17.12.2018 - 17:59 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Weihnachten im Kloster: „Der Friede beginnt in unserem Herzen“

Auch im Kloster gibt's Geschenke. Äbtissin Laetita Fech vom Zisterzienserinnen-Kloster in Waldsassen erzählt, worüber sie sich zu am meisten freuen würde - und das nicht nur zu den Festtagen.

Gern sucht die Äbtissin die weltberühmte Barockbibliothek auf, in der auch Führungen angeboten werden.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Frau Äbtissin, was war für Sie als Kind das schönste Weihnachtsgeschenk?

Äbtissin Laetita Fech: Na ja, ich erinnere mich nicht an etwas Spezielles, aber als Kind hatte ich viele Wünsche. Wenn sich einer erfüllt hatte, freute ich mich total. Einerseits hatten wir in meinem schwäbischen Zuhause zwar alles, andererseits mussten meine Eltern schon sparen. Wir waren drei Kinder, so waren es meist Kleinigkeiten, die ich bekam. Aber das Kripperl herrichten, und dann zum ersten Mal den geschmückten Christbaum sehen – das war für mich schon jedes Jahr ein besonderes Erlebnis!

ONETZ: Worüber würden Sie sich dieses Jahr am meisten freuen?

Äbtissin Laetita Fech: Ganz ehrlich: Am meisten würde ich mich freuen, wenn sich jetzt eine junge Frau für das Kloster anmelden würde. Das wäre wortwörtlich ein Christkind.

ONETZ: Was haben Sie sonst noch auf Ihrer Wunschliste?

Äbtissin Laetita Fech: Ein großer Wunsch von mir ist, dass auf der Welt Frieden herrscht. Wir hier in Europa sollten wieder mehr eine Kultur des Dankes pflegen. Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns in Europa so gut geht, dass wir Frieden haben, Freiheit und in jeder Beziehung so viele Möglichkeiten. Als Zisterzienserinnen leben wir ja nach der Regel des Heiