25.06.2020 - 09:59 Uhr
WaldershofOberpfalz

Waldershoferin überzeugt bei internationalem Foto-Wettbewerb "Sony-Award"

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Elena Helfrechts Bild landet bei einem renommierten Wettbewerb unter 345.000 Einsendungen aus 203 Ländern auf dem zweiten Platz. Im Juli zieht die 28-Jährige von London nach Wölsau.

Nichts ist, wie es scheint: Bedrohlich räkeln sich zwei Schlangen auf dem Häuschen einer Marktredwitzer Landschaftskrippe. Mit diesem Bild hat Elena Helfrecht den zweiten Platz beim "Sony Award" belegt.
von Autor FPHProfil

Der im Zweiten Weltkrieg irgendwo im Osten verschwundene Urgroßvater, der Flammentod der Ur-Ur-Großmutter. In jeder Familie gibt es irgendwo weit zurückliegend in der Geschichte schreckliche Ereignisse. Häufig hat niemand je viele Worte darüber verloren, und spätere Generationen wissen zum Teil nicht einmal von den Schicksalsschlägen. Dennoch schlummert die Familiengeschichte als Trauma in den Urenkeln, beeinflusst unterbewusst deren Handeln und Fühlen. Epigenetische Vererbung nennt die Wissenschaft dieses Phänomen, dessen sich die wenigsten Menschen bewusst sind. Elena Helfrecht beschäftigt sich intensiv damit, spürt den schleichenden Giften nach, die der Psyche zusetzen. Doch nicht mit Hilfe der Wissenschaft, sondern mit den Mitteln der Kunst will sie diese sichtbar und dadurch begreifbar machen.

Elena Helfrecht stammt aus Waldershof und lebt seit drei Jahren in London, wo sie zusammen mit einer aus München stammenden Freundin eine Retusche-Agentur betreibt. Die beiden jungen Frauen – Elena Helfrecht ist 28 Jahre alt – bearbeiten Fotos für große Filmstudios, Modemarken wie S’Oliver oder Verlage. Nebenher arbeitet die Fichtelgebirglerin als Fotokünstlerin – ihre eigentliche Berufung. In der internationalen Szene hat sie sich mittlerweile einen guten Namen fotografiert. Jüngst errang sie mit ihrem Werk „The Spiral“ beim renommierten "Sony World Photography Award" den zweiten Platz unter 345.000 eingesandten Aufnahmen aus 203 Ländern. „The Spiral“ zeigt unter anderem ein Häuschen aus der Marktredwitzer Landschaftskrippe ihres Opas Hermann Rieß in Wölsau.

Wie ein verlängerter Arm

Fotografie ist für Elena Helfrecht Lebensinhalt. „Seit ich als Kind angefangen habe, mit der Digitalkamera meines Vaters zu fotografieren, lässt mich das nicht mehr los. Eine Kamera ist für mich wie ein verlängerter Arm.“ Die 28-Jährige ist in Waldershof und Hard bei Poppenreuth aufgewachsen. Hier hat sie nicht nur die Liebe zur Fotografie entdeckt, sondern auch die zur Heimat. „Und daher werde ich mit meinem Partner im Juli nach Wölsau ins Haus meiner Großeltern ziehen.“

In dem Haus sind auch die Aufnahmen zu ihrem Projekt „Plexus“ entstanden, aus dem das Bild von der Krippe stammt. Sie hat sich in den Räumen auf Spurensuche begeben und zusammen mit ihrer Mutter Margit Helfrecht (sie unterstützt ihre Tochter auch als Assistentin bei Bildaufnahmen) alte Dokumente gesichtet. „Ich weiß so wenig vom Leben meiner Großeltern. Und als Oma gestorben ist, da ist mit ihr wirklich viel verloren gegangen. Mir ist bewusst geworden, dass ich zu wenig gefragt habe.“ Elena Helfrecht beschreibt ihre Arbeit an „Plexus“ auch als einen Versuch, zumindest Fragmente der Familiengeschichte zusammenzufügen. „Es ist keine exakte Geschichte meiner Familie. Ich will vielmehr das komplexe Ganze beschreiben, also das Zusammenspiel von nationaler und persönlicher Geschichte.“

Entstanden ist eine Fotoserie aus 30 Aufnahmen mit zum Teil regelrecht verstörenden Aufnahmen. Abgetrennte Entenfüße, die auf dem Dachboden stehen, als würden sie gleich zum Sprung ansetzen. Ein Reigen toter Mäuse. Ein Star, der mit dem Schnabel nach unten auf einem derben Steinboden steht. Selbst auf der alten Tasse aus Edelporzellan liegt eine tote Motte. „Meine Arbeiten sind sehr surreal und abstrakt. Eigentlich versuche ich, mit der Fotografie immer etwas Ungreifbares sichtbar zu machen – ich arbeite symbolisch. Nichts im Bild ist, wie es scheint.“

Überall Bedrohliches

Auch das Foto vom Häuschen aus der Landschaftskrippe sieht so gar nicht alpenländisch-putzig aus. Zwei Schlangen schlängeln sich darum. Überall schwingt Bedrohliches mit.

Sie gehe meist zunächst von autobiografischen Erfahrungen aus. „Dann erweitere ich die Narrative mit Symbolen, Assoziation und Imagination, um eine Essenz herauszukristallisieren, die auch eine allgemeine Relevanz hat und in der sich der Betrachter mit seinen eigenen Erfahrungen wiedererkennen kann.“ Elena Helfrecht sieht sich daher auch mehr in der bildenden Kunst verhaftet als in der klassischen Fotografie.

Ihren theoretischen und handwerklichen Hintergrund hat sie nach dem Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium stetig erweitert. Nach dem Studium der Kunst- und Bildgeschichte an der Universität Erlangen hat Elena Helfrecht in Berlin in diesen beiden Fächern ein Masterstudium an der Humboldt-Universität draufgesattelt. „Noch vor dem Abschluss bin ich im Royal College of Art in London angenommen worden“, erzählt die junge Frau. Sie zog 2017 nach London und hat hier einen Masterabschluss mit Auszeichnung erworben.

Nach gut drei Jahren Weltstadt hat sie vom Leben in der Anonymität genug. „Ja, ich will wieder heim ins Fichtelgebirge“, sagt Elena Helfrecht. Die Arbeit für ihre Retusche-Agentur kann sie ebenso gut im Dorf wie in London erledigen. Wichtig sind ein leistungsfähiger Rechner und eine schnelle Internetverbindung. Künftig werde sie dann eben in Wölsau an ihrem Computer sitzen und Bilder für Kampagnen, Kataloge oder Filme auf der ganzen Welt bearbeiten.

Ja, ich will wieder heim ins Fichtelgebirge.

Elena Helfrecht

Ebenfalls weltweit ist ihre Kunst zu sehen. Schon 2019 sind Elena Helfrechts Arbeiten für die Bloomberg New Contemporaries ausgewählt worden, eine bedeutende Jahresausstellung in Großbritannien mit langer Tradition. Unter anderem haben hier Künstler wie David Hockney, Damien Hirst oder Anish Kappor ihre Werke gezeigt. Eine Soloausstellung von „Plexus“ ist im Herbst in Ravenna/Italien geplant. Hier hat sie den „Camera Work Award“ gewonnen.

Zurück in die Heimat. Momentan arbeitet die Wahl-Wölsauerin an einem Langzeitprojekt zu den Rauhnächten in der Region. „Das Projekt wird ,Unternächte’ heißen, ist aber noch in den Anfängen. Für Elena Helfrecht ist das Fichtelgebirge fotografisch mindestens ebenso spannend wie London. Zu entdecken gibt es für die Künstlerin überall etwas. Sogar im Haus ihrer Großeltern in Wölsau erschließt sich ihr zuweilen eine ganz neue Welt.

Erst kürzlich war Jonas Stahl aus Waldershof beim Jugendfotopreis Oberpfalz erfolgreich

Waldershof

Mehr über die Arbeit von Elena Helfrecht:

Edles Porzellan aus dem Haus der Großeltern hat Elena Helfrecht für ihre Serie "Plexus" mit einer toten Motte inszeniert.
Elena Helfrecht.
Der Star auf dem Steinboden. Er steht kopfüber mit dem Schnabel auf dem Boden im Haus von Elena Helfrechts Großeltern.
Zwei Entenfüße auf einem groben Holzboden. Die Fotos von Elena Helfrecht bestechen mit einer ganz eigenen Ästhetik.
Das Nest haben Elena Helfrecht und eine Freundin aus eigenen Haaren geflochten und in einem Brombeerstrauch drapiert.
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