14.10.2021 - 11:25 Uhr
WaldershofOberpfalz

Cube-Chef Marcus Pürner: Standort Eger stärkt auch Waldershof

Der Waldershofer Fahrradhersteller Cube produziert ab Anfang kommenden Jahres auch in Tschechien. Die Hintergründe und Vorteile erklärt Cube-Chef Marcus Pürner im Interview.

In Lorenzreuth baut Cube derzeit ein Logistiklager für Zubehörteile, die nicht für den Bau eines Rades notwendig sind.
von Autor FPHProfil

Die Waldershofer Fahrradschmiede Cube expandiert seit Jahren und könnte noch weit höhere Stückzahlen produzieren. Aber das Unternehmen stößt derzeit an so einige Grenzen. Firmenchef Marcus Pürner informiert über die Situation von Cube und den neuen Standort in Tschechien. Dabei wird deutlich: Die Corona-Krise hat weit schlimmere Auswirkungen auf die Wirtschaft, als sich das viele vorstellen können.

Herr Pürner, als im Juni bekannt wurde, dass Ihr Unternehmen in Tschechien eine Produktion aufbauen werde, fragten sich viele Menschen, was das für den Standort Waldershof bedeuten wird.

Marcus Pürner: Letztlich wird Waldershof dadurch sogar gestärkt. Wir werden den Standort weiter ausbauen und zum Beispiel die Produktion in Eger komplett von hier aus versorgen.

Wäre die neue Produktion auch in Waldershof möglich gewesen?

Nein. Kurzfristig haben wir keinen Platz für eine weitere Montage in den bestehenden Gebäuden. Weiterhin ist es für uns extrem schwer, Mitarbeiter zu finden.

Bisher werden viele Teile für Cube in Südostasien gefertigt. Wollen sie die Standorte aufgeben?

Ja, das ist die Absicht. Vor allem die Frachtkosten belasten uns stark. Sie haben sich innerhalb kurzer Zeit verfünfzehnfacht. Außerdem wollen wir uns verstärkt auf Europa konzentrieren, um die Produktion, aber auch die Versorgungssicherheit zu erhöhen.

Im Raum Eger ist die Arbeitslosenquote ebenso niedrig wie auf deutscher Seite. Gibt es für die neue Produktion überhaupt genügend Mitarbeiter?

Die Mitarbeitersuche ist gewiss nicht einfach. Für die Produktion in Eger benötigen wir aber weniger Fachkräfte als an unserem Hauptstandort in Waldershof. Wir versuchen, alle unsere Stellen zunächst mit Mitarbeitern aus der Region Eger zu besetzen und bieten attraktive Arbeitsplätze in einem modernen Gebäude.

Befürchten Sie, dass Ihre tschechischen Arbeitskräfte in Waldershof künftig lieber in Eger arbeiten werden?

Einige sicherlich. Unterm Strich sind aber die Stellen in Waldershof wegen der weit höheren Sozialstandards in Deutschland für viele interessanter. Hier geht es um Themen wie Lohnfortzahlung und soziale Absicherung. Gerade die Mitarbeiter mit Familien werden in Waldershof bleiben.

In den vergangenen Monaten hat sich der Eindruck aufgedrängt, die Region sei nicht mehr so wirtschaftsfreundlich: Ziegler wollte in Bärnau bauen – und in der Bevölkerung gab es großen Widerstand. Auch das neue Cube-Zentrallager wurde heftig diskutiert.

Ich sehe ehrlich gesagt keine ausgeprägte wirtschaftsfeindliche Stimmung. Im Gegenteil: Die meisten Leute sehen unser Unternehmen sehr positiv und freuen sich, dass wir in Waldershof gut 1000 Arbeitsplätze bieten. Wir bekennen uns ja auch stark zu Waldershof und wollen gerade deshalb das Zentrallager hier bauen.

Wer heute ein bestimmtes hochwertiges Cube-Rad ordern will, muss unter Umständen fast ein halbes Jahr darauf warten. Warum ist dies so?

Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Der Markt ist wirklich der Wahnsinn. Die Nachfrage nach Rädern ist sehr hoch, die Versorgungslage aber deutlich schlechter als noch im vergangenen Jahr. Wir beziehen zum Beispiel Rahmen und Federgabeln aus Vietnam. Wegen Corona arbeiten aber viele Firmen nicht. Ebenso schwierig ist die Lage in Malaysia. Das Land hat gerade einen achtwöchigen Lockdown hinter sich, die meisten Unternehmen fangen gerade erst wieder langsam mit der Produktion an und liegen bei etwa 50 Prozent der Kapazität. Aus Malaysia beziehen wir die Bremsen von Shimano. Und in China ist die Produktion insgesamt stark eingeschränkt wegen der anhaltenden Stromknappheit. Zudem gibt es auf dem Weltmarkt einen Aluminium-Mangel. Aluminium ist ein wichtiger Baustoff für Fahrradrahmen. Das alles hat zur Folge, dass wir wesentlich weniger Waren als im Vorjahr zur Verfügung hatten und weit davon entfernt sind, die Nachfrage befriedigen zu können.

