28.09.2018 - 14:56 Uhr
WaidhausOberpfalz

Einmarsch folgt Vertreibung

Tschechisches Militär besetzt Ende September 1938 den böhmischen Ort Waldheim. Die deutsche Bevölkerung ergreift die Flucht. 80 Jahre ist das nun her. Heimatforscher Karl Ochantel aus Vohenstrauß hat neu recherchiert.

Der Einmarsch in der Stadt Pfraumberg erfolgte mit einem großen Militäraufgebot. Heimatkundler Karl-Heinz Zintl hat davon mehrere Fotos in seinem Archiv.
von Josef ForsterProfil

Im September des Jahres 1938 herrschte Unruhe an der Grenze zwischen Reichenau und Vohenstrauß. Schon am 6. Mai hatte das Bezirksamt Vohenstrauß den Markt Waidhaus angewiesen, neue Tafeln mit der Aufschrift "Reichsgrenze" aufzustellen. Und zwar "30 Meter von der Grenze entfernt am Weg von Reichenau nach Reichenthal zwischen Grenzstein 27 und 27/1, am Fußweg von Grafenau nach Roßhaupt und an der Fischbrücke".

Amtmann Edler von Kuepach vom Bezirksamt Vohenstrauß schrieb am 7. September an die Grenzgemeinden, dass Grenzsteine im kleinen Grenzverkehr "in gegenwärtiger Zeit aus politischen Gründen unerwünscht" seien. Konrad Henlein wendete sich als Führer der Sudetendeutschen Partei gegen die "Tschechisierung" des Sudetenlands. Er forderte am 15. September die Autonomie der Sudeten. Werde dies nicht erreicht, laute die Parole: "Wir wollen heim ins Reich." So steht es bei Franz Voit in der Roßhaupter Chronik.

Flucht und Mobilmachung

Im Marktarchiv lagern viele Unterlagen zu den damaligen Grenzunruhen, mit bisher kaum bekannten Details. Viele Sudetendeutsche hatten Angst vor einem Krieg und flohen "ins Reich". Bei der Großkundgebung in Tachau hatte es Tote und Verletzte gegeben. In Haid werden Verhaftete in die Strafanstalt Bory abtransportiert. Die nationalsozialistische Reichsregierung reagierte und versuchte, die Fluchtbewegung zu kontrollieren. Sie richtete Sammelstellen ein und forderte die Bevölkerung auf, keine Flüchtlinge bei sich aufzunehmen.

Dann änderte sich die Lage. Die Nationalsozialisten tarnten die Mobilmachung an der Grenze mit Übungsmanövern. In den Herbstmanövern 1938 belegten die Regimenter die grenznahen Dörfer. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Pleystein wurde ein Nachschublager eingerichtet, das einer Zeltstadt glich. Das Heeresverpflegungsamt lagerte in der Turnhalle in Vohenstrauß Getreide. Auf einem Feld ging eine Flakbatterie in Stellung. In und um Waidhaus und Frankenreuth lagen Truppen. Die Wiener Tageszeitung "Das kleine Volksblatt" meldete am 24. September: Es wurde 21.45 Uhr bei der Tillyschanze bei Vohenstrauß von tschechischer Seite auf eine Patrouille des deutschen Grenzschutzes die sich auf reichsdeutschem Gebiet befand, geschossen. Eine Kugel traf den Grenzschutzhilfsmann Michael Eismann aus Eslarn tödlich."

Aufgrund des sogenannten "Münchner Abkommens" vom 29./30. September 1938 erfolgte die Abtretung des Sudetenlandes und damit die Eingliederung in das Deutsche Reich. Die Rest-Tschechoslowakei sollte die Garantie erhalten, im Krieg nicht angegriffen zu werden. Damit schien die Kriegsgefahr gebannt. Der Einmarsch deutscher Wehrmachtseinheiten in Teile des Sudetenlandes begann am 1. Oktober. Zwei Tage später marschierte die 10. Division der deutschen Wehrmacht um 12 Uhr über Waldheim nach Böhmen ein.

Der Durchmarsch der über 20 000 Mann soll 20 Stunden gedauert haben. Am 3. Oktober quartierten sich Einheiten von Waldthurn kommend bereits in Neuhäusl und in Helldroth ein. Mit Musik und gezogenem Säbel kamen sie am 5. Oktober auf dem Marktplatz in Tachau an. Am 5. Oktober rückten Truppen über Wassersuppen, Ronsberg bis Bischofteinitz vor und übernahm den dortigen Sicherungsabschnitt. Über Waidhaus zog eine Division in das böhmische Roßhaupt. Am 4. Oktober lagen 400 Mann des Arbeitsdienstlagers Straubing in Waidhaus in Quartier. Über Roßhaupt und Dianaberg erreichte die Wehrmacht in den Vormittagsstunden dieses Tages die Stadt Pfraumberg.

"Glückliche Heimkehr"

"Abgeschlossen" wurde die Besetzung am 10. Oktober, einem sonnigen Spätsommertag. In Waidhaus erinnert man sich: "Die Freude unter den vielen Flüchtlingen aus dem Sudetenland war groß. Es bedeutete für sie eine glückliche Heimkehr." Die Gemeindechronik Neuhäusl beherbergt einen Bericht von Otto Kilbert, der die Ereignisse in und um Reichenthal schildert: "Der Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Oktober 1938 ging fast reibungslos von sich." Aus Neuhäusl zogen die tschechischen Truppen am 30. September. Beim offiziellen Gottesdienst am 9. Oktober war die NSDAP mit Fahnen anwesend. Am 16. Oktober verkehrte wieder der Postautobus.

Grenzsteine entfernt

Nach dem sogenannten Einmarsch verfügte das Innenministerium am 27. Juni 1939: "Durch die Wiedervereinigung der sudetendeutschen Gebiete mit dem Deutschen Reich hat die ehemals deutsch-tschechische Grenze ihre Bedeutung als Hoheitsgrenze verloren. Hoheitszeichen an Grenzsteinen sind zu entfernen."

Am 12. Januar 1940 gibt der Landrat die Weisung der Staatskanzlei weiter, dass "die bei den Übergängen an der ehemaligen Grenze zwischen dem Altreich und dem früheren sudetendeutschen Gebiet (...) aufgestellten eisernen Schranken, Straßensperren, Ketten und so weiter zu entfernen sind und an der Außengrenze des Reiches Verwendung finden." Es sollte nicht lange dauern, bis nach dem Untergang des Dritten Reichs 1945 diese Grenzmarkierungen wieder aufgestellt werden mussten. Durch den beginnenden Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion wurde die Grenze so undurchlässig wie nie zuvor.

Die 10. Division der deutschen Wehrmacht marschierte am 3. Oktober um 12 Uhr über Waldheim nach Böhmen ein. Der Durchmarsch der über 20 000 Mann soll 20 Stunden gedauert haben.
Das Bezirksamt Vohenstrauß hatte den Markt Waidhaus im Mai 1938 angewiesen, Tafeln mit der Aufschrift „Reichsgrenze“ aufzustellen. Am verlassenen Grenzübergang zwischen Reichenau und Reichenthal stehen heute längst ganz andere Schilder.
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