07.07.2021 - 10:44 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Eines der ältesten Häuser in Waldsassen: Wohnen mit einzigartigem Charme

Wer das besondere Wohngefühl in einem restaurierten Baudenkmal erleben möchte – in Waldsassen ist das bald auf Zeit möglich. Das sogenannte Boarding-House vereint den Charme historischer Mauern mit den Ansprüchen an modernes Wohnen.

Das Fachwerk der Außenfassade des Anwesens Mühlbachgasse 9 stellt sich nun so dar wie nach dem Bau des Hauses im 17. Jahrhundert.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Die Stadt Waldsassen hat das Anwesen Mühlbachgasse 9 mit hohem handwerklichen Aufwand sanieren lassen. Errichtet im 17. Jahrhundert, gilt es als eines der ältesten Gebäude außerhalb des Klosters. Noch gibt's viel zu tun. Der Boden ist noch zu verlegen. Dann kommt der Maler, zuletzt der Elektriker. Er installiert dann auch die alten Retro-Lichtschalter. Schwarz und aus Bakelit. Doch der größte Teil der Arbeiten ist geschafft.

Zwei Appartements, 50 und 130 Quadratmeter groß und mit separaten Eingängen, werden in dem denkmalgeschützten Anwesen mit einer kleinen Gartenfläche auf der Rückseite entstehen. Es soll künftig als sogenanntes Boarding-House genutzt werden.

Besonderes Flair in alten Mauern

Darunter versteht man eine Art Ferienwohnung, die aber länger als für den üblichen Urlaubsaufenthalt genutzt werden kann: Zielgruppe sind etwa Lehramtsanwärter oder Praktikanten in Firmen. Oder eben auch Leute aus Waldsassen, die das besondere Flair des Wohnens in alten Mauern schätzen und es genießen wollen. "Das ist wirklich ein Vorzeigeobjekt", freut sich Bürgermeister Bernd Sommer.

Bei der Konzeption zu Rate zog die Stadt Waldsassen Architekt Josef Weber. Über seinen Entwurf wurde über längere Zeit zusammen mit der Stadt und der Denkmalpflege beraten. Nun sind alle glücklich mit dem Ergebnis.

"Das war es schon wert, dass wir das so gemacht haben", erklärt Stadtbaumeister Hubert Siller, der sich wie Bürgermeister Sommer in das Projekt verliebt hat. "Was wäre denn die Alternative gewesen?", fragt Siller und gibt gleich die Antwort selbst: "Es wäre abgerissen worden und hier stünde jetzt eine Garage."

Bis ins Detail

Bei einem Rundgang durch das Gebäude wird klar: Die historische Bausubstanz ist bis ins Detail rekonstruiert. "Wir standen vor der Entscheidung, ob das Fachwerk nach außen oder nach innen sichtbar werden soll", erinnert Sommer etwa an die Diskussion im Vorfeld. "Wir haben uns für außen entschieden." Somit werde mehr vom Alter des Hauses deutlich.

Dass die Baumaßnahme sehr aufwendig war und schnell das Budget privater Auftraggeber gesprengt hätte, erläutert Hubert Siller. Die Balken seien etwa komplett abgetragen worden, bis zur Decke über dem Erdgeschoss. "Vorne war es schlechter beieinander." Bei einer Gaube hatte es hereingeregnet, über Monate. "Die Verzögerung hat dem Haus geschadet", sind sich Siller und Sommer einig und meinen dabei die langen und schwierigen Verhandlungen mit der Denkmalbehörde.

Bausünden sind bereinigt

Schon früher sei das Fachwerk mit gebrannten Ziegeln ausgemauert gewesen. "Von der Anordnung her ist das eins zu eins wieder rekonstruiert", freut sich Siller. Auch Bausünden der Vergangenheit wurden bereinigt: Das Mauer- und Fachwerk wies große Fensteröffnungen auf. "Da ist auch schon recht herumgesägt worden." Doch nun sei der ursprüngliche Zustand wieder sehr gut rekonstruiert.

"Das Dunkle ist das Originalholz", erklärt Siller beim Blick in die Räume im Erdgeschoss, wo das kleinere Appartement mit zwei Räumen und einem Bad entsteht. Die historischen Balken sind größtenteils erhalten worden, schadhafte Teile ergänzt mit neuem Holz. "Das ist dann schon das Extremste, was man in der Denkmalpflege macht."