Das bedeutet, dass es nicht an der unzureichenden Produktionskapazität Ihres Unternehmens liegt.

Das gewiss nicht. Die Produktion ist bei Weitem nicht der begrenzende Faktor. Es ist nun mal so: Fehlt ein Teil, können Sie kein Fahrrad bauen.

Wie reagieren Sie darauf? Die Kunden wollen ja dennoch Cube-Räder kaufen und haben mitunter für die globalen Zusammenhänge wenig Verständnis.

Wir haben eine extrem hohe Lagerkapazität aufgebaut. In Röslau und Oberkotzau haben wir 30.000 bis 40.000 zusätzliche Quadratmeter Lagerflächen angemietet. All das erfordert einen gewaltigen logistischen Mehraufwand. Und der ist natürlich kostenintensiv. Die Situation ist nicht gerade einfach: Wir haben einen wahnsinnig hohen Lagerbestand mit einzelnen Teilen, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Da wir die Nachfrage nicht im gewünschten Umfang befriedigen können, fehlt wiederum der Umsatz. Es ist daher eine große Herausforderung, auch im Hinblick auf die Liquidität, ein Gleichgewicht herzustellen.

Auch in Lorenzreuth baut Cube ein Lager.

Hier entsteht die Logistik für den Zubehörbereich, also Lichter, Schutzbleche oder auch Kleidung. Eben alles, was nicht direkt für den Bau der Fahrräder benötigt wird.

Wann geht Cube mit der Logistik in Lorenzreuth an den Start?

Voraussichtlich im Juli kommenden Jahres. Dann ziehen wir mit diesem Bereich in Waldershof aus und schaffen hier weiteren Platz für die Produktion. Übrigens haben wir bereits im Januar mit der Inbetriebnahme des dritten Bandes unsere Produktionskapazität um 50 Prozent erhöht. Alles in allem werden wir künftig in Waldershof 5000 Fahrräder pro Tag bauen können.

Das bedeutet aber auch, dass Sie zusätzliche Mitarbeiter in Waldershof benötigen werden. Das wird angesichts des Arbeitskräftemangels kein leichtes Unterfangen.

Das stimmt. Es ist für uns eine große Herausforderung, genügend Leute zu finden. Sie müssen wissen, dass wir am Standort 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Das sind in Relation zur Bevölkerung der Region viele Menschen. Auch die übrige Industrieproduktion in den Landkreisen Wunsiedel und Tirschenreuth ist ja ziemlich gut ausgelastet.

Arbeiten Sie auch mit Arbeitsagenturen in der weiteren Region zusammen, um Mitarbeiter aus etwas entfernteren Orten zu rekrutieren?

Natürlich stehen wir mit den Behörden im engen Kontakt. Hoch oder höher qualifizierte Mitarbeiter sind eher weniger unser Problem. Auch aus Ballungsräumen ziehen Fachkräfte ins Fichtelgebirge. Schwierig ist es mit den Mitarbeitern für einfache Tätigkeiten. Hier ist Tschechien kein so starker Markt mehr. Wegen Corona ist die Bereitschaft gesunken, nach Deutschland zu pendeln. Die hier arbeitenden tschechischen Mitarbeiter erhalten im Fall der Fälle in ihrer Heimat keinen Lohnausfall erstattet, so wie in Deutschland das Kurzarbeitergeld. Es ist hier ein ähnlicher Trend wie in der Gastronomie zu sehen: Viele der bisherigen Pendler orientieren sich um oder suchen einen Arbeitsplatz vor Ort.

Ist der Standort Waldershof langfristig gesichert?

Gegenfrage: Würden wir hier ein Zentrallager bauen wollen, wenn wir nicht hundertprozentig zu Waldershof stehen würden?

85 Meter lang ist die Brücke zwischen zwei Cube-Werkshallen, die einmal die Waldershofer Umgehung überspannt

Waldershof
Marcus Pürner.
Hintergrund:

Das Unternehmen Cube

  • Cube wächst seit Jahren beständig. Im vergangenen Jahr hat die Waldershofer Fahrradschmiede weltweit 700.000 Fahrräder verkauft. Für dieses Jahr sind 850.000 Räder geplant. Gut möglich, dass im kommenden Jahr die Millionen-Marke fällt.
  • 2020 hat die Cube-Muttergesellschaft einen Jahresumsatz von mehr als 500 Million Euro erzielt. Die Waldershofer sind Marktführer in Deutschland.
  • Cube bietet in Waldershof rund 1000 Arbeitsplätze.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.