25.03.2020 - 11:12 Uhr
Waldheim bei GeorgenbergOberpfalz

Grenze auch in Waldheim dicht

Das Nachbarland kennt kein Pardon: Ein tschechisches Polizeiauto versperrt den grenzüberschreitenden Wanderweg.

Der Schlagbaum ist zwar oben, dafür kontrollieren tschechische Polizisten beim Grenzübergang in Waldheim.
von Josef PilfusekProfil

Nichts geht mehr. Das gilt auch für den Grenzübergang zur Tschechischen Republik im Georgenberger Ortsteil Waldheim, eigentlich nur für Wanderer oder Fahrradfahrer geöffnet. Inzwischen kontrollieren Polizisten aus dem Nachbarland die Einhaltung der von der tschechischen Regierung beschlossenen Sperre aller Grenzübergänge.

Der ehemalige Schulleiter und stellvertretende Vorsitzende des Oberpfälzer Waldvereins, Franz Schacht, hat vor seinem plötzlichen Tod die bewegte Geschichte des Ortes aufgezeichnet. Danach wanderte während des 15. Jahrhunderts die Glasmacherfamilie Schürrer von Sachsen nach Böhmen aus. Schürrer gab seinem Besitz den Gesamtnamen „Waldheim“, während er die neu erbaute Glashütte und das dabei entstandene Dorf „Grünwald“ nannte.

Die beiden Orte Vorder-Waldheim und Hinter-Waldheim lagen jenseits der Landesgrenze auf böhmischem Gebiet; der Ort Waldheim schloss sich unmittelbar diesseits der Grenze auf bayerischer Seite an. Mitten durch Vorder-Waldheim und Waldheim verlief demnach die Grenze, die durch einen Übergang geöffnet war und über den man ohne größere Schwierigkeiten gelangen konnte.

Von einem Kuriosum in Vorder-Waldheim spricht schon das Salbuch vom 20. Dezember 1666. Danach geht die Landesgrenze bis zu dem Waldheimischen Wirtshaus, „allwo es durch den Stall (geht), so aber dermalen hinweggebrochen und eine Stube darauf gemacht worden ist“. Nach der Überlieferung stand der Grenzstein mitten in der Küche. Links wurde bayerisches und rechts böhmisches Bier ausgeschenkt.

Am 10. Oktober 1938 empfing eine Musikkapelle die über den Grenzübergang einmarschierende 10. Division der deutschen Wehrmacht. Bereits am Mittag übergaben tschechische Offiziere den Ort an die deutschen Truppen. Der Durchmarsch der über 20000 Soldaten dauerte 20 Stunden. Es sollte dann nur noch knapp ein Jahr vergehen, bis mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte seinen verhängnisvollen Verlauf nahm.

Am 26. April 1945, also wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, besetzten die Amerikaner Vorder-Waldheim und Hinter-Waldheim. Dann rückten die Tschechen ein, die Amerikaner zogen sich über die Grenze zurück und quartierten sich in „Bayerisch-Waldheim“ ein. Die dortige Bevölkerung wurde vertrieben und flüchtete über die Grenze nach Bayern.

Heute besteht „Gesamt-Waldheim“ aus den Ortschaften Vorder-Waldheim und Waldheim. Der Bach bildet hier die Grenze. Vorder-Waldheim gehörte bis zur am 1. Januar 1971 in Kraft getretenen Gebietsreform zur Gemeinde Neudorf, während Waldheim der Gemeinde Brünst angeschlossen war.

In guter Erinnerung der jüngeren Geschichte bleiben vor allem das große Fest im Februar 1990 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und die Feier am 21. Dezember 2007. Anlass war der Beschluss der Innenminister der EU-Staaten, Ende 2007 die Grenzkontrollen zwischen alten und neuen EU-Mitgliedsländern einzustellen. Seit diesem Tag ist der Schlagbaum oben. Bleibt nur zu hoffen, dass die Corona-Krise bald zu Ende ist, die Grenzkontrollen wieder wegfallen und einem barrierefreien Reisen nichts mehr im Wege steht.

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