26.03.2020 - 11:14 Uhr
WaidhausOberpfalz

Maul- und Klauenseuche statt Corona: Vor 100 Jahren ähnliche Situation

Ausgangssperren, Kontaktverbote und Gottesdienstausfälle sind derzeit in aller Munde. Was zuvorderst an Kriege erinnern mag, kannten frühere Generationen der Grenzregion ebenso in Friedenszeiten. Zuletzt vor genau 100 Jahren.

Der Marktrat entschied sich auch damals für eine Absage seines Markttags und inserierte entsprechend im ehemaligen "Vohenstraußer Anzeiger".
von Josef ForsterProfil

Der Glanz der gerne als „Goldene 1920er-Jahre“ betitelten Epoche strahlte nicht bis in die Region. Mit voller Wucht traf die früheren Bewohner hier die Wirtschaftskrise nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Überall mangelte es an Nahrungsmitteln, sodass in ganz Deutschland eine katastrophale Hungersnot hereinbrach. Die Landwirte hatten besonders in Bayern auch die Bewohner der Großstädte weiterhin mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Heimatbücher vieler Orte der nordöstlichen Oberpfalz erzählen davon.

Dann brach Anfang der 1920er Jahre noch die schon immer gefürchtete Maul- und Klauenseuche aus. Sie dezimierte den Viehbestand in ganz Mitteleuropa immens und brachte die Landwirtschaft in eine lang anhaltende Krise. Die eh schon knappe Lebensmittelversorgung wurde beängstigend. Beim Durchblättern der Ausgaben des „Vohenstraußer Anzeigers“ in jenen Monaten vor 100 Jahren sind so manch skurrile Begebenheiten niedergeschrieben, doch vor allem viele Informationen zu den Geschehnissen dieser Zeitspanne.

Der Waidhauser Frühlingsmarkt fällt in diesem Jahr aus, aber nicht wegen des allgemeinen Festverbots. Der Marktrat verständigte sich bereits vor der Coronakrise aufgrund mehrerer Terminüberschneidungen für diesen Schritt. Anders erging es dem Emmeramsmarkt vor 100 Jahren, den die Kommune zur Eindämmung der Seuche nicht abhalten durfte. Ein Inserat vom 16. September 1920 zeugt davon.

Im Juni 1920 stellte das Bezirksamt Vohenstrauß die Seuche nicht nur in Waidhaus, sondern auch in Ragenwies, Altenstadt und Waldthurn fest. Im September war fast flächendeckend der gesamte Altlandkreis Vohenstrauß betroffen. Die Seuche soll sich durch über Waidhaus eingeschmuggeltes Vieh verbreitet haben, hieß es gerüchtweise. Viele sprachen auch von einem „Strafgericht Gottes“.

Besondere Vorschriften sollten die Ausbreitung verhindern, recherchierte Heimatforscher Karl Ochantel aus Vohenstrauß: Das Bezirksamt erklärte zunächst den gesamten Ort Ragenwies zum Sperrbezirk. Tiere durften aus dem Stall nicht mehr entfernt werden. Pferde, die in gesonderten Ställen untergebracht waren sowie Geräte und Fahrzeuge durften nach Desinfektion mit Kresolwasser verwendet werden.

Wer kennt heute schon noch Kresolwasser? Insider wissen, dass Kresole bis heute vielfach Bestandteil von Desinfektionsmitteln sind. Die damals erlassenen Regelungen gingen jedoch noch viel weiter: Nur noch der Besitzer und seine Helfern hatten Zugang zu den Ställen. Vor Verlassen des Hofs mussten diese ihre Kleidung desinfizieren. Den Schulkindern der verseuchten Gehöfte wurde der Schulbesuch verboten. Die meisten Orte wurden als Beobachtungsgebiet erklärt. Auf Anschlägen und öffentlichen Aushängen stand zu lesen: „Was der Landwirt über die Maul- und Klauenseuche wissen muss."

In fast jedem Ort des Bezirks Vohenstrauß brach die Seuche aus. Orte und Vereine begannen sich zu isolieren, fand Ochantel weiter heraus. Tanzveranstaltungen, Kinos und Versammlungen von Vereinen wurden verboten. In der „Entschließung des Bezirksamts vom 3. August 1920“ ist nachzulesen: „Öffentliche Lustbarkeiten, bei denen es zu größeren Menschenansammlungen zu kommen pflegt, bilden eine große Gefahr für die Weiterverbreitung der Maul- und Klauenseuche.“ Das Bezirksamt sah sich auch im Recht, als es eine geplante Versammlung der Deutschdemokratischen Partei, auf der Handelsminister Hamm sprechen sollte, wegen der herrschenden Seuche verbot. Auch das Bezirksschießen in Pleystein traf es. In Anerkennung der großen Gefahr befreite das bischöfliche Ordinariat überdies die Leute aus verseuchten Gehöften von der noch weit mehr als heute beachteten Sonntagspflicht zum Besuch des Gottesdienstes.