Verlegt wird noch der Bodenbelag – aus Eiche, weil Fichtenholz zu weich wäre. Vorhandene Nischen in der Wand sind erhalten worden, ebenfalls eine mit einer Motivwalze gerollte Wand im Blauton. Die aufwendige Ornamentik wird fixiert, damit sie später abriebfest ist. Die "Rauchkuchl" des Hauses ist in der kleineren Wohnung übrigens zum Bad geworden. Der Kamin dient als Installations-Schacht, anstelle von Fliesen ist Industrieestrich verlegt.

Alles schief rekonstruiert

"Das war das größte Problem für die Verputzer", erzählt Hubert Siller über das Bestreben, alles genau wie früher hinzukriegen. "Es ist immer zu gerade geworden." Es habe im Haus aber bei der Renovierung alles wieder schief rekonstruiert werden müssen. "Wenn man hier läuft, merkt man, dass das ansteigt", so Siller in der größeren Wohnung in beiden Obergeschossen. Der Stadtbaumeister erzählt, dass es "echt schwer" gewesen sei für den Zimmerer. Die vordere Wand sei genau so schief gebaut worden wie sie war.

Denn es müsse sichtbar sein, dass das Haus alt ist. "Wenn alles gerade wäre, könnte man auch in einem Neubau sein." Hinter einer Folie verbirgt sich ein Teil der Wand, die freigelegt wurde und als Blickfang dient: Die Ziegel sind hochkant und quer verlegt und glasiert. Die Fenster sind mit Produkten der Glashütte Lamberts verglast, hinter einem historischen Balken ist ein Stahlträger versteckt, der aus statischen Gründen eingezogen worden werden musste.

Im Dachgeschoss ist die Steinwand mit Trockeneis gereinigt worden. Die Trennwände sind aus alten Fußbodenbrettern aus dem Gebäude gefertigt, zusammen mit neuen Balken. "Ich bin echt begeistert", sagt Sommer, während Hubert Siller das besondere Raumklima herausstellt: "Hier sind ausschließlich natürliche Baustoffe verwendet worden."

Bei der letzten Bürgerversammlung vor Corona wurde das Projekt vorgestellt

Waldsassen
Hintergrund:

Das Gebäude

Das Anwesen Mühlbachgasse 9 ist in der Denkmalliste der Stadt Waldsassen eingetragen und als "zweigeschossiger teilunterkellerter Traufseitbau mit Mansarddach am ehemaligen Mühlkanal" bezeichnet. Zur Bauzeit ist "im Kern 17. Jahrhundert" vermerkt.

  • Das Alter des Gebäudes ließ sich bei einer dendrochronologischen Untersuchung nachweisen. Dabei werden die Jahresringe von Bäumen einer bestimmten Wachstumszeit zugeordnet. Demnach ist das Bauholz im Winter 1661/62 geschlagen worden.
  • Seit 2012 stand das Haus leer, nachdem der frühere Bewohner, der zuletzt alleine dort lebte, gestorben war.
  • Im Jahr 2014 beauftragte die Stadt eine Machbarkeitsstudie, im Januar 2017 kaufte sie das Haus für den symbolischen Euro und ließ zuerst über dem bestehenden Dachstuhl ein Schutzdach als Notsicherung anbringen. Wenig später wurde ein Architekt beauftragt.
  • In den Jahren 2018 und 2019 Planungs- und Genehmigungsprozess in Abstimmung zwischen Architekt, dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Restauratorin, Statiker, Fachplanern und der Stadt Waldsassen.
  • Im April 2020 Baubeginn, geplante Fertigstellung im September 2021.
  • Die Kosten werden auf 1,2 bis 1,3 Millionen Euro beziffert. Davon werden 90 Prozent über die Städtebauförderung finanziert.

"Es wäre abgerissen worden und hier stünde jetzt eine Garage."

Hubert Siller über die Alternative, wenn die Stadt Waldsassen das Haus nicht saniert hätte

"Das ist wirklich ein Vorzeigeobjekt."

Bürgermeister Bernd Sommer über die Sanierung des Anwesens

 

 

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