26.05.2021 - 18:21 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Ein Hauch von Schule wie zu Omas Zeiten

Am über 100 Jahre alten Gartenschulhaus im Waldsassener Klostergarten nagt der Zahn der Zeit. Dennoch hat das Gebäude ein ausgesprochen romantisches Flair, was nicht nur an der Jugendstil-Architektur liegt.

Wenn es auch arg in die Jahre gekommen ist, hat das Gartenschulhaus der Zisterzienserinnenabtei Waldsassen das gewisse Etwas, das dem Gebäude einen Hauch von Romantik und Nostalgie verleiht.
von Ulla Britta BaumerProfil

Wenn ein Gebäudekomplex wie das Zisterzienserinnenkloster Waldsassen auf eine uralte Geschichte zurückblicken kann, gibt es natürlich immer wieder Umbauten und Neuanlagen in diesen Jahrhunderten seines Bestehens. Ein Kloster und seine Bauten sind auch immer wieder wie alle historischen Gebäude dem Zahn der Zeit unterworfen.

Erweiterungen, Aufstockungen, Sanierungen und Abrisse bringen Veränderungen mit sich, die den Wandel der Zeit dokumentieren, auch und besonders in der Architektur. In den 1950er Jahren wurde zum Beispiel in den Klosteranlagen die "Gärtnerei" mit mehreren großen Gewächshäusern, einem neuen Heizhaus und Lagerschuppen südlich des Gartenschulhauses und einem Verkaufsgebäude an dem später als Tor zur Umweltstation genutzten neuen Garteneingang errichtet.

Winterschule für Mädchen

Nur das Gewächshaus ist bis heute noch erhalten. Das 400 Quadratmeter große Gebäude wurde bis in die jüngste Vergangenheit im Winter beheizt und ist noch gut erhalten. Laut den Überlieferungen soll das heutige Gartenschulhaus 1909 auf den Grundmauern des Vorgängergebäudes gebaut worden sein. Damit wurde auch der westliche Orangerie-Flügel als landwirtschaftliche Winterschule für Mädchen errichtet. Gebaut wurde ein wunderschönes Gebäude, das damals den Einflüssen des Jugenstils angepasst war.

Damals galt das Gartenschulhaus mit seiner Ausrichtung nach Süden als hochmodern mit großzügigen Fensterflächen. Umso schöner ist es, dass das Gebäude bis heute weitgehend unverändert mit originalen Fenstern (sogenannten Kastenfenstern) erhalten geblieben ist. Auch die originale Treppe und die Wandverkleidungen gibt es noch.

Wer das alte Gartenschulhaus betritt, etwa um einen Kurs oder Workshop des Kultur- und Begegnungszentrums (KuBZ) zu besuchen oder mit dem Team der KubZ-Verwaltung etwas zu besprechen, der hört im Geiste noch immer das Trippeln leichter Füße der jungen Mädchen, die in den Pausen die steile Holzstufe rasch hinab in den Garten liefen oder um das Schulhaus nach dem Unterricht für den Heimweg zu verlassen. Geradezu nostalgisch erinnert dieses Gebäude mit seinen knarrenden Türen, den von unzähligen Schuhen abgetretenen Treppenstufen und den abgenutzten Wänden die ältere Generation an ihre eigene Kindheit, als Schule noch dieses Flair von gestrengen Rektorinnen mit straffem Haarknoten und eifrigen Schülern mit braven Haarschnitten hatte.

Diese sogenannte "landwirtschaftliche Winterschule" war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Fachschule für Berufsbilder wie Landwirt und ländliche Hauswirtschaft. Unterrichtet wurde im Gartenschulhaus aber nur von November bis März. Während der Sommermonate waren die Schülerinnen unentbehrlich auf den bäuerlichen Anwesen ihrer Eltern zum Mitarbeiten auf den Feldern, in den Ställen und im Haushalt der Landwirtsfrauen.

Geplant waren beim Bau des Gebäudes 1909 zunächst im Erdgeschoss drei Lehrsäle, ein Speisesaal und die Küche sowie im ersten Obergeschoss ein weiterer Lehrsaal, ein großer Schlafsaal, ein Zimmer für ein Fräulein und eine schmale Garderobe. Tatsächlich wurde daraus bei den Innenbauarbeiten im Erdgeschoss statt der zwei mittleren Lehrsäle ein Speisesaal sowie die Küche und anstelle der zunächst geplanten Speisezimmer und Küche ein großer Vorratsraum und ein Bügelzimmer. Scheinbar war der Schlafsaal im Obergeschoss nicht mehr erforderlich und wurde durch drei Lehrsäle ersetzt.

Fernwärmeheizung

Schon damals war die Beheizung über Fernwärme erfolgt über eine Nahwärmeleitung von dem externen Heizhaus südöstlich des Schulgebäudes. Heute hat das Gartenschulhaus eine neue Bestimmung. Es wird von der Umweltstation Abtei Waldsassen der Stiftung Kultur- und Begegnungszentrum (KuBZ) als Verwaltungsgebäude und für Schulungszwecke benutzt. Im Dach befinden sich zudem zwei einfache Pilgerunterkünfte. Inzwischen hat das wirklich schöne Gebäude - das eine wahre Zierde des Klostergartens ist und immer wieder von vielen Besuchern während der Veranstaltungen des KuBZ bewundert wird - ganz neue Bestimmungen. Äbtissin Laetitia Fech hat erst vor kurzem Pläne veröffentlicht, das Gartenschulhaus zu renovieren und wie ehemals eine Orangerie einzubinden, in der die empfindlichen Gewächse des Klostergartens vor dem Frost überwintern können. Die Orangerie soll im direkten Anschluss an das Gebäude im Jugendstil als Gesamtensemble dem historischen Bau angepasst werden.

Sanierung mit Orangerie

Der erste Bauabschnitt gilt der Sanierung des bestehenden Gartenschulhauses und der Wiederherstellung der ehemaligen Orangerie. "Sie entsteht als ein Haus der Stille und ist als Null-Energie Haus geplant", heißt es in einem Bericht der Oberpfalz-Medien zu den Plänen der Äbtissin. Die Orangerie soll nach dem Neubau die gleiche Größe aufweisen wie das bestehende Gartenschulhaus. Eine schöne Idee, die das romantische Gebäude sicherlich um ein Vielfaches aufwerten wird.

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