias Schäffler (als Nazi Ernst Ludwig) und Tamara-Raphaela Hirschmann (als Fräulein Kost) sowie zwei Kit-Kat-Tänzerinnen (Lara Thomas und Jana Tölzer) und zwei Chorsängerinnen auch beim jetzigen Neustart nur wenige "Neue" im Ensemble.

Mit Adrenalin und Teamwork

"Es hätte sich ein externer Profi finden müssen, der in die Rolle passt und das Stück bereits kennt", erläutert Rickelt, der auch bei der Wiederaufnahme ab heute im Vohenstraußer Kulturherbst wieder Regie führt. "Bei Cabaret mussten wir einmal eine Nebenrolle an einem Abend ersetzen. Kurzfristig geht das schon mal. Mit Adrenalin und Mitspielern, die helfen. Aber in diesem Fall hatte er nur drei Szenen und wenig Text."

Grünbauers "Herr Schultz" dagegen ist eine große Rolle. Trotzdem wäre das Textlernen nur "Fleißarbeit" gewesen. Denn an der Figur hängt viel mehr dran, wie die Tiefe und Psychologie des Charakters und das Vertrauen im Zusammenspiel mit den anderen Darstellern. Auch aus diesem Grund gibt es heute die klassischen Zweitbesetzungen früherer Zeiten nur noch bei großen, lange gespielten Produktionen.

Und selbst wenn das geklappt hätte: Angesichts der Kürze der Zeit und weiteren Herausforderungen wie die Adaption des Musicals von der Bühne in der Vohenstraußer Stadthalle auf die Freilicht-Naturbühne am Schönberg war das einfach nicht zu schaffen. Drei Tage nach der Verletzung Grünbauers wurden die Auftritte in Grafenwöhr abgesagt.

"Nicht zu ersetzen"

"Wir haben dann gar nicht erst nach einem Ersatz gesucht. Es war eine Enttäuschung, klar, auch weil es auf dieser Bühne toll geworden wäre, aber es hätte mir andererseits auch Leid getan, ohne Rupp zu spielen", erzählt Rickelt. "Es wäre eine schwere Entscheidung gewesen, aber wir mussten sie glücklicherweise nicht treffen." Denn Grünbauer ist nicht nur einer der bekanntesten und beliebtesten Laiendarsteller der Burgfestspiele Leuchtenberg, sondern auch einer mit einer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz.

"Rupps Schauspiel hat eine besondere Qualität. Er ist ein talentierter Darsteller mit unnachahmlicher Art und einem tollem Ensemble-Spiel", lobt Rickelt seinen Darsteller. "Die Rolle des Salieri in ‚Amadeus‘ etwa ist so komplex, dass man eigentlich nicht auf die Idee kommt, sie einem Amateur zu geben. Selbst Profis müssen sich da erst reinarbeiten. Rupp hat das glänzend gemacht."

"Altersgerechtes" Cabaret

Wieder auf der Bühne zu stehen, ist für den passionierten Darsteller daher eine tiefe Freude. Insbesondere in einem Musical. "Seit ‚Linie 1‘ vor 20 Jahren hat mich das Musical nicht mehr losgelassen", erzählt der Schauspieler. Doch auch wenn es keine größere Unsicherheit bei Grünbauer gibt, bleibt er auch bei den Proben vorsichtig. "Auch jetzt, obwohl ich wieder fit bin, ist nichts wie vorher. Man achtet unbewusst darauf". Etwa wenn in einer Szene ein Stein von den Nazis durch die Scheibe seines Ladens geworfen wird. "Jetzt hebe ich ihn knieschonender auf, altersgerecht eben", lächelt Grünbauer. Auch die Bühne auf zwei Ebenen stellt kein Problem dar. "Glücklicherweise habe ich nur drei Treppenabgänge und zwei davon sind am Ende des ersten Teils und am Schluss." Schelmisch fügt er hinzu, dass ihm damit wohl künftig mögliche Tanzszenen – außer solche wie das kleine Tänzchen mit Claudia Lohmann in Cabaret – erspart bleiben werden. "Ich habe eh nie gerne Choreo gemacht."

Aufwendigste Produktion seit Jahren: Mit dem Landestheater Oberpfalz ins "Cabaret"

Vohenstrauß
Info:

„Burgschauspieler“ Ruppert Grünbauer

  • geboren 1961
  • Erste Theaterrolle: Biedermann und die Brandstifter als Feuerwehrmann (2000) an der Stadtbühne Vohenstrauß
  • Erste Gesangsrolle: "Linie 1" (2003), Burgfestspiele Leuchtenberg
  • seither bei allen Musicals dabei
  • Weitere tragende Rollen bei den Sommerfestspielen unter anderem in „Amadeus“, „Ein Sommernachtstraum“, „Altweiberfrühling“, „Ladies Night“ oder „Das Wirtshaus im Spessart“.
  • Grünbauer ist in „Cabaret“ am 22., 23., 28. und 29. Oktober in der Stadthalle Vohenstrauß zu sehen. Karten bei www.nt-ticket.de (tos)

 

 

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