09.10.2020 - 14:05 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Leuchtende Brillanz aus Waldsassen für Richters Kirchenfenster

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

In der Benediktiner-Abtei St. Mauritius in Tholey sind sie die Attraktion. Drei Fenster hat Gerhard Richter für die Kirche gestaltet. Was kaum jemand weiß: Das Rohmaterial wurde in der Glashütte in Waldsassen hergestellt.

Mitte September wurden wurden die drei von dem Künstler Gerhard Richter gestalteten Chorfenster der Abteikirche Tholey erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das mundgeblasene Glas wurde in traditioneller handwerklicher Fertigung in der Glashütte Lamberts in Waldsassen hergestellt.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Über die Präsentation in der Abtei Tholey im Saarland Mitte September berichtete sogar die New York Times: Die drei Fenster im Altarraum, die Gerhard Richter (88) entwarf, sind die letzten Werke des weltbekannten Künstlers.

Was in den Beiträgen in den internationalen Medien nicht genannt wurde: Die mundgeblasenen Glasscheiben für die drei Fenster sind in Waldsassen hergestellt worden - nach traditioneller handwerklicher Fertigung in der Glashütte Lamberts.

Zwei Meter breit, neun Meter hoch

Die Entwürfe für die zwei Meter breiten und neun Meter hohen Fenster hat Richter der Benediktinerabtei St. Mauritius geschenkt. Die aufwendige Umsetzung, bei der das Glas unter anderem geätzt wurde, erfolgte in der Bayerischen Hofglasmalerei Gustav van Treeck in München. Das Unternehmen verarbeitet seit langer Zeit Glas aus Waldsassen – ebenso wie weitere Glaskunst-Werkstätten in Deutschland.

Die Verantwortlichen der ältesten Abteikirche Deutschlands versprechen sich einen Aufschwung im Tourismus. "Die wollen ihr Kloster sichern durch die Kirchenfenster", sagt Christ. Dadurch sei gewährleistet, dass auch viele Besucher kommen.

Das letzte Kunstwerk

"Das Tholey-Projekt war ein guter Auftrag für uns", sagt Prokurist Robert Christ über die Kirchenfenster von Richter. Er ist weltweit der teuerste lebende Künstler. "Er hat sein letztes Kunstwerk mit unserem Glas gemacht." Darauf sei das 70 Leute zählende Lamberts-Team schon etwas stolz, sagt Christ und erwähnt, dass für die Produktion gerade wieder gute neue Leute gesucht werden.

Richter war nie in Waldsassen gewesen, etwa um in der Firma Lamberts das Glas auszusuchen - für die jetzt präsentierten Fenster nicht und auch nicht für die Verglasung im Kölner Dom. Diese wurde in den Glasstudios Derix in Taunusstein gefertigt, ebenfalls mit Gläsern aus Waldsassen. Der Kontakt der Glashütte mit dem Künstler sei jeweils über die Werkstätten erfolgt, informiert Christ.

Glas für weitere 34 Fenster

Neben dem Glas für die von Richter gestalteten Fenster durften die Waldsassener auch das Material für die anderen 34 Fenster in der Abteikirche in Tholey liefern. Sie wurden gestaltet von Mahbuba Maqsoodi. Die afghanisch-deutsche Künstlerin war vor einigen Wochen in Waldsassen. Sie hat das Material für ihre Arbeiten ausgesucht. "Sie hat schon gearbeitet mit unserem Glas."

Christ erzählt, dass dabei auch für einen Film gedreht wurde: Darin sind Maqsoodis Arbeiten genauso ein Thema wie die von Gerhard Richter. Und natürlich auch das Glas aus dem Waldsassener Traditionsbetrieb.

Glasmalerei mit der Sonne

Eine begnadete Malerin sei Mahbuba Maqsoodi, erzählt Christ von der ausdrucksstarken Arbeit der Künstlerin. "Man merkt gut das Verständnis von Licht, das sie mit der Sonne malt." Denn Sonnenlicht werde transformiert und veredelt, wenn es durch Lamberts-Glas scheint.

"Man arrangiert sich damit. Aber es ist schade", sagt Christ und bedauert, dass die Glashütte in Waldsassen beim internationalen Medienecho wie jetzt nach der Präsentation der Richter-Fenster so gut wie nie genannt wurde. "Überall wird über diese Projekte berichtet, ob es in der Tagesschau ist oder im Heute-Journal oder wo auch immer." Es sei aber wichtig zu wissen, dass Künstler und Werkstätten ohne Glas aus Waldsassen nicht arbeiten könnten. "Ohne unser Glas wären diese Kunstwerke so in der Form nicht möglich." Dies sei auch den Beteiligten bewusst.

"Dass es die Öffentlichkeit nicht weiß, damit müssen wir leben." Eine Ausnahme waren die – ebenfalls aus Lamberts-Glas gearbeiteten – Zifferblätter von Big Ben in London. Darüber war nach einer Welle von Beiträgen in deutschen Medien auch in überregionalen Zeitungen und Magazinen berichtet worden. Zudem brachte der Auftrag Robert Christ einen Auftritt in einer Quizsendung mit Kai Pflaume im Fernsehen – und am Ende eine Siegprämie für das Lamberts-Team.

Ein besonderer Auftrag für die Glashütte brachte sogar einen Auftritt in einer TV-Quizsendung

Waldsassen
Hintergrund:
  • Der Begriff "Glasmalerei" ist eigentlich etwas irreführend: Denn nicht immer wird wirklich gemalt. "Glasmalerei heißt nicht nur, auf dem Glas zu malen, sondern mit dem Glas zu malen", erklärt Robert Christ: Der Werkstoff werde geschnitten, laminiert, geklebt. Glas werde zusammengesetzt in verschiedenen Techniken und farbig gestaltet.
  • Die Firma Lamberts ist eine von drei Glashütten weltweit, die mundgeblasenes Flachglas in alter handwerklicher Tradition fertigt. Neben dem Unternehmen in Waldsassen gibt es noch eines in Polen sowie eine Glashütte in Frankreich. Dort wird ähnliches Glas wie in Waldsassen hergestellt, allerdings nicht in allen Farben: Deshalb kaufen die Franzosen Gläser aus Waldsassen zu, die sie dann wieder an ihre Kunden weiterverkaufen.
  • Ein "Lieblingsprojekt", wie Robert Christ sagt, ist erst kürzlich in Kalkar am Niederrhein fertiggestellt worden, in der Kirche St. Nikolai. Über 24 Jahre dauerte die Planungs-und Entstehungszeit, vor wenigen Wochen waren die letzten beiden Fenster, gefertigt aus Lamberts-Glas, übergeben worden. Künstler Karl Martin Hartmann aus Wiesbaden hatte die Fenster nach physikalischen Mustern und nach Naturgesetzen neu gestaltet.
  • Bei der Sanierung des Rathauses Waldsassen wurden ebenfalls die mundgeblasenen Flachgläser aus der Glashütte verwendet. „Es war von Anfang an klar, dass bei einem denkmalgeschützten Gebäude direkt gegenüber von Kloster und Basilika nur mundgeblasene Fenstergläser verwendet werden können", wird Martin Rosner, Geschäftsführender Beamter der Stadt Waldsassen, in der Pressemitteilung der Glashütte zitiert. Die Anforderungen an Energieeffizienz stehen in Einklang mit den Ansprüchen an historische Authentizität: Die aus der Glashütte Lamberts stammenden mundgeblasenen Flachgläser wurden zu Isolierglas weiterverarbeitet.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.