24.07.2020 - 14:29 Uhr
WaldsassenOberpfalz

13 Tage Koma: Corona-Patient kämpft sich ins Leben zurück

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29 Jahre, körperlich fit, keine Vorerkrankungen: Dass Florian Lanz aus Waldsassen an Corona erkrankt, fast zwei Wochen im Koma liegt und um sein Leben kämpfen muss, ist kaum vorstellbar.

Einige Stunden bevor Florian Lanz in das künstliche Koma versetzt wird, schickt er seinem Chef noch dieses Selfie mit der Atemmaske und schreibt, dass er am nächsten Tag nicht in die Arbeit kommen kann.
von Martin Maier Kontakt Profil

Mitte März wird Corona immer mehr zum Hauptthema im Landkreis Tirschenreuth. Wenige Berührungspunkte hat damit noch Florian Lanz aus Waldsassen. Schließlich zählt der 29-Jährige nicht zur Risikogruppe. Das ändert sich aber schlagartig am Sonntag, 22. März.

Mit etwas Abstand erzählt Flo seine Krankheitsgeschichte, die auch tödlich hätte enden können, relativ entspannt. Eigentlich begann alles ganz harmlos: „Ich bin wegen Kopfschmerzen zum Hausarzt. Da ich öfter eine Nebenhöhlenentzündung habe, wollte ich meine üblichen Medikamente“, erinnert sich Flo an den Dienstag, 17. März. Zu dieser Zeit kochte das Thema Corona immer mehr hoch, trotzdem kann sich der Waldsassener nicht vorstellen, dass er sich mit dem Virus infiziert hat. „Das hatte ich nicht auf dem Schirm.“

"Ähnlich wie bei einer Grippe"

Der Arzt schreibt Flo, der als Produktionsleiter beim Radhersteller Ghost in der Klosterstadt arbeitet, krank. Die nächsten Tage passiert nicht viel. Die Kopfschmerzen bleiben. Am Freitag bekommt der 29-Jährige Fieber, fühlt sich unwohl. „Es war so ähnlich wie bei einer Grippe.“ Einen Tag später denkt er, dass es schon wieder aufwärts geht: „Mir ging's besser.“ In der Nacht auf Sonntag knüppelt es ihn aber so richtig nieder. Flo bekommt kaum mehr Luft. Das Fieberthermometer zeigt fast 40 Grad an. Zu dieser Zeit denkt er zum ersten Mal, dass er sich möglicherweise das Coronavirus eingefangen hat.

Eine Studie hat untersucht, warum sich das Coronavirus im Landkreis Tirschenreuth besonders ausgebreitet hat:

Tirschenreuth

Seine Freundin Romina wählt schließlich gegen 7 Uhr die 116 117. Aber bei der Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdiensts ist kein Durchkommen. Nach einer Dreiviertelstunde tippt er die Nummer des Notrufs ins Telefon und nach einiger Zeit rückt der Sanka an. Auf der Fahrt ins Klinikum unterhält sich Flo noch mit der Besatzung. Als sie in Weiden ankommen, wird er zum Aufzug gefahren. „Ab diesem Zeitpunkt weiß ich nichts mehr. Keine Ahnung, ob ich zusammengebrochen oder eingeschlafen bin.“

Am späten Sonntagnachmittag kommt Flo zu sich. Ein Arzt eröffnet ihm, dass sich seit seiner Einlieferung alle Werte verschlechtert haben. Der Mediziner empfiehlt, den Patienten zwei Tage ins künstliche Koma zu versetzten. Denn es sei von Vorteil, den Körper ruhig zu halten. Mittlerweile steht nach einem Test auch fest, dass der 29-Jährige sich mit Corona infiziert hat.

Den Kampf gegen Corona hat Florian Lanz gewonnen. Seit einigen Wochen ist er schon wieder mit seinem Ghost-Bike unterwegs.

Selfie an Chef und lockere Nachrichten

Beunruhigt ist der Waldsassener aber noch immer nicht. Seiner Freundin und seinen Eltern schickt er noch eine Whatsapp-Nachricht: „Ich bin für zwei Tage weg.“ Dahinter ein Lach-Smiley. Und seinem Chef schreibt er, dass er am Montag nicht in die Arbeit kommen kann, dazu ein Selfie im Krankenbett mit Atemmaske im Gesicht. Dass aus den geplanten 2 Tagen tatsächlich 13 werden, liegt für Flo noch immer im Bereich des Unmöglichen.

Die Gründe: „Ich bin eigentlich körperlich voll auf der Höhe“, so der Waldsassener. Bis zu einer Knieoperation inklusive neuen Kreuzbands im November 2019 steht er mindestens dreimal in der Woche auf dem Fußballplatz. Seit Jahren ist er eine feste Stütze der ersten und zweiten Mannschaft der SF Kondrau. Zudem hat er keinerlei Vorerkrankungen, die ein höheres Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf vermuten lassen. Und trotzdem streckt das Virus den Körper des Stiftländers voll nieder.

