19.05.2019 - 08:45 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Grandios, aber verstörend

Mit seiner Bühnenversion des Romans "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess lässt das Ovigo-Theater die Droogs um Gangchef Alex am Freitag und Samstag auf das Publikum in der Glashütte Lamberts los. Ein Leckerbissen für Theaterfans.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Nach einer gut zweieinhalbstündigen theatralischen Höchstleistung kommt der Schlussapplaus am Freitag anfangs verhalten. Das verstörende Stück verfehlt auch in der Klosterstadt seine Wirkung nicht. Etwa ein, zwei Minuten braucht das Publikum, bis es sich von der beklemmenden Story, die es eben erlebt hat, erholt.

Erst dann gibt es den verdienten Lohn für die Schauspieler, die im gleißend weißen Scheinwerferlicht auf der Bühne stehen - langanhaltendes Zusammenklatschen von etwa 300 Händen. Auch schüchterne Bravo-Rufe mischen sich darunter.

Die Bilder des Theaterabends in der Glashütte

Nadsat-Sprache

Katzen bezeichnen sie als "Kots" und "Koschkas", "Krowy" bedeutet Blut, "Litso" ist das Gesicht, "Titsas" sind "Schlampen" und wenn sie "pitschen", dann trinken die Droogs . Auf jedem Stuhl im Zuschauerraum der Glasfabrik liegt ein beidseitig bedrucktes DIN-A-4-Blatt, auf dem die Begriffe der Nadsat-Sprache, der sich die Gang-Mitglieder immer wieder bedienen, übersetzt sind.

Auch am Samstag ist "A Clockwork Orange", der Bestseller, den Anthony Burgess 1962 veröffentlichte, an diesem besonderen Spielort ausverkauft. Und, im Vergleich zu Dickens Weihnachtsgeschichte, die das Ovigo-Theater im vergangenen Jahr bei niedriger Temperatur mit eisigem Durchzug hier spielte, ist es wohlig warm in der Hütte.

"A Clockwork Orange", was bedeutet das eigentlich? Eine von mehreren Erklärungen führt den Titel auf das malaische Wort "orang" zurück, welches auch in Orang-Utan vorkommt und Mensch bedeutet. Eine andere Interpretation geht von einer Cockney-Redewendung für etwas "sehr Seltsames" aus: "As queer as a clockwork orange".

Beide Deutungen laufen darauf hinaus, dass der Mensch etwas Organisch-Natürliches ist, wie eine Orange auch. Beide, Mensch und Orange, sind, wie sie die Natur angelegt hat, und kein Lebewesen funktioniert durch Manipulation so präzise wie das ein Uhrwerk tut. Im Stück wird das an der Figur des Alex DeLarge mehr als deutlich. Der jugendliche brutale Bandenchef der Droogs, trotz einer Stimmbandentzündung grandios interpretiert von Daniel Adler, ist bekannt, dass er und seine Gang unter Drogeneinfluss pöbeln, prügeln, vergewaltigen. Eltern, Sozialarbeiter und die Staatsgewalt resignieren beim Versuch, den Beethoven-Fan (das ist Alex auch) auf die rechte Bahn zu führen. Als Alex auch noch zum Mörder wird, kommt es wie es kommen muss, er landet im Gefängnis, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihn seine Gang verrät.

Versuchskaninchen

Die Teilnahme an einer neuartigen, nicht ausreichend erforschten Therapie stellt Alex Amnestie in Aussicht. Die Therapie des Dr. Brodsky (Enis Somrani) basiert auf Schock. Er verabreicht seinem Probanden eine Droge und zeigt ihm Gewaltvideos. Alles abscheuliche Dinge, die Alex nicht fremd sind, die er selbst mehrfach getan hat. Die Gehirnwäsche zeigt zunächst Wirkung, scheitert aber letztendlich doch. Im Laufe der Aufführung entpuppen sich Jugendamtsmitarbeiter, machthungrige Politiker, gewalttätige Polizisten als nicht viel besser als die Schlägertruppe. Einzig ein Gefängnispfarrer ist hier die Ausnahme.

Das war großes Kino in der Glasfabrik. Beeindruckende Schauspielerleistungen bis hinunter zur Nebenrolle machten das Stück zum Theatererlebnis vom Feinsten. In bis zu fünf Rollen schlüpften die Akteure dabei und überzeugten in jeder einzelnen. Oft agierten sie mit rasanter Geschwindigkeit auf der Bühne, was eine Menge an Kondition voraussetzte.

Premierenbesprechung

Regensburg

Geniales Bühnenbild

Bemerkenswert ist auch, wie es Regisseur Florian Wein gelungen ist, mit minimaler Ausstattung maximale Wirkung zu erzielen. Beim Bühnenbild stand ihm der Stiftländer Schauspieler und Regieassistent Bernhard Neumann zur Seite, der die Teile gefertigt hat, die sowohl als große Kulissen, wie kleine Accessoires zum Einsatz kamen.

Kleine und große Holzrahmen, Würfel und Quader aus dem selben Material waren einmal Kulisse für Gefängnis, Krankenhaus oder Hinterhof. Dann wieder kamen sie als Trinkgefäße, Bildschirm oder Bibel zum Einsatz. Neumann verkörperte außerdem zwei Rollen im Stück. Ein unvergesslicher Theaterabend, der anscheinend auch den Akteuren und Machern gefallen hat, sonst hätte Florian Wein nicht versprochen: "Wir kommen wieder!"

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