06.10.2021 - 11:43 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Rettungsanstalt, Kinderheim und zuletzt Seniorenheim an der Egerer Straße in Waldsassen

Während des Abbruchs dürften sich Beobachter an die verschiedenen Einrichtungen in dem Gebäude in den vergangenen fast 185 Jahren erinnert haben. Ein Blick in die Geschichte der zuletzt als Altenwohn- und Pflegeheim genutzten Häuserreihe.

Der markante Gebäudekomplex an der Egerer Straße ist inzwischen abgebrochen worden. Eine fast 185-jährige Geschichte geht damit zu Ende.
von hmrProfil

Mit der Aktion wurde Platz geschaffen für die neue Außenstelle des Landesamts für Digitalisierung, Breitband und Vermessung: Der Gebäudekomplex Egerer Straße 28 in Waldsassen ist abgebrochen. Damit endet die Geschichte eines seit mindestens 185 Jahren bestehenden Hauses. Es war in einer wechselvollen Vergangenheit Rettungsanstalt, Kinderheim und zuletzt Seniorenheim.

Dokumente im Stadtarchiv Waldsassen verweisen auf die Gründung eines St. Johannis-Vereins im Frühjahr 1854. Dieser erwarb damals das Haus Nr. 203 samt Hofraum, Stadel und Stall mit Garten bei einer Zwangsversteigerung und gestaltete es um. Zum 1. Oktober 1863 wurde die Rettungsanstalt mit der Aufnahme von zwei Kindern eröffnet. Ab Februar 1867 übernahmen zwei Schwestern vom Orden der armen Franziskanerinnen in Pirmasens (später in Mallersdorf) die Leitung bzw. Beaufsichtigung der Kinder.

Für die Unterbringung der Kinder gab es laut Satzung eine Reihe von Vorgaben einzuhalten, darunter auch Details, die Einblicke in den damaligen „Dienstbetrieb“ bzw. das „Innenleben“ der Anstalt ermöglichten. So hieß es etwa wörtlich: "So lange ein Kind sich in der Anstalt befindet, dürfen die Eltern oder Angehörigen desselben sich nicht in dessen Erziehung einmischen. Besuche der Kinder in der Anstalt hängen von der Erlaubnis der Institutsvorsteherin ab …"

Die Rettungsanstalt wurde ab 1875 mehrmals erweitert. Um die Jahrhundertwende lebten 50 bis 60 Jungen und Mädchen in der Anstalt. 1913 wurde ein dreigeschossiger Anbau bezogen – mit elektrischem Licht, Dampfheizung und Brausebad. 80 Kinder waren untergebracht; außerdem entstand dort ein katholischer Kindergarten mit 50 Mädchen und Buben.

Eine schwierige Phase folgte nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. 1915/1916 wurden Teile des Heimes als Reservelazarett benutzt. Ende der 1920er Jahre stieg auch wieder die Kinderzahl. Der Altbau wurde um ein Geschoss aufgestockt auf die Höhe des Neubaus von 1913. Dabei entstand auch Raum für die Hauskapelle. Die Belegung des Hauses stieg nun weiter an und erreichte oft an die 100 Kinder.

Schikanen in der NS-Zeit

Oberin des Hauses war von 1918 bis 1937 Schwester M. Elisabethina Wunschel. Im November 1937 wurde Schwester M. Ermenfrieda Fangauer als neue Oberin nach Waldsassen berufen. Die ausgebildete Kindergärtnerin wirkte bis zu ihrem Tod am 3. Februar 1977 fast 40 Jahre lang im Kinderheim Waldsassen. Vorstand des St.-Johannis-Zweigvereins war seit Februar 1936 Stadtpfarrer Joseph Wiesnet. Während der NS-Diktatur hatte das Haus Schwierigkeiten und Schikanen zu erleiden, weil das Heim von katholischen Ordensschwestern betreut wurde.