Auch wenn Flo von der Koma-Zeit eigentlich nichts wissen kann: die fast zwei Wochen sind bei ihm im Unterbewusstsein. „In dieser Zeit hatte ich nur kranke Träume“, erinnert er sich. Themen sind der Tod, Herzinfarkte und Herztransplantationen. Einmal träumt er, dass ihm ein Messer in den Hals gestochen wird. „Vielleicht wurde mir zu dieser Zeit die Trachealkanüle gelegt“, sucht der Waldsassener nach Erklärungen. Er meint, dass er immer mal wieder Stimmen gehört hat. „Ob es wirklich so war? Ich weiß es nicht.“ Diese Zeit beschäftigt ihn noch immer. Eigentlich könne er mit dem Thema Nahtoderfahrung wenig anfangen, mittlerweile hat der Waldsassener darüber aber viel im Internet recherchiert.

Es schaut nicht gut aus

Als Flo aufgeweckt wird, weiß er zuerst gar nicht, wo er ist. Der Waldsassener hat drei Schläuche im Hals und um ihn blinken lauter Geräte. Während der 13 Tage Koma sah es einmal gar nicht gut aus. „Es war wirklich kritisch, dass es mich derbröselt“, spricht er im Nachhinein mehr als locker von seinem Todeskampf. Damals hatte das Krankenhauspersonal seine Eltern angerufen und ihnen mitgeteilt, „dass es nicht gut ausschaut“. Aber der Waldsassener hat sich doch noch „darapplt“, wie er sagt. „Während meines Komas war es ein ständiges Auf und Ab“, weiß der 29-Jährige mittlerweile vom medizinischen Personal.

Als Flo aus dem künstlichen Koma zurückgeholt wird, ist sein Gesicht mit Wunden übersät. Sie haben sich gebildet, da er während des Komas auf der Stirn lag und sich dort das Blut staute. Kurz nach dem Aufwachen kann der Waldsassener wegen des Beatmungsschlauchs auch noch nicht reden. Es ist für ihn schon eine Tortur, sich aufzurichten und sich in den Pflegestuhl zu setzen.

Bilder davon sind einige Wochen später, Anfang Juli, auch im BR (Bayerischer Rundfunk) zu sehen. Denn ein Fernsehteam hat über die ganzen Wochen während der Hochzeit der Corona-Pandemie auf der Intensivstation in Weiden filmen dürfen. Dabei haben die Journalisten auch die Gesundung "des jüngsten Koma-Patienten auf der Station" begleitet: Florian Lanz.

Ein BR-Fernsehteam hat Florian Lanz immer wieder besucht:

27 Tage im Krankenhaus

Einige Tage, nachdem Flo aus dem Koma zurückgeholt wurde, fällt erstmals ein Test auf Covid-19 negativ aus. Somit muss das Personal nicht mehr „komplett verkleidet als Marsmännchen“, also in voller Schutzmontur, ins Patientenzimmer. Ein weiterer Schritt Richtung Normalität. Am dritten Tag beginnt schon die Physiotherapie, die daraus besteht, aufzustehen und stehenzubleiben. „Alleine das hat bei mir zu Schweißausbrüchen geführt“, beschreibt der Fußballer seinen Zustand. Erschwerend kommt die kürzliche Knie-Op dazu. Durch das lange Liegen ist das Knie steif. „Das waren wirklich üble Schmerzen.“

Während der knapp zwei Wochen Koma nimmt Flo rund 14 Kilogramm ab. „Ein ganz kleiner Vorteil der ganzen Zeit, auf den ich gerne verzichtet hätte. Zudem war es hauptsächlich Muskelmasse und nicht allzu viel Fett“, lacht er. Nur ganz, ganz langsam kann er sein tägliches Bewegungspensum erhöhen. „Denn die Muskeln waren verschwunden. Solche Steckerl-Füße hatte ich noch nie.“

Gerüchte belasten Freundin

Sehr belastend ist die ganz Zeit natürlich für seine Freundin, die Eltern und Freunde. Keiner kann ihn besuchen. Auch als er wieder aufwacht, tut er sich schwer, sein Handy zu bedienen, da er die Finger nicht richtig bewegen kann. Als dann eine Schwester die PIN in sein Handy eingibt, ploppen Hunderte von Nachrichten auf. „Ich habe es bis jetzt noch nicht geschafft, allen zu antworten“, gibt er zu.