Nicht nur der damals noch als Jahrmarkt betitelte Emmeramsmarkt in Waidhaus wurde abgesagt. Gleiches galt für Moosbach und Eslarn sowie die Bezirksfeuerwehr-Versammlung und den Ägidiusmarkt in Vohenstrauß. Am meisten traf die gläubige Bevölkerung jedoch die Untersagung des Fahrenbergfests und des Pleysteiner Kreuzbergfests. Auch Tanzveranstaltungen wurden verboten. Doch nicht überall hielten sich die Bürger daran.

Von einer „Sorglosigkeit der Bevölkerung“ und gravierenden Folgen berichtet der „Floßer Bote“: Anlässlich der Kirchweih wurde trotz des Tanzverbotes in zwei Gehöften öffentliche Tanzmusik abgehalten. Wenige Tage darauf sei die Viehseuche in vier umliegenden, bisher seuchenfreien Orten aufgetreten. Nachweislich sei die Seuche bei diesen Kirchweihvergnügen verschleppt worden.

Kein Einzelfall, weiß auch der „Vohenstraußer Anzeiger“: „In den weitaus meisten Fällen war der Ausbruch der Seuche auf Verschleppung zurückzuführen. Und besonders in dieser Beziehung wurde noch am meisten gesündigt. Da sah man, speziell an Samstagen, Leute aus verseuchten Orten nach anderen noch nicht verseuchten Orten wandern. Es wurden die Wirtshäuser und sonstige Orte, wo viele Menschen waren, aufgesucht. Da gehen die Knechte ins benachbarte Dorfwirtshaus, gerade als wenn niemand wüsste, dass besonders durch die Kleidung die Seuche weitergetragen wird.“

Kritik gab es von der Grenze aus Waidhaus, ist in der Ortschronik nachzulesen: „Zu einer Zeit, in der wir jeden Tag vor der Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche bangen, geht die Stallkontrolle der hiesigen Grenzwache unentwegt und ausnahmslos die Ställe ab.“

Überhaupt gab es in der Bevölkerung sehr viel Missgunst und Neid. Dem Besitzer des Anwesens, das zuerst befallen wurde, warf man leicht vor, er habe die Seuche eingeschleppt. Gerüchte machten schnell die Runde, konnte man doch so den ungeliebten Nachbarn schnell in Verlegenheit bringen. Ein Waidhauser inserierte gar in der Tageszeitung: „Warnung. Durch Klatschweiber wurden in Waidhaus und Pfrentsch unwahre Gerüchte über mich verbreitet.“

Die damals im Gebiet grassierende Maul- und Klauenseuche (MKS) gilt bis heute als eine hoch ansteckende fieberhafte Viruserkrankung bei Rindern und Schweinen und anderen Paarhufern wie Ziegen und Schafen und ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. Aus der Statistik vom 17. Januar 1921 geht hervor, dass 1920 in der Oberpfalz 108.424 Rinder, 38.490 Schafe, 56.840 Schweine und 4413 Ziegen an dieser Seuche erkrankten und verendeten. Das entsprach in etwa einem Viertel der Rinder, der Hälfte der Schafe, einem Drittel der Schweine und einem Zehntel bei den Ziegen.

Noch anfangs Oktober 1920 fielen in kurzer Zeit 30 Stück Vieh in Tröbes der Krankheit zum Opfer. Zugleich markierte dieser letzte große Ausbruch das Abklingen des Spuks. Zunächst erlosch die Viehseuche in den Anwesen in Braunetsrieth. Langsam galten auch Oberlind, Waldau und Pleystein sowie zum Beginn der Adventszeit auch Hagendorf und Waidhaus als seuchenfrei. Mitte Dezember 1920 wurde Altenstadt freigegeben. Im Frühjahr 1921 flachte die Krankheit allgemein in der Region ab. Von einer auch nur annähernd starken Ausprägung der Maul- und Klauenseuche blieb die nördliche Oberpfalz danach bis heute verschont.

Eine im Marktarchiv aufbewahrte Aquarellzeichnung überliefert eine Ansicht von Waidhaus zu der Zeit, als die Maul- und Klauenseuche auch hier das öffentliche Leben stark einschränkte.
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