15.11.2020 - 11:45 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Hochleistungssport Body-Fitness: Hartes Training für definierte Körper

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Ein knackiger Hintern, eine schmale Taille, ein Hauch von Muskeldefinition: So sieht für Nadine Riedl und Markéta Härtl der ideale Körper aus. Die beiden jungen Frauen aus Tirschenreuth und Waldsassen sind Fitness-Athletinnen.

Nadine Riedl aus Tirschenreuth ist seit 2014 Bikini-Fitness-Athletin. Zu diesem Sport kam die heute 25-Jährige durch Zufall. Disziplin in Training und Ernährung wurden für sie zur Lebenseinstellung.
von Lena Schulze Kontakt Profil

In den Körpern von Nadine Riedl aus Tirschenreuth und Markéta Härtl aus Waldsassen steckt harte Arbeit, Verzicht und Disziplin. Sie richten ihren ganzen Alltag nach dem Kraftsport aus und halten sich strikt an Ernährungspläne. Die beiden sind mehrmals im Jahr auf Wettkämpfen – auch international. Im September waren sie etwa auf der Europameisterschaft in Barcelona in Spanien.

Bereits seit 2014 ist Nadine Riedl Bikini-Fitness-Athletin. Die 25-Jährige wuchs in Ernestgrün bei Bad Neualbenreuth auf und lebt nach beruflichen Zwischenstopps in München und Augsburg heute in Tirschenreuth. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Notarfachangestellten. Als Ausgleich zum Büroalltag gehörte das Workout im Fitnessstudio dazu. Dort hatte sie sich spontan angemeldet. „Ich wollte einfach abnehmen.“ Ein anderer Kraftsportler verwies sie an Andrea Hertlein, Weltmeisterin in der Kategorie Bikini-Pro, nach Erbendorf. „Ich wollte eigentlich nur einen Fitness- und Ernährungsplan.“ Der Berater dort meinte zu ihr: „Du wärst was für die Bühne.“ Zwölf Wochen später stand Nadine Riedl tatsächlich das erste Mal auf einer Wettkampfbühne.

Auf Anhieb auf dem Treppchen

Ähnlich zufällig kam Markéta Härtl zu diesem Sport. Gebürtig stammt die 30-Jährige aus Eger in Tschechien und lebt seit sechs Jahren in Waldsassen. Erst im Januar dieses Jahres überredete ihr Freund sie, mit dem Kraftsport zu beginnen. Die 30-Jährige hielt sich vorher mit Joggen fit. Im Fitnessstudio in Tschechien wird Trainerin Jana Stöckelova, ebenfalls zweimalige Fitness-Weltmeisterin, auf die junge Mutter eines zweieinhalbjährigen Sohnes aufmerksam. „Sie hat mich motiviert, bei solchen Wettbewerben mitzumachen“, sagt Markéta. Sie erstellte der noch unerfahrenen Athletin einen Trainings- und Ernährungsplan und begleitete sie beim Training.

"Es macht mir einfach Spaß. Ich kann mich beim Training gar nicht bremsen."

Markéta Härtl (30)

Ihren ersten Wettbewerb bestritt Markéta Anfang September und startete bei den Tschechischen Meisterschaften. Auf Anhieb belegt sie in der Bikini-Klasse den 2. Platz. „Das kam total unerwartet“, freut sie sich über den überraschenden Erfolg. „Es macht mir einfach Spaß. Ich kann mich beim Training gar nicht bremsen“, sagt Markéta und lacht. Sie trainiert viel zu gerne, dadurch bildet sich auch mehr Muskelmasse. „Meine Muskeln sind richtig schön gewachsen.“ Bereits nach wenigen Monaten stieg sie von der etwas zarteren Bikini-Klasse in die Wellness-Klasse mit mehr Muskeln um.

Nach weiteren Bühnen-Erfahrungen bei der Europameisterschaft in Barcelona Ende September (6. Platz Bikini-Klasse), beim Diamond Cup in Prag Anfang Oktober (3. Platz Wellness-Klasse) und eine Woche später beim Partner Cup in Tschelakowitz (Tschechien) trainierte Markéta nun für die Weltmeisterschaft Anfang November.

6 Prozent Körperfettanteil

Vor den Meisterschaften Diät zu halten findet die Mutter nicht schlimm. „Ich habe einen guten Stoffwechsel“, sagt sie und lacht. Neben Reis und Kartoffeln gibt es hauptsächlich Hähnchenfleisch und Fisch. „Einmal in der Woche ist Rindfleisch erlaubt“, sagt die Athletin. Auch wenn sie manchmal Lust auf Schokolade hat, bleibt sie diszipliniert und widersteht. Besonders schwierig: „Meine Mutter kocht und backt so viel und es riecht immer so gut“, seufzt Markéta. Der durchschnittliche Körperfettanteil einer Frau beträgt 15 bis 20 Prozent. Markétas Körperfettgehalt liegt aktuell bei 6 Prozent. Vom Gewicht merke sie keine großen Unterschiede. Während die 1,57 Meter große Blondine vor dem Krafttraining zwischen 51 und 54 Kilogramm wog, sind es jetzt ebenfalls zwischen 51 und 52 Kilogramm. Sie trainiert vier Mal die Woche je eine Stunde.

Sport an erster Stelle

Während Corona machte Markéta ihre Übungen jeden Tag zu Hause, nach den Lockerungen ging sie ins Fitnessstudio in Tschechien oder ins Bodystyle nach Waldsassen. Joggen geht die 30-Jährige mittlerweile nicht mehr. „Im Hinblick auf die Meisterschaften ist Cardio-Training eher schlecht.“ Der Kraftsport ist für sie aktuell an oberster Stelle. „Das klingt sehr hart“, weiß sie selbst. Denn Zeit für ihren Partner und ihren Sohn bleibt neben dem Training wenig.

Auch ihr Umfeld reagierte zunächst skeptisch auf das Hobby der 30-Jährigen. „Ich habe vier Schwestern. Sie sagen: ,Wir sind froh, jetzt haben wir einen muskelbepackten Bruder‘“, erzählt Markéta und schmunzelt. Auch ihrem Freund würden weniger Muskeln an der gelernten Krankenschwester, die aktuell in Erziehungsurlaub ist, besser gefallen. Markéta gibt zu, dass ihr selbst auch weniger Muskeln gefallen, aber dafür trainiert sie zu gerne.

Die Neckereien in ihrem Umfeld kränken sie nicht. Sie ist froh, diesen Sport für sich entdeckt zu haben. „Das passt zu mir. Ich möchte gar nichts anderes mehr machen“. Auch wenn ihre Familie Scherze macht, sie unterstützen die Sportlerin. „Wenn meine Mutter nicht so oft auf meinen Sohn aufpassen würde, könnte ich das nicht machen“, sagt sie. Auch für ihr erstes Outfit legte die ganze Familie zusammen. Die Athletinnen brauchen Wettkampffarbe, Schmuck, Schuhe und einen speziellen Bikini für den Bühnenauftritt. Dieser allein kostet teils 700 Euro oder mehr.

Bei ihrem ersten Wettbewerb war für sie alles ganz neu. „Ich kann mich fast an nichts erinnern. Ich habe die anderen Mädels gesehen und dachte mir: Was mache ich hier?‘“ Vor allem das Posen und sich in Szene setzen musste Markéta lange trainieren. „Die Präsentation ist ganz wichtig“, weiß sie. Langsam bekommt sie Routine. Dennoch vergleicht man sich automatisch mit der Konkurrenz, so die Sportlerin. „Die Frauen haben alle schöne Körper“, sagt sie. Gerne tauscht sie sich mit anderen Teilnehmerinnen aus, man gehe nach dem Wettbewerb manchmal auch gemeinsam einen Kaffee trinken.

Bei der WM in Sankt Susanna in Spanien – die trotz „Lockdown light“ in Deutschland stattfinden konnte – belegte Markéta den fünften Platz in der Wellness-Klasse. Damit ist für sie die Saison für heuer beendet. Aber 2021 will sie in jedem Fall wieder bei Meisterschaften starten.

Training, Arbeit, Essen

Zunächst dachte sich auch Nadine Riedl: „Die sind alle verrückt!“ Der Sport gefiel ihr, weniger die Präsentation auf der Bühne. Das reine Training war ihr allerdings irgendwann nicht mehr genug. Sie wollte sich mit der Konkurrenz bei Wettkämpfen messen. Die Vorbereitung beanspruchte ihre ganze Zeit, so dass der Tag nur noch aus Training, Arbeit und Mahlzeiten vorbereiten bestand.

Auch ihr Umfeld zweifelte Nadines Hobby zunächst an. In einer Großstadt allerdings sei es einfacher, diesen Sport so intensiv auszuüben. „In der Stadt gibt es viele verrückte Leute, da fällt man nicht so sehr auf“, sagt die 25-Jährige. Sie verfolgt ihre Ziele sehr fokussiert. „Was andere denken, kümmert mich nicht.“

„Eigentlich geht es doch darum, den Kampf gegen sich selbst zu gewinnen.“

Nadine Riedl (25)

Training und Ernährung erfordern große Disziplin. In der Wettkampfsaison wiegt Nadine 60 Kilogramm auf 1,75 Meter Größe, außerhalb der Saison etwa 5 Kilogramm mehr. Während der Vorbereitung wiegt sie ihr Essen sogar ab. 2,8 Gramm Protein und 40 Gramm Fett pro Kilogramm Körpergewicht. Der Rest Kohlenhydrate. Während der Diät 2000 Kalorien pro Tag, Off-Season 2500 bis 3000 Kalorien pro Tag. Während der Saison trainiert sie fünf bis sechs mal die Woche je eine Stunde. „Das ist Hochleistungssport“, sagt Nadine. Dieser wurde für sie zur Lebenseinstellung. „Ich würde niemals Pizzaessen gehen oder mich betrinken. Warum sollte ich ungesunde Fette in mich reinstopfen?“ Kompliziert sei das im Alltag nicht. „Ich finde auf jeder Speisekarte etwas“, sagt sie.

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Weil die Wettkampfteilnahme mit enormen Kosten verbunden ist, fertigte Nadine vor sechs Jahren ihren ersten Bikini selbst. Aus ihrer Leidenschaft machte sie einen Beruf. 2016 gründete die Stiftländerin ihre Firma „Diamond Design Posingsuits“. Stück für Stück wuchs der Bekanntheitsgrad ihrer handgefertigten Bikinis, die Aufträge wurden immer mehr. Deshalb kündigte die Athletin ihren Job als Notarfachangestellte und machte sich als Unternehmerin selbstständig. Auch sportlich lief es für die ehrgeizige junge Frau super. Ihren größten Erfolg fuhr sie bei den bayerischen Meisterschaften 2016 und 2017 ein. Dort gewann sie den Klassen- und Gesamtsieg.

Auf Dauer war die Doppelbelastung durch Sport und Unternehmen aber zu viel für die Mittzwanzigerin. Mitte 2017 zog sich Nadine aus dem Sport zurück, um sich auf ihre unternehmerische Karriere zu konzentrieren. Im Herbst 2018 verwirklichte Nadine ihren Traum von einem eigenen Gym-Wear-Label und gründete „Diamond Apparel“. Während ihrer Auszeit betreute die Tirschenreutherin einige andere Athletinnen.

„Ich wollt es nochmal wissen“

Im Januar 2019 zog sie nach Tirschenreuth. Zurück in ihrer Heimat packte die 25-Jährige der Ehrgeiz. „Ich hab mich selbst nicht mehr wohlgefühlt. Neben dem Job tät mir der Sport gut“, überlegte sie. „Ich wollt’s nochmal wissen.“ Und: Wenn sie ihre Mädels zu Wettkämpfen begleitete und die Bräunungsfarbe roch, dachte sie sofort: „Die will ich mir auch wieder drauf schmieren.“ Nadine begann wieder mit dem Training. Dann kam Corona. Deshalb stattete sie sich mit Gewichten und Geräten aus. Dafür flog die Esszimmergarnitur aus der Wohnung. „An sich trainiere ich lieber im Fitnessstudio“, erklärt sie. Zu Hause guckt sie oft aufs Telefon, die Arbeit ständig im Hinterkopf.

Ihre ersten Wettkämpfe nach ihrer Auszeit waren heuer die Europameisterschaft und der Diamond-Cup. Nadine belegte jeweils den 6. Platz in der Kategorie Bikini-Fitness. Bei der EM war sie nicht zufrieden mit ihrer Leistung. „Ich wusste, da geht noch mehr.“ Bis zum Diamond-Cup nahm sie weitere 2,3 Kilogramm ab und war mit ihrer Form zufrieden. „Klar geht man mit Ambitionen in den Wettkampf. Aber eigentlich geht es doch darum, den Kampf gegen sich selbst zu gewinnen. Die Platzierung ist mir egal, wenn ich mit meinem Aussehen zufrieden bin.“ Ihr letzter Wettkampf für heuer sollte die Deutsche Meisterschaft Ende November sein, die wegen des zweiten Lockdowns aber abgesagt wurde. Ein Ziel hat sie dennoch fest vor Augen: „Eine Profi-Lizenz, wenn sich’s mit meinem Business vereinen lässt.“

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Hintergrund:

Wettkampfkategorien und Präsentation

  • Bikini- und Shape-Klassen gelten als eine Art Vorstufe zum Frauen-Bodybuilding. Bei Bikini-Fitness geht es den Sportlerinnen um einen wohlproportionierten Frauenkörper mit einem Hauch von Muskeldefinition.
    Während typische Bodybuilder nach möglichst viel Muskelmasse und -härte streben, geht es den Bikini- und Shape-Athletinnen um einen schlanken, weiblichen, leicht trainierten Körperbau. Wichtig ist dennoch wenig Fett- und viel Muskelmasse.
  • Die Kategorien sind nach Muskelgröße gestaffelt: Bikini-Fitness, dann Wellness-Fitness mit mehr Muskelmasse, Fitness-Figur und Frauen-Physique, das dem Bodybuilding nahekommt.
  • Der Unterschied zum Bodybuilding macht das Training: Art und Umfang der Übungen sowie die Wiederholungen. Wichtig sind die Po- und Oberschenkelmuskulatur, Brust-, Schulter und Rückenmuskulatur, Bauchmuskulatur sowie Bizeps und Trizeps.
  • Bei Wettbewerben werden neben den Posen auch die Präsentation und das Auftreten gewertet. Dazu gehören ein spezieller Posing-Bikini, der den Blick auf die Muskeln eröffnet, Frisur, Schmuck, Nägel, und auch die Bräunungsfarbe, die die definierten Muskeln stärker hervorhebt.
  • Nadine Riedl und Markéta Härtl starten bei Amateur-Wettkämpfen der „International Federation of Bodybuilding & Fitness“ (IFBB). Holen die Sportlerinnen hier den Klassen- und Gesamtsieg, sind sie berechtigt, die „Pro-Card“ zu beantragen, um sich bei der IFBB-Elite-Pro zu beweisen. In der Profi-Klasse ist die Konkurrenz dann stärker, da nur die besten Athleten des Amateurbereichs berechtigt sind, in die Profi-Liga zu wechseln.

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