09.11.2018 - 10:33 Uhr
WaidhausOberpfalz

Kommt an der Grenze der Jahrhundertwinter?

Im Jahr 1928 bricht ein Sommer alle Hitzerekorde. Doch darauf folgt bittere Kälte. Der Schnee liegt zwei Meter hoch, Tiere erfrieren im Wald und Transport und Versorgung brechen zusammen.

Ein eisiger und schneereicher Winter nimmt vor 90 Jahren auch Waldthurn nach einem ähnlich heißen Sommer wie 2018 lange Zeit in Beschlag.
von Josef ForsterProfil

Der Wahnsinns-Sommer des Jahres 2018 ist zu Ende. Doch die Hitzerekorde sind nicht die ersten der Region. Auch für das Jahr 1928 ist ein ähnlich trockener und durchgehend heißer Sommer belegt. Damals folgte darauf allerdings ein Winter mit sibirischer Kälte und meterhohen Schneeverwehungen. Steht das der Region wieder bevor? Der Winter im Januar des Jahres 1929 begann mit normalen Schneehöhen. Straßen und Wege waren zwar verschneit, aber es war noch nichts Außergewöhnliches, dass im Waidhauser Böhmerwald entlang der Grenze schon fast 75 Zentimeter Schnee lagen. Einzelne Riesenstämme wurden von mehreren Pferden aus dem Schnee auf die Straße geschleift. Nach der Arbeit ließen die Fuhrleute die Pferde mit einer Decke vor dem Wirtshaus stehen. Sie selbst saßen drinnen im Warmen.

Doch dann nahmen die weißen Flocken kaum ein Ende und der Schnee türmte sich allmählich meterhoch. Pferde, Schlitten und Holzstämme versanken im weißen Meer; der Fuhrbetrieb kam ins Stocken. Wer kennt nicht den Fuhrmann, den es „an der böhmischen Grenze verweht hat.“ Starke Schneeverwehungen schnitten viele Orte ab. Das steht in den damaligen Ausgaben des "Vohenstraußer Anzeigers". Beim Seltmann-Park in Altenstadt waren die Schneemassen zwei Meter hoch. Der Schnee auf dem am Zaun entlangführenden Weg erreichte schon die Zaunspitzen. Ein Waldarbeiter geriet bei Weißenstein mittags gegen 1 Uhr gar unter einen stürzenden Stamm, der ihm den Unterschenkel zersplitterte. Schneeberge verhinderten, dass das Sanitätsauto in Richtung Pleystein fahren konnte. Der Kranke musste deshalb in der Tragbahre mit dem Schlitten von Weißenstein nach Pleystein, dann abends 7 Uhr mit der Bahn nach Vohenstrauß und dann mit dem Sanitätsauto nach Weiden gebracht werden.

Die Leute gingen auf Schneeschuhen durch Vohenstrauß. Das ist allerdings nach Alkoholgenuss eine sehr unsichere Sache. In der Pfarrgasse rempelten zwei Arbeitslose zusammen und begannen zu raufen. Die Polizei versuchte die Balgerei zu schlichten. Auch ein weiterer Arbeitsloser, der auf Schneeschuhen daherkam, wurde in den Streit hineingezogen.

Im Februar steigerte sich die Kälte auf minus 18 Grad. Der Lichtmessmarkt in Vohenstrauß fiel aus. Der „Vohenstraußer Anzeiger“ bedauerte die Damen, die „unter den Mänteln oft nicht sehr wetterfest bekleidet sind, mit frohen Gefühlen zum Tanzsaal ziehen, wo sie aufzutauen pflegen.“ Aus den Fenstern konnte man vor lauter Eisblumen nicht mehr schauen. Und es wurde immer kälter. Am 11. Februar war der kälteste Tag des Jahres 1929. Arbeiterinnen und Arbeiter von auswärts erfror sich auf dem Wege zur Arbeitsstätte nach Vohenstrauß Füße und Gesicht. In einem Wirtshaus am oberen Markt in Vohenstrauß kam es zu einer sonderlichen Wette. Der „Schuhbauer“ aus Braunetsrieth wollte barfuß bis zum Wolf auf die Gaststätte „Eisenbahn“ hinunterlaufen. Bei der Kirche begegnete er dem Tierarzt Gast, der ihn mit den Worten begrüßte: „Sie haben es aber heute notwendig!“ Der Braunetsriether antwortete mit dem „Götz-Zitat“, aber er gewann die Wette.

Auch in anderen Quellen fand die extreme Kälte jenes Jahres ihren Niederschlag: In Prag hatte es mit 28 Grad die tiefste Temperatur seit 1775. In Marienbad hatte es 30 Grad, in Budweis zeigte das Thermometer eine sibirische Kälte von 41 Grad minus. Auf dem Bodensee tummelten sich Tausende Schlittschuhläufer. Das Eis auf der Donau erreichte eine Stärke von bis zu zwei Metern. Bei Dresden kam das Eis auf der Elbe zum Stehen und gefror bis Hamburg zu, was letztmals 1830 geschehen ist. In Venedig war es mit 10 Grad Kälte so eisig wie seit 1755 nicht mehr, sogar die Lagune fror zu.

