15.05.2019 - 08:18 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Diese Kunst macht nachdenklich

Eine außergewöhnliche Ausstellung kann im Kloster besichtigt werden. „Gratwanderung“ zeigt Werke psychisch kranker Menschen, die sich an einem Kunstwettbewerb beteiligt haben.

von Ulla Britta BaumerProfil

Der stille Kreuzgang zum Bibliothekssaal scheint sich dezent zurückzunehmen. An den Wänden dominieren seit gut einer Woche Gemälde und Collagen. Links und rechts stehen verstreut Skulpturen. Ein Stuhl ist darunter, der Ungewöhnliches aussagt. Eine weiße Keramikfigur ist hinter Glas eingesperrt, in den Wandnischen können hinter Bilderrahmen Gedichte nachgelesen werden. Selbst der Betrachter wird hier still, denn diese Kunst ist nicht gefällig. Sichtbar gemacht wird hier die "Gratwanderung" jener Menschen, deren Psyche ihnen aus Schicksalsschlägen oder von Geburt an unliebsame Streiche spielt. Diese Kunst soll nachdenklich machen. Den Erschaffern dieser Werke nimmt sich seit 20 Jahren der Regensburger Verein "Irren ist menschlich" an. In Zusammenarbeit mit der Katholischen Jugendfürsorge, dem Bezirk Oberpfalz sowie der Galerie Klara hat der Verein vor nun eine Wanderausstellung konzipiert. Aus über 80 Bewerbungen wurden etwa 36 herausgenommen, die öffentlich gezeigt werden.

"Verkopft" verkauft

Großartige Objekte sind darunter wie das Aquarell "Verkopft" von Simone Raß. Es ist verkauft. Wie viele andere Gemälde. Gut so, denn große Kunst ist es wert, nicht in einem verstaubten Archiv zu verschwinden. Als professionelle Kunst dürfen die Arbeiten der psychisch kranken Menschen auch bezeichnet werden. Sie tragen Seelen nach außen.

"Kein normaler Stuhl" heißt Hopes (Pseudonym) Arbeit. Es ist ein Skill und der Erschaffer erklärt dies: Skills seien Gegenstände, mit denen man umgehen kann, ohne sich selbst zu verletzen zum Abbau von Wut. Das sei auch mit einer Chilischote möglich, sagt bei der Vernissage Harald Kelsch aus dem Vorstand. "So merkwürdig das klingt. Das Hineinbeißen in die Chilischote hilft, weil es die Gedanken umlenkt." Kelsch bedankt sich beim Bezirk, bei der Jugendfürsorge und bei den Zisterzienserinnen für die Unterstützung der Wanderausstellung.

Zur Idee sagt er, 2014 hätten Thomas Kammerl und der Vorsitzende Klaus Nüßl überlegt, wie man die Gedanken der Inklusion von psychisch Kranken in die Öffentlichkeit tragen könne. Darauf sei das Kunstprojekt entstanden. Es sei eine "Gratwanderung" geworden in mehrfacher Hinsicht, denn es sei immer ein ganz schmaler Weg zwischen zwei Abgründen. Man wolle damit den Eindrücke eines psychisch Kranken einen Ausdruck verschaffen.

Normal und verrückt

"Manchmal können dadurch vielleicht Krisen gemeistert werden, manchmal entstehen sie erst gar nicht", sagt Kelsch, der die Frage an die Gäste richtet, war normal und was verrückt sei und was nur außergewöhnlich. Ihn freut es, dass es bereits einen Markt gebe für Künstler mit Handicaps, die "Art Brut" oder "Naive Kunst", so dass eine öffentliche Wahrnehmung entstanden sei. Manche Künstler hätten es bis in große Galerien und zur Ruhm geschafft. "Aber wir haben uns auch gefragt, ob die Kunst deshalb eine Andere sei", so der Redner. Und ob sie zur Stigmatisierung führe.

Im Namen der Stadt begrüßte Zweiter Bürgermeister Karlheinz Hoyer die Gäste im Kloster. Bezirkstagvizepräsident Lothar Höher nannte "Gratwanderung" etwas Besonderes. Es sei durchaus erkennbar, dass menschliche Krisen und künstlerisches Schaffen im engen Zusammenhang stehen könnten. Der Mut dazu, sich damit zu zeigen, sei längst überfällig. "Zu einer inklusiven Gesellschaft führen viele Wege. Dies ist einer davon." Die Ausstellung kann bis 30. Juni im Eingangsbereich zur Klosterbibliothek besichtigt werden.

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