Das ganze Ausmaß der Corona-Pandemie realisiert Flo erst, als er im Krankenhaus den Fernseher anmacht: „Da ist mir erst klar geworden, was in Deutschland abgeht.“ Insgesamt war er 27 Tage im Krankenhaus, davon 21 auf der Intensivstation. Von anderen Patienten bekommt er nichts mit.

Als „wirklich hart“ bezeichnet Flo die ersten zwei, drei Wochen daheim in Waldsassen: „Das Treppensteigen war megaschwer und ich habe immer gleich wieder geschwitzt.“ Danach macht er allerdings schnell Fortschritte. Die große Unterstützung seiner Freundin Romina, seiner Eltern und Freunde bringt ihn voran. Aber auch sein Arbeitgeber denkt an ihn. Die Ghost-Kollegen bringen ihm daheim gleich mehrere Geschenke vorbei: eine Fotocollage mit einem Fahrradrahmen, ein FC-Bayern-Trikot und eine Dartscheibe. „Das war schon cool“, freut er sich noch immer über die Überraschung.

Gelassen nimmt Flo mittlerweile die ganzen Gerüchte um seinen Gesundheitszustand, die anfänglich durch die Region waberten. Wobei diese vor allem seine Freundin Romina mitgenommen haben. „Manche haben mich ja schon sterben lassen. Das sehe ich aber locker. Das ist halt so am Dorf“, beschäftigt sich der Waldsassener damit nicht mehr. Zudem war in Umlauf, dass er sich beim Starkbierfest in Mitterteich oder bei der Kommunalwahl das Virus eingefangen hat. Beides kann der 29-Jährige aber definitiv ausschließen: Zum einen war er überhaupt nicht auf dem Fest und zum anderen hat er seine Stimmen per Briefwahl abgegeben.

Wo er sich angesteckt hat, kann Flo nicht sagen. Er hat nicht einmal eine Vermutung: „Ich weiß es nicht, wo es mich erwischt hat.“ Weder Romina noch andere Leute aus seinem Freundeskreis hatten Covid-19. „Das ist mir wirklich sehr suspekt. Auch wenn es mich interessieren würde, wir werden es nicht herausfinden“, hat sich der Waldsassener mit der Situation abgefunden.

Kurze Chronologie der Corona-Ereignisse im Landkreis Tirschenreuth:

Tirschenreuth

Aber warum hat es ihn so schwer erwischt? Letztendlich passt seine persönliche Krankheitsgeschichte in kein Schema. Ein Arzt am Klinikum bezeichnete ihn als „Statistikopfer“. Flo selber hat auch ein wenig recherchiert. Er kann sich vorstellen, dass der heftige Krankheitsverlauf mit einer Immun-Überreaktion zu tun hat. „Ich war die letzten zehn Jahre nie wegen Grippe krankgeschrieben. Ich war eigentlich nur wegen Knie-OPs zu Hause“, verweist er auf seine Fußballerleiden. Daher hätte er auch nicht gedacht, dass Covid-19 ihn so hart erwischt.

Körperlich geht es Flo mittlerweile gut. Nur die Finger sind noch ein wenig taub und es ist noch eine Narbe über dem linken Augenlid zu sehen. Ein kompletter Gesundheitscheck hat ergeben, dass er auch keine Folgeschäden befürchten muss. Die regelmäßigen Blutuntersuchungen zeigen: „Alles im grünen Bereich.“ Auch geht er ganz normal seiner Arbeit bei Ghost wieder nach. Sport ist seit Ende Mai möglich, wenn auch nur mit dem Bike. Die ersten Radtouren erstreckten sich zwischen 10 und 15 Kilometer. Mittlerweile sind „ohne Probleme“ 70 Kilometer drin. Im September steht dann noch eine dreiwöchige Reha in der Lungenfachklinik in Ansbach auf dem Programm.

Und warum erzählt er seine Geschichte so freimütig? „Das hat einen Grund: Ich will zeigen, dass Corona auch junge, fitte Leute heftig erwischen kann.“ Er könne nicht nachvollziehen, dass Covid-19 mittlerweile von einigen Leuten verharmlost wird und Schutzmaßnahmen wie Mund-Nase-Schutz vernachlässigt werden.

Florian Lanz und seine Freundin Romina zeigen die Geschenke, die er von seinen Ghost-Arbeitskollegen erhalten hat: eine Fotocollage, standesgemäß mit Fahrradrahmen, und eine FC-Bayern-Trikot.
Im Blickpunkt:

Im Klinikum Weiden top betreut

Für das Klinikpersonal in Weiden hat Florian Lanz nur lobende Worte: „Die haben das top gemacht. Das muss ich immer wieder erwähnen.“ Er habe sich bis zum letzten Tag im Krankenhaus sehr gut aufgehoben gefühlt.

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