12.06.2020 - 13:43 Uhr
WaldershofOberpfalz

Corona-Pandemie bremst Cube

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Die Pandemie und ihre Folgen: Cube-Chef Marcus Pürner spricht im Interview über wirtschaftliche Sorgen, die Zukunft auf dem Fahrradmarkt und wie seine Lieblingsstrecke in der Region aussieht.

von Autor FPHProfil

Marcus Pürner empfängt im Ausstellungsraum. In Zeiten der Corona-Pandemie will der Chef der Waldershofer Fahrradschmiede Cube jedes Risiko meiden. Nach wie vor ist die Verwaltung samt Pürners Büro für Besucher tabu. Daher findet das Gespräch im weitläufigen Ausstellungsraum statt. Allerdings ist es nicht der für die Cube-Fahrräder, sondern einer für schwingende Bürostühle. Diese produziert Marcus’ Bruder Christoph in unmittelbarer Nachbarschaft zu Cube. Das Gespräch führten Matthias Bäumler und Alexander Wunner.

ONETZ: Die Coronakrise hat auch Cube voll erwischt. Über Wochen war der Parkplatz vor den Montagehallen regelrecht verwaist.

Marcus Pürner: Ja, genau sieben Wochen sind die Bänder stillgestanden oder liefen zumindest nur stark eingeschränkt. Die Produktion war nach dem Corona-Shutdown extrem schwierig. Wir beziehen viele Teile aus Asien. Und selbst als in China die Produktion schon wieder anlief, waren die Werkhallen zum Beispiel auf den Philippinen oder in Malaysia noch geschlossen. Mittlerweile arbeiten wir hier in Waldershof wieder weitgehend voll.

ONETZ: War die Existenz des Unternehmens Cube ernsthaft bedroht?

Marcus Pürner: Als die Coronakrise begann, waren die wirtschaftlichen Sorgen tatsächlich enorm. Wir haben uns mit unserer Bank in Verbindung gesetzt und über einen Kredit im dreistelligen Millionenbereich verhandelt. Man stellt sich das einfach vor, aber das mit den Krediten läuft nicht so problemlos und schnell, wie man glaubt. Glücklicherweise hat sich die Lage wegen der hohen Bestell-Zahlen dann relativ schnell entspannt.

ONETZ: Was haben Sie aus der Erfahrung der vergangenen Monate gelernt? Muss Cube weitere Reserven aufbauen?

Marcus Pürner: Soweit man eben Eigenkapital aufbauen kann. Es geht aber auch um das Aufstocken der Kreditlinien, damit im Extremfall das Unternehmen nicht ausblutet. Wir arbeiten daran, den Betrieb mit weiteren Krediten zu versorgen, was nicht ganz einfach ist, da diese ab einer gewissen Größenordnung richtig Geld kosten. Wir haben uns natürlich gefragt, ob wir vielleicht etwas falsch gemacht haben und ob wir vielleicht im Vorfeld schon das Unternehmen mit einem höheren Kreditrahmen hätten ausstatten müssen. Aber so ein Fall wie jetzt mit Corona ist zum ersten Mal überhaupt aufgetreten, damit konnte niemand rechnen.

ONETZ: Hat die Krise Auswirkungen auf die Investitionen? Derzeit baut Cube ja in Waldershof eine Batterie-Halle.

Marcus Pürner: Nein, was wir geplant haben, das setzen wir um, auch wenn wir vielleicht am Ende des Geschäftsjahres hinter unseren Planzahlen zurückbleiben werden. Wie die starke Nachfrage zeigt, entwickelt sich der Fahrrad-Markt aber sehr positiv, daher sehe ich optimistisch in die Zukunft.

ONETZ: Das hört sich an, als käme Cube ohne größere Blessuren aus der Coronakrise.

Marcus Pürner: Ganz ohne sicherlich nicht. So liegen wir zum Beispiel bei der Entwicklung der Räder für 2022 – die 2021er Linie ist schon so gut wie in trockenen Tüchern – hinter unseren Planungen. Normalerweise wären unsere Entwickler immer wieder bei den Produzenten in China, um vor Ort Details abzustimmen. Das ist nicht möglich, da wir momentan keine Mitarbeiter losschicken.

ONETZ: Apropos Entwicklung. Wohin geht die Reise am Fahrrad-Markt?

Marcus Pürner: Es sieht so aus, als würden die E-Bikes alles überstrahlen. Ganz so ist es nicht. Bei den Verkaufszahlen liegen E-Bikes etwa bei 40 Prozent, allerdings tragen sie schon jetzt mehr als 50 Prozent des Umsatzes bei.

ONETZ: Klar, weil sie ziemlich teuer sind. Werden die Preise eigentlich irgendwann sinken?

Marcus Pürner: Grundsätzlich muss man wissen, dass die Entwicklung der E-Bikes noch in den Kinderschuhen steckt. Zehn Jahre sind nun wirklich keine große Zeitspanne. Ich gehe davon aus, dass die Räder irgendwann leichter und die Batterien noch stärker werden – und die Preise günstiger.

ONETZ: Warum sind die Preise für E-Bikes so hoch?