Im Wald am Fahrenberg gab es schauerliche Bilder: Ein Rudel Rehe war erfroren. Bei Floß waren es 35 verendete Tiere. Fast 100 tote Rehe gab es im Staatswald des Forstamtes Eslarn. Auch wurden vielfach Hasen und Rebhühner in ihren Lagern tot aufgefunden. Es wurde gewarnt: „Der Hundebesitzer macht sich der Sachbeschädigung schuldig wenn sein Hund durch Kälte geschwächtes Wild reißt.“ Die Tiere wurden durch Schnee, Hunger und Kälte zum Äußersten getrieben. Ein Schneidergehilfe aus Moosbach, der in Vohenstrauß arbeitete, soll auf den Weg zu seiner Arbeitsstätte, in der Nähe des Michlbaches von einigen Füchsen angegriffen worden sein. Er konnte sich „nur mit Not der Angriffe der Füchse erwehren“, wie die Tageszeitung schrieb.

In den meterhohen Schneeverwehungen blieb wiederholt die Lokomotive stecken. Rund 12 000 Einwohner des Bezirks waren einmal vier Tage vom Verkehr abgeschnitten. Tagelang mussten die Postsachen mit den Schlitten bis nach Eslarn befördert werden. Die Fahrt mit dem Abendzug von Weiden nach Eslarn wurde zu einem gefährlichen Abenteuer. Hinter Neustadt/WN setzte ein furchtbarer Wind, begleitet mit Schneewehen ein. Schon hinter Floß wurden die Wagen nicht mehr erwärmt, da der Dampf für die Maschine selber benötigt wurde. Schon zwischen Albersrieth und Vohenstrauß blieb der Zug mehrmals in den Schneewehen stecken. Die Leute sammelten sich in einem Wagen, um sich gegenseitig zu erwärmen. Nach langem Arbeiten der beiden Zugführer mit Fackeln konnte der eingefrorene Zug wieder in Bewegung gesetzt werden.

Halb erfroren begaben sich die Leute von Pleystein, Waidhaus und Eslarn in den Warteraum Vohenstrauß, um sich einigermaßen zu Wärmen. Nach zwei Stunden setzte sich der Zug um 1 Uhr in Richtung Pleystein wieder in Bewegung. In Fiedlbühl hinter Vohenstrauß blieb die Lok wieder stecken. Sie konnte weder rückwärts noch vorwärts fahren. Da nun keine Hilfe kam, fassten einige Männer den Entschluss, wieder zur Station Vohenstrauß zurückzulaufen. Nach einer halben Stunde war noch keine Hilfe da. Bis auf zwei Damen mit einem Knaben von drei Jahren und zwei Männern verließen auch die anderen Passagiere den Wagen um sich einen Weg durch Sturm und hohe Schneewehen nach der Station Vohenstrauß zu machen. Viele der Passagiere weinten die bittersten Tränen, als ihre Körper allmählich wieder warm wurden. Dort verweilten sie bis Montag 11 Uhr. Da erhielten sie die Nachricht, dass es unmöglich sei, mit der Bahn weiter zu fahren. So mussten sich die Leute auf eigene Kosten einen Schlitten bestellen, um endlich einmal nach Hause zu kommen. Wenige der Passagiere waren dabei, „die nicht ein erfrorenes Glied davontrugen.“ Als der Zug mit einer Vorspannlokomotive am Donnerstag Eslarn erreichte, war dort alles eingefroren und es konnte kein Wasser gefasst werden.

Waldau war wegen Bruch der Wasserleitung vollständig ohne Wasser. Die Bauern holten für ihre Tiere das Wasser „aus einem in der Nähe gelegenen Wiesental.“ In Waidhaus erinnerte man sich an die Kriegszeiten: In langen Schlangen standen die Leute mit Eimern an den wenigen, schwach fließenden Wasserleitungen an.

Brach ein Feuer aus, so konnten die auswärtigen Feuerwehren den Brandplatz nicht erreichen. Manch Feuerwehrmann erfror sich Ohren oder Finger. Überall grassierte die Grippe. Fast in jedem Haushalt in Eslarn lag ein Kranker; in nicht wenigen Haushaltungen sogar mehrere. In Waidhaus nahmen die Erkrankungen derart überhand, dass sämtliche Schulen auf Anordnung des Bezirksarztes auf 8 Tage geschlossen werden mussten. Als die Kälte mit über 15 Grad minus andauerte, es wurden 22 Grad gemessen, in Flossenbürg sogar 25 Grad, blieben die Schulen von Weiden, Vohenstrauß und im weiten Umkreis weitere 14 Tage bis Ende Februar 1929 geschlossen. Aus Waldthurn wurde gemeldet, dass innerhalb von acht Tagen jetzt schon das vierte Kind beerdigt wurde.

Mancher aus der Grenzregion erinnert sich noch an die riesigen Schneeverwehungen im Jahr 1963 , also vor 55 Jahren. Aber so kalt wie im Jahre 1929 war es seither nicht mehr.

Die "Bockl-Lokomotive", meterhoch eingeschneit und zugeweht. Im Winter vor 90 Jahren muss sie oft ihre Fahrten zwischen Eslarn und Floß einstellen.

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