26.06.2020 - 15:37 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Corona infiziert den Markt für alte Klamotten

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Seit Wochen beschäftigt Peter Tippmann das Problem. Fakt ist: Die Gebrauchtkleider-Sammlungen, die die Kolpingfamilie Waldsassen über 50 Jahre durchgeführt hat, gibt es künftig nicht mehr. Der Weg zu den Alternativen ist steinig.

Weitere Container, wie sie etwa beim Netto-Markt stehen, sollten als Ersatz für die bisherigen Gebrauchtkleidersammlungen der Kolpingfamilie im Stadtgebiet platziert werden. Doch weil der Markt zusammengebrochen ist, hat das Partnerunternehmen die Reißleine gezogen.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Traditionell an zwei Samstagen im Jahr, im Frühling und im Herbst, waren die ehrenamtlichen Helfer der Kolpingfamilie in Waldsassen vormittags durch die Straßen gefahren und holten die am Straßenrand abgestellten Gebrauchtkleider-Säcke ab. Die Verladung auf einen Lkw-Zug zur weiteren Verwertung folgte am Stadtbauhof.

Ständig Anfragen

Wann ist die nächste Sammlung? Wo können Gebrauchtkleider abgegeben werden? Derartige Anfragen erhält Tippmann, der bei der Kolpingfamilie die Sammlungen organisiert, seit Wochen. Denn die Frühjahrsaktion musste entfallen, wegen Corona: Helfer durften nicht mehr gemeinsam aufs Sammel-Fahrzeug.

Deswegen hatte sich Tippmann mit der Feuerwehr und der Rotkreuz-Bereitschaft eine Alternativlösung ausgedacht. An mehreren Standorten, die mit der Stadtverwaltung abgesprochen waren, sollten Gebrauchtkleider-Container aufgestellt werden. Den Erlös hätten jeweils die Jugendorganisationen erhalten. Der Bedarf wäre vorhanden: Darauf deuten die regelmäßig überfüllten Container hin, die bereits aufgestellt sind, etwa beim Netto-Markt oder beim ASV-Sportgelände.

Das Konzept hätte im Prinzip funktioniert. Doch inzwischen hat das Partnerunternehmen die Reißleine gezogen: In der Folge der Corona-Pandemie kann die Ware nicht mehr weiterverkauft werden - auch weil Abnehmer etwa in Afrika fürchten, auf diese Weise auch mit dem Virus infizierte Ware zu erhalten. "Die Firma hat sogar Hallen angemietet, in denen sich Gebrauchtkleider bis zur Decke stapeln." Ähnliche Probleme haben auch die anderen Vereine und Verbände im Landkreis Tirschenreuth, die Altkleider sammeln.

"Der Markt ist total zusammengebrochen", erklärt Peter Tippmann. Seine Nachfrage bei dem Recycling-Unternehmen, der Firma Wittmann in Landshut, hatte ergeben, dass sich möglicherweise im Herbst die Situation wieder stabilisieren könnte. "Die stecken in allergrößten Schwierigkeiten."

Für die Textilien gebe es keine Abnehmer mehr. Sprichwörtlich "beißt sich die Katze in den Schwanz", wie es Tippmann formuliert. Billige T-Shirts aus dem Kleider-Discount, zwei bis dreimal getragen und dann in den Kleidersack geworfen, eigneten sich von der Qualität her gar nicht für eine Weiterverwertung. Das Material könne nur weggeworfen werden.

Partnerfirma zieht die Reißleine

Somit dürfte die vorgesehene Alternativlösung, die Tippmann zusammen mit der Stadt ausgedacht hatte, kaum noch funktionieren. Zwei Möglichkeiten bleiben noch: "Die Ware aufheben, bis bessere Zeiten kommen, oder gleich über den Restmüll entsorgen."

Der Waldsassener Bürgermeister Bernd Sommer hätte die Container-Sammlung zugunsten der beiden Organisationen sehr begrüßt. "Wir haben auch drei Säcke im Keller", weiß Bernd Sommer aus seinem privaten Bereich, dass die Möglichkeit zur weiteren Verwertung sehr geschätzt wurde. Textilien seien eigentlich ein wertvoller Rohstoff, der wieder in den Kreislauf gebracht werden sollte. "Aber der Altkleiderpreis verfällt weiter und weiter", weiß Sommer.

Aufheben oder gleich entsorgen

Mehr über die Kolpingfamilie Waldsassen

Waldsassen
Die Gebrauchtkleidersammlungen der Kolpingfamilie (hier die Sammler bei einer der Aktionen in den vergangenen Jahren) wird es in der gewohnten Form nicht mehr geben.
Seit Jahren Kooperationspartner der Kolpingfamilie Waldsassen ist die Firma Wittmann. Deren Lager in Geisenhausen ist bis an die Decke mit Altkleidersäcken gefüllt. Von rechts Betriebsleiter Josef Hopper und die Mitarbeiter Sahit Tigani und Tobias Fink.
Hintergrund:

Seit April nur drei bis vier Sattelzüge pro Monat

Im März 2020 ging wegen Corona gar nichts mehr. Und seit April bis jetzt hat das Partnerunternehmen Wittmann, das seit vielen Jahren die gesammelten Textilien von der Kolpingfamilie Waldsassen abgenommen hat, laut Peter Tippmann lediglich drei bis vier Sattelzüge pro Monat vermarkten können - etwa nach Italien und nach Osteuropa. Dies entspricht weniger als einem Zehntel dessen, was früher im Schnitt monatlich an Gebrauchtkleidung an Abnehmer in Europa und in Afrika geliefert wurde. Die Kolpingsfamilie Waldsassen sammelt seit 51 Jahren Altkleider, früher auch Altpapier. Organisator war zu Beginn Georg Koch, später war Rudolf Hahn für die Sammlungen verantwortlich, seit 2004 ist Peter Tippmann Organisator und Koordinator der Aktion.

In den vergangenen Jahren sind laut Tippmann etwa 1225 Tonnen Gebrauchtkleider gesammelt worden. Die Erlöse gingen an das Gemeinwohl zurück: Unterstützt wurden öffentliche Einrichtungen, wie Kindergärten, oder es wurde Geld an bedürftige Notfälle oder nach unterstützungswürdigen Ereignissen weitergereicht. Für diese Unterstützung in all den Jahren bedankt sich die Kolpingfamilie Waldsassen mit einem "Vergelt's Gott". (pz)

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