Marcus Pürner: Wir verkaufen auch E-Bikes für 2500 Euro. Aber wenn ich alleine die Teile rechne, die wir von Bosch beziehen, komme ich auf 1800 Euro. Bosch liefert die Motoren und die Batterien.

ONETZ: Cube setzt fast ausschließlich auf Bosch-Motoren. Warum eigentlich?

Marcus Pürner: Bosch ist der größte Hersteller, und wir sind größter Kunde. Daher haben wir einen großen Einfluss bei der Entwicklung. 30 Mann sind alleine hier in Waldershof in der Entwicklungsabteilung mit elektrischen Fahrrad-Antrieben beschäftigt. Wir bringen all unsere Erfahrung bei den Rädern ein und Bosch baut die Motoren nach unseren Vorstellungen. Das ist in etwa so wie beim Bäcker, der auch dem Müller sagt, wie fein das Mehl gemahlen sein muss.

ONETZ: Mal ehrlich: Soll man noch warten bis zum nächsten Technologie-Sprung bei den E-Bikes?

Marcus Pürner: Den Sprung schlechthin wird es nicht geben. Nehmen wir die Energiedichte bei den Akkus. Hier steigt die Kapazität der Zellen in den Akkus pro Jahr um nicht mehr als 2,5 Prozent. Derzeit liegen wir bei den Akkus bei 625 Wattstunden, damit kommt man als normaler Radler sehr weit. 100 Kilometer sind da locker drin. Ich vergleiche die Diskussion mit den Technik-Sprüngen beim E-Bike mit der bei der Computer-Technologie. Auch in dem Bereich hat man früher immer gesagt, ich warte bis zur nächsten Entwicklungsstufe. Aber die Generationen wechseln nicht so schnell und sprunghaft.

ONETZ: Wenn Sie mal in die Zukunft blicken: Wie sieht das Fahrrad in zehn Jahren aus?

Marcus Pürner: Auf jeden Fall werden nicht alle Räder einen Motor-Antrieb haben. Ich gehe sogar von einer Renaissance des klassischen Fahrrads aus. Das hat etwas mit dem Gefühl der Freiheit zu tun. Das Rad der Zukunft wird ähnlich aussehen wie heute. Im Grunde hat sich ja seit der Erfindung des Fahrrads im Jahr 1817 nicht so viel verändert. Die Entwicklungsschritte, die jetzt noch gemacht werden, sind eher klein. Ein Segment mit viel Potenzial ist sicherlich das des Rades im urbanen Bereich.

ONETZ: Stichwort Lastenrad?

Marcus Pürner: Wir haben unser E-Lastenrad im vergangenen Jahr auf unserer Hausmesse vorgestellt. Das kommt – wegen der Coronakrise etwas verspätet – in diesen Tagen auf den Markt. In der Stadt wird der Fahrradverkehr weiter zunehmen. Kopenhagen zeigt ja schon heute, wie Fahrräder den Autoverkehr ersetzen können. Auch in Deutschland werden in mehreren Großstädten Fahrrad-Autobahnen gebaut. Ich glaube, dass diese Räder für den Transport der Kinder, für das Einkaufen oder auch für Handwerker in der Stadt eine große Zukunft haben. Man spricht ja immer von der großen Bedeutung der sogenannten letzten Meile...

ONETZ: Auf der genau entgegengesetzten Skala sind wohl die Rennräder angesiedelt.

Marcus Pürner: Rennräder werden in erster Linie zu Trainingszwecken genutzt. Die Fahrer haben sehr sportliche Ambitionen. Wenngleich auch hier der Motor Einzug hält. Es gibt Fahrer, die immer in Gruppen unterwegs sind, sich aber zunehmend als Hindernis für die übrigen Sportler sehen. Da kommt der Motor ins Spiel. Gerade am Berg sind 150, 200 Watt zusätzliche Leistung ein Pfund. Da hält man dann auch mit, wenn man nicht mehr ganz so fit ist.

ONETZ: Cube unterstützt seit Jahren das Profi-Radteam Wanty aus Belgien. Ist die Unterstützung eines Profi-Teams für Sie eine Liebhaberei?

Marcus Pürner: So würde ich das nicht bezeichnen. Wir erwarten uns von dem Engagement viel. Da geht es zum Beispiel um das Feedback der Profis, das schon noch mal anders ist als das ambitionierter Hobbyfahrer. Wir wollen uns so ständig weiterentwickeln.

ONETZ: Welche Art Rückmeldung erhält man von Profis?

Marcus Pürner: Da geht es zum Beispiel um den Rahmen oder die Gabel, die entweder zu steif oder zu weich sein können. Manchmal sind das nur kleine Details bei der Geometrie. Das können spezielle Dinge sein, aber es lassen sich aber manche Sachen für die Entwicklung der Räder allgemein übertragen, vielleicht sogar bis hin zum Trekkingrad.

ONETZ: Team Wanty ist dieses Jahr nicht für die Tour de France qualifiziert. Stellen Sie nun Ihr Engagement bei den Belgiern infrage?

Marcus Pürner: Wir arbeiten mit Wanty trotzdem weiter und hoffen, dass das Team kommendes Jahr wieder eine Wild-Card erhält und bei der Tour de France starten kann. Dieses Jahr war die Teilnahme fast bis zum Schluss offen, am Ende fehlten Nuancen. Wie gesagt, das Engagement ist gut für die Produktentwicklung und fürs Marketing.

ONETZ: Was geht in Ihnen vor, wenn sich bei der Tour de France Cube mit Traditions-Marken wie Pinarello misst?

Marcus Pürner: Da freut man sich. Da geht es dann nicht Mann gegen Mann, sondern Rad gegen Rad. Wir haben ja in unsere Räder viel investiert. Ich glaube, bei der Aerodynamik gehören wir mit zu den Besten auf dem Markt. Allerdings stecken wir nicht ganz so viel in unser Marketing wie in die Entwicklung.

ONETZ: Fahren Sie selbst auch Rennrad?

Marcus Pürner: Ehrlich gesagt bin ich in den vergangenen Jahren bequemer geworden und steige lieber auf das E-Bike. Daher habe ich kein Rennrad daheim, das würde vermutlich nur verstauben.

ONETZ: Der Cube-Chef hat selbst kein eigenes Rennrad?

Marcus Pürner: Ja, das ist tatsächlich so.

ONETZ: Haben Sie eine Lieblings-Strecke in der Region?

Marcus Pürner: Die Kösseine ist mein Hausberg. Meist fahre ich von Marktredwitz aus rauf. Und dann gibt es da noch ganz in der Nähe so ein kleines, abgelegenes und ruhiges Wirtshaus. Da kehre ich gerne ein.

Radhersteller Cube ging bei der Tour de France 2019 mit einer "Geheimwaffe" an den Start.

Waldershof
Im Blickpunkt:

Neues Carbon-Labor in Waldershof

Bei hochwertigen Rennrädern und Mountainbikes ist Carbon, also kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff, für den Bau von Rahmen, Laufrädern, Sattelstützen oder Lenkern mittlerweile Standard. Es ist leicht, stabil und lässt sich relativ einfach formen. Cube will demnächst die Entwicklung weiter forcieren und baut in Waldershof ein Carbon-Labor. Schon heute beschäftigt das Unternehmen zwei Mitarbeiter, die sich ausschließlich um die Optimierung von Carbon-Teilen kümmern. Dabei geht es unter anderem um das optimale Mischungsverhältnis von Kohlenstoff-Fasern und Harz. Einer der Experten war vorher in der Formel 1 tätig. Bei Cube hat er unter anderem an der Entwicklung der Lightning-Rennrad-Reihe mitgearbeitet. „Wenn wir das Carbon-Labor vor Ort haben, können wir die Bauteile noch besser erproben, bevor sie in Serie gehen“, sagt Cube-Chef Marcus Pürner. Entscheidend seien für Cube die hohen Sicherheitsstandards bei den Rädern.

Das Carbon-Labor soll im Herbst in einer der Montage-/Lager-Hallen eingerichtet werden, sobald das neue Batterielager fertig ist. Gut möglich, dass in Zukunft im Fichtelgebirge noch mehr Cube-Prototypen bei Probefahrten unterwegs sein werden.

Hintergrund:

Cube und die tschechischen Mitarbeiter

Etwa 250 der rund 500 in Waldershof beschäftigten Mitarbeiter bei Cube wohnen in Tschechien. Wie Firmenchef Marcus Pürner sagt, wäre die Produktion ohne tschechische Mitarbeiter nicht möglich. „Der heimische Arbeitsmarkt ist nicht groß genug, wir fänden bei Weitem nicht genügend Arbeitskräfte, wenn wir nicht auf die Kollegen aus Tschechien zurückgreifen könnten.“

Relativ schwer ist es für Cube auch, Ingenieure, Designer und andere Entwickler nach Waldershof zu locken. „Diese kommen eben nicht immer aus der Region. Daher wäre es in einer Großstadt sicherlich einfacher, hochqualifiziertes Personal zu finden. Aber es gibt zum Glück immer wieder Leute, die auf die Großstadt verzichten, weil sie sich hier in ihrem Job verwirklichen können. Genau aus diesem Grund sind schon viele unserer Mitarbeiter gekommen.“

Zahlen und Fakten:

Über 700.000 Räder pro Jahr

Marcus Pürner ist Chef der Firma Pending System GmbH & Co. KG – besser bekannt für seine Marke Cube.

Mehr als 700.000 Räder produziert das Unternehmen im Jahr. Die Muttergesellschaft erzielt mittlerweile einen Jahresumsatz von über 500 Millionen Euro.

Die Idee, ins Fahrradgeschäft einzusteigen, hatte Pürner während seines Studiums in München mit drei Freunden: Michael Prell, bis heute Konstrukteur bei Cube, sowie Uwe Kalliwoda und Klaus Möhwald, die späteren Gründer der Marke Ghost. Mit diesem Quartett fing alles an.

Heute ist Cube Marktführer und beschäftigt weltweit rund 700 Mitarbeiter, davon mehr als 500 am Heimatstandort Waldershof.

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