Nach Kriegsende fanden an der Egerer Straße Ordensfrauen aus Schlesien und dem Sudetenland eine vorübergehende Bleibe. Nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 ging es wieder aufwärts. Trotz knapper Geldmittel wurden eine Waschküche und ein Bügelzimmer eingerichtet, die Zimmer mit neuen Stühlen ausgestattet und im Keller eine neue Kesselanlage installiert. Die Zahl der Kinder war auf 100 angestiegen.

Mehrere Erweiterungen

Im Sommer 1951 wurde ein Grundstück unmittelbar neben dem Heim zur Errichtung eines Spielplatzes erworben und ein Jahr später darauf zwei Spielhallen gebaut. Außerdem errichtete man auf Drängen der Küchenschwestern Treibhäuser. Da die Kinderzahl ständig zunahm, wurde 1954 das in Richtung Stadtzentrum angrenzende „Heindl-Haus“ (Modehaus Lenz Heindl) zum Preis von 45.000 DM käuflich erworben. Im gleichen Jahr konnte der katholische Kindergarten in das neu erbaute St.-Michaels-Heim am Lämmeracker bzw. in der heutigen Joseph-Wiesnet-Straße umziehen und das Kinderheim die freigewordenen Räume im Hause selbst nutzen. 1957 kam das Gartengrundstück mit dem kleinen Heindl-Haus hinzu, das um 16.000 DM erworben wurde.

Nach der Einbeziehung des 1954 erworbenen „Heindl-Hauses“ in den Kinderheimkomplex bestand die Anlage aus drei zusammenhängenden Häusern, was den Unterhalt der Gebäude und die Betreuung der Kinder erschwerte. Deshalb wurde das Heim erneut umfassend modernisiert. Einweihung war im Oktober 1962. Neben den Wohn- und Schlafräumen für die Kinder wurden auch für die Schwestern neue Schlafzimmer und eine Dachterrasse geschaffen. Als Glanzstück entstand im Dachgeschoss eine schön gestaltete Hauskapelle. Die Gesamtkosten betrugen rund 850.000 DM.

Unterstützung von MdL Freundl

Als Motor des Projekts gilt der Stadtpfarrer und spätere Prälat Martin Rohrmeier. Er war von MdL und Landrat Otto Freundl unterstützt worden. Für die bauliche Gestaltung war der aus Waldsassen stammende Architekt Franz Schuster gewonnen worden. Die Ausführung der Bauarbeiten erledigte das Bauunternehmen Eckstein-Triebenbacher. Das Heim war nun durchschnittlich mit 110 bis 120 Kindern belegt und verfügte über weitere Kapazitäten bis zu etwa 200 Kindern.

Der neue Stadtpfarrer Vitus Pschierer trat am 1. September 1974 sein Amt an und übernahm auch den Vorsitz beim St.-Johannis-Zweigverein. Als Zweiter Vorstand fungierte Oberamtsrat Franz Gerl, als Schriftführer Bankkaufmann Hans Thoma und als Kassier Sparkassendirektor Franz Fleischmann. Gerl führte seit 1959 auch als Verwalter das Kinderheim und verfasste 1988 eine handschriftliche Chronik, in der er viele Einzelheiten festhielt. Zur neuen Oberin des Kinderheimes war im Februar 1977 Schwester M. Theokleta ernannt worden, die seit August 1942 im Kinderheim als Erzieherin tätig war.

Immer weniger Kinder

Mit den Jahren machte sich ein allmählicher Rückgang der Kinderzahl im Heim bemerkbar. Im Juni 1987 gab Stadtpfarrer Vitus Pschierer als Vorsitzender des St.-Johannis-Zweigvereins bekannt, dass das Kinderheim St. Maria im Herbst schließt. Nachdem das Haus infolge der Vereinsauflösung der Katholischen Kirchenstiftung übertragen worden war, entschloss sich diese, das Kinderheim in ein Altenwohn- und Pflegeheim umzubauen. Die Idee für die Nachnutzung ist auf Martin Riedl, zurückzuführen. Er war 26 Jahre lang als Heimleiter des Hauses St. Martin tätig und verwaltete auch das neue Haus mit .

Eröffnet wurde das Seniorenheim St. Maria am 22. April 1989. 48 Wohn- und Pflegeplätze wurden geschaffen. Während der Umbaumaßnahmen im Kinderhaus St. Michael von Mai 1994 bis Juli 1995 wurden die Räumlichkeiten für die vorübergehende Unterbringung der Kindergartenkinder genutzt. Zu Weihnachten 1995 konnte ein neuer Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss eingerichtet und von Prälat Vitus Pschierer gesegnet werden.

Brandschutz

Am 17. Februar 2010 kam es zu einem Brand in einem Zimmer des Seniorenheims St. Martin, in dessen Folge zahlreiche Zimmer evakuiert werden mussten. In der Folge war das Haus St. Maria vor allem brandschutztechnisch noch einmal überarbeitet worden: Die Kapelle im Obergeschoss durfte nicht mehr benutzt werden, weil ein zweiter Fluchtweg eingerichtet worden war. Lange Zeit befand sich im Dachgeschoss auch eine Wohnung für einen Ruhestandspriester.

Nach einer Begehung des Hauses St. Maria mit den Fachbehörden im Sommer 2016 ergaben sich neue Vorgaben nach dem Pflege- und Wohnqualitätsgesetz. Die geforderte komplette Barrierefreiheit wäre in der bestehenden Bausubstanz mit den drei im Laufe der Jahre verbundenen Gebäudeteilen nur schwer und mit großem Aufwand zu verwirklichen gewesen. Da sich die Kirchenstiftung die Generalsanierung jedoch nicht leisten konnte, kam es Mitte des Jahres 2017 zur Schließung. Den seinerzeit 40 Bewohnern wurde die Übersiedlung in das Heim St. Martin in der Eichendorffstraße angeboten.

Rettungsaktion für Altar und -bild der früheren Hauskapelle

Waldsassen
Hintergrund:

Vereinsmitglieder aus den Distrikten Waldsassen und Tirschenreuth

Der verstorbene Heimatpfleger Robert Treml hat zur Geschichte des Gebäudekomplexes Egerer Straße 28 zahlreiche Unterlagen im Stadtarchiv Waldsassen gesammelt. Aus den Dokumenten hat Archivpfleger Hermann Müller die wichtigsten Informationen entnommen.

  • Die Gründung des St. Johannis-Vereins geht auf eine Anordnung des in Bayern von 1811 bis 1864 regierenden König Max II. zurück. Er verfolgte damit die Absicht, den Armen in seinem Land zu helfen. Dabei sollten durch die örtlich zu bildenden Zweigvereine verschiedene Zwecke verfolgt werden. Dazu gehörte auch die Einrichtung von Rettungshäusern für verwahrloste Kinder.
  • Auch im Stiftland ließ man sich nicht lange bitten und trieb im Markt Waldsassen die Gründung eines entsprechenden Zweigvereins mit dem Ziel der Errichtung einer „Rettungsanstalt zur Erziehung verwahrloster Mädchen“ voran.
  • Im Sommer 1869 registrierte man im St. Johannis-Zweigverein 110 Mitglieder aus dem Distrikt Waldsassen mit einem jährlichen Beitrag von 111 Gulden und 86 Mitglieder aus dem Distrikt Tirschenreuth mit einem jährlichen Beitragsaufkommen von 73 Gulden. Der Markt Waldsassen und benachbarte Gemeinden unterstützten die Einrichtung mit Naturalabgaben sowie durch Geld- und Sachspenden.

"So lange ein Kind sich in der Anstalt befindet, dürfen die Eltern oder Angehörigen desselben sich nicht in dessen Erziehung einmischen."

Aus der Vereinssatzung

 

 

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