07.02.2021 - 13:45 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Tierarztmangel auf dem Land: Praxis in Vohenstrauß schlägt Alarm

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Die Katze wird angefahren, der Hund zeigt Vergiftungserscheinungen, das Pferd braucht dringend Hilfe – und im eigenen Landkreis hat kein Tierarzt Notdienst. Eine Horrorvorstellung für jeden Tierbesitzer. Doch das kommt immer häufiger vor.

Yvonne Federl betreibt eine Kleintierpraxis in Vohenstrauß und hat große Probleme, einen Praxispartner zu finden. Der Tierarztmangel auf dem Land hat für ihre Patienten und deren Herrchen auch Auswirkungen auf die Erreichbarkeit im Notfall.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Leute aus meiner Praxis müssen für den Notdienst manchmal nach Schwandorf, Amberg oder Sulzbach-Rosenberg fahren“, sagt Yvonne Federl, Inhaberin einer auf Zahnheilkunde spezialisierten Kleintierpraxis in Vohenstrauß. Tierbesitzer müssten eine solche Distanz hinnehmen, weil sich freiwillig an den Notdiensten beteiligende Tierärzte wie sie landkreisübergreifend diese Dienste teilen. „Das muss jeder für sich entscheiden“, zeigt sie Verständnis für Kollegen, die oft aus gesundheitlichen oder familiären Gründen keine freiwilligen Notdienste anbieten. Verpflichtend müssen Notdienste angeboten werden, wenn sich nicht genug Freiwillige finden. Laut Tobias Guggenmos, Vorsitzender des Tierärztlichen Bezirksverbandes, ist dies im Landkreis Neustadt nicht der Fall. Federl spricht von drastischem Tierarztmangel auf dem Land. „Das Problem ist landauf, landab riesig.“ In ihrer Vohenstraußer Praxis hat sich die Lage sogar verschärft. Federl sucht seit dem Ausscheiden einer Assistenztierärztin im Mai 2020 vergeblich nach einem zweiten Tierarzt. Dass sie ihre Praxis nun als Einzelkämpferin führt, bringt sie an ihre Grenze, auch wenn sie noch immer von ihrem „Traumberuf“ spricht.

"Haben fast nie nicht gearbeitet"

„Ich habe über Weihnachten zum ersten Mal seit vielen Jahren zugehabt. Wir hatten vorher viele Intensivpatienten zu betreuen. Ich konnte fast nicht mehr.“ Als sie zu zweit in der Praxis waren, hätten sie „fast nie nicht gearbeitet“. Jetzt sei das anders, „sonst hätte ich nie frei“. Dabei sei sie interessiert an Berufsanfängern und habe die Suche nach Verstärkung auf diversen Wegen vorangetrieben: Meldung beim Arbeitsamt, Anzeigen, Veröffentlichungen im Internet sowie in Kanälen für Studierende. „Die einzige Bewerberin war eine Serbin, bei der ich sprachliche Probleme in Kauf genommen hätte. Aber sie hat abgesagt, weil es hier kein Gymnasium gibt. Es liegt an der Gegend. Obwohl es immer mehr Tiere werden, gibt es kaum junge Tierärzte, die auf dem Land arbeiten wollen.“

Kann es künftig wie in manchen Praxen für Humanmedizin einen Aufnahmestopp geben? „Ich habe davon schon gehört, aber das ist noch selten.“ Aber wenn ihre Praxis Notdienst hat, sei sie für drei oder vier Landkreise zuständig. Manch ein Anrufer lasse sie zweifeln, ob er eine vernünftige Beziehung zur Tierhaltung habe oder einen Notfall überhaupt erkennen könne. „Zum Beispiel rufen Leute nachts an, weil die Kralle eines Kleintiers abgebrochen ist. Oder es läuft eine Geburt, aber die Tierbesitzer haben sich überhaupt nicht über den Ablauf informiert.“ Noch zugespitzter sei die Lage jedoch bei Großtier- oder Gemischtpraxen. Hier sei es kaum möglich, einen richtigen Notdienst zu organisieren.

Hilferufe von Pferdehaltern

„Häufig werden sogar wir mit unserer Kleintierpraxis bei Pferdenotfällen um Hilfe gebeten, da die Notfallversorgung mit weiter Anfahrt verbunden ist und die Kollegen überlastet sind.“ Die nächsten spezialisierten Tierärzte seien in Vilseck oder Hirschau. Federl weiß, wovon sie spricht: Sie ist selbst Pferdehalterin. „Ich kann aber nicht so einfach als Kleintierpraktikerin Pferdehalter bedienen.“ Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte bestätigt: „Gemischtpraxen verschwinden in rasender Geschwindigkeit vom Markt und hinterlassen Lücken, die nur schwer oder gar nicht zu schließen sind“, heißt es in einer Stellungnahme von 2019. Federl erinnert sich an eine Gemischtpraxis in Vohenstrauß, für die sich vor drei Jahren kein Nachfolger finden ließ. Das habe Auswirkungen auf die Altersvorsorge, für die der Verkauf der Praxen wichtig sei. Immerhin, der Fortbestand von Federls Praxis scheint gesichert. „Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Tochter Liesa nach elf Semestern Tiermedizinstudium mit prima Erfolg abgeschlossen und ihre Approbation erhalten hat“, freut sich die 61-Jährige. Liesa spezialisiere sich nun in München. „Aber auch sie braucht eine Praxispartnerschaft, um das Leben als Tierärztin auch mit Familie und einer Work-Life-Balance, die auf üblichem Niveau angesetzt ist, realisieren zu können.“

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Hintergrund:

Ursachen für Tierarztmangel

  • Fehlende Infrastruktur: Lückenhafter ÖPNV, fehlende Kinderbetreuung, weite Schulwege, langsame Internetverbindungen schrecken Tiermedizin-Absolventen von ländlichen Regionen ab. Viele wollen sich spezialisieren, was laut Yvonne Federl nur in Großstädten geht.
  • Work-Life-Balance: Balance zwischen Arbeit und Freizeit sei wichtig. Junge Tierärzte arbeiteten lieber als Angestellte, als eine Praxis zu betreiben. Flexible Arbeitszeiten seien erwünscht, aber schwer mit Notdiensten und dem Arbeitszeitgesetz zu vereinbaren, so Federl.
  • Zugang zur Tiermedizin: Vier Abiturienten bewerben sich ihr zufolge auf einen Studienplatz. Numerus clausus: 1,5. Die Talentquote liege bei 10 Prozent – laut Federl zu wenig. „Ein Praktikum brächte echt Interessierte besser zutage und wäre gut, um zu wissen, was auf einen zukommt.“
  • Absolventen praktizieren nicht: Unter 50 Prozent der Absolventen gingen in die Praxis. Der Rest lande bei besserer Bezahlung und geregelten Arbeitszeiten zum Beispiel in der Pharmaindustrie.
  • Bezahlung: Einen Tarifvertrag gebe es nicht. Die Gebührenordnung für Tierärzte schreibe Leistungspreise vor und wurde der Vohenstraußerin zufolge seit vielen Jahren nur in kleinen Schritten überarbeitet, zum Beispiel bei Notdienst-Gebühren.
  • Frauenberuf: 80 Prozent der Absolventen sind weiblich. Viele wollten Teilzeit arbeiten oder fielen zeitweise aus. Um Rund-um-die-Uhr-Betreuung organisieren zu können, seien mehr Angestellte nötig.

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