04.11.2020 - 16:11 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Von Wandern, Spielgelglas und Niedergang

Das Zottbachtal in der sanfthügeligen Mittelgebirgslandschaft des Oberpfälzer Waldes bietet ein Bild der Idylle. Aber auch des Niedergangs.

von Rainer ChristophProfil

Ausgangspunkt für diese Wanderung ist die seit mehr als 160 Jahren bestehende Mühle Gehenhammer bei Georgenberg (Kreis Neustadt/WN), dem "Dorf ohne Mittelpunkt". Im ehemaligen Hammerwerk Gehenhammer ist heute eine kleine zünftige Wirtschaft des Oberpfälzer Waldvereins untergebracht. Die Wanderung verläuft auf dem "Glasschleifererweg", eine Teilstrecke der 5. Etappe des Gesamtweges von rund 80 Kilometern. Beim Weitergehen geht der Weg über in die 2. Etappe Richtung Pleystein zum Finkenhammer.

Einige der Teilstrecken zeigen auch eine andere Dimension. Leerstehende und dem Verfall preisgegebene Gebäude, auf deren Gelände sich kleine grüne Biotope befinden. Damit verbunden die unübersehbaren Zeichen des Verfalls. Brachliegende Gebäude, eingestürzte Giebel, gebrochene Fensterscheiben. Doch auch sie strahlen irgendwie eine eigenartige Faszination aus.

Hier hat sich die Natur ihr Terrain schon zurückerobert. Zwischen Mauern und Gehölz erheben sich junge Birken. Ein Gewirr aus Büschen, Sträuchern und kleinen Bäumen überzieht die Gebäude am Bach. Nicht weniger interessant ist ihre Geschichte. Der Niedergang der Industrie machte auch sie überflüssig. Seit vielen Jahrzehnten stehen sie leer.

Einst Produktionsstätten

Was steckt dahinter? Am Ufer der Zott, deren Quelle wie die der Pfreimd im benachbarten Tschechien liegt, begegnet der Wanderer mehrfach ehemaligen Glasschleif- und Polierwerken. Bekannte Orte sind unter anderem Georgenberg, Gehenhammer, Neuenhammer, Hagenmühle und Peugenhammer. Sie nutzten einst die Energie des Wassers zur Glasveredelung. Ihre Geschichte geht weit zurück.

Die Oberpfalz war im ausgehenden Mittelalter wegen ihrer reichen Eisenerzfunde ein europäisch bedeutendes Zentrum der Eisenerzgewinnung und -verhüttung. Der Niedergang kam nach dem Dreißigjährigen Krieg, viele Eisenhämmer wurden zerstört, die Besitzer zum Teil ermordet.

Die Eisenerzvorkommen waren zudem erschöpft, die Wälder stark abgeholzt. Bis zum 18./19. Jahrhundert war der Holzbestand der Wälder in diesen Regionen brutal reduziert. Als die Menschen wieder Kraft schöpften, wurden viele Hammerwerke zu anderen Betrieben umgebaut, um die Wasserkraft weiterhin gewinnbringend zu nutzen. Groß war die Kreativität der Besitzer, und so entstanden in der Mitte des 18. Jahrhunderts Mühlen, Sägewerke und Glasschleifen. Eine Glasschleife war die vorindustrielle Produktionsstätte zur Bearbeitung und Veredelung von Flach- und Rohglas.

Das Rohmaterial wurde vor allem aus Böhmen bezogen. Sogar eine Papiermühle kann nachgewiesen werden, in der das heute noch geschätzte Büttenpapier produziert wurde. Gerade im Zottbachtal mit den Tröbesbach standen die Schleifstätten dicht gedrängt. Allein hier wurden um 1850 jährlich zwischen 4000 bis 110 000 Stück Glas produziert. Der Weg nach Süden mündete in die Straße von Nürnberg nach Prag, die vom Historischen her einige Jahrzehnte als "Verbotene Straße" bezeichnet wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der Oberpfalz 207 Schleif- und Polierwerke mit über 1800 Arbeitern. Manche konnten als Industriedenkmal gerettet werden und sind im Originalzustand zu besichtigen. Dazu gehört die Hagenmühle bei Pleystein, die bis 1965 noch in Betrieb war. Die noch funktionierende Glaspolier kann besichtigt werden: Erhalten ist ein Raum, in dem bis zum vergangenen Jahrhundert die unebenen Flachglasscheiben auf Schleiftischen durch mit Wasserkraft betriebene Schleifblöcke glatt geschliffen wurden. Eine Besichtigung und Vorführung des Schleifwerks ist nach Anmeldung unter Telefon 09658/381 jederzeit möglich.

In der ehemaligen Mühle ist auch ein Puppenmuseum untergebracht, in unmittelbarer Nähe steht das historische Polierwerk, dessen Gründung vor rund 270 Jahren erfolgte.

Von der Zott an die Pfreimd

Der Weg führt weiter bis zur Einmündung der Zott in die Pfreimd, die ebenfalls in Böhmen entspringt. Von der Hammermühle kommt man zur Gebhardsreutherschleife, dem ersten glasveredelnden Betrieb unseres Raumes. Gröbenstädt war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ebenfalls eine Hammerstatt, um sich dann auf die Glasschleiferei umzustellen. Mehr über Wandern auf dem Glasschleiferweg: www.glasschleifererweg.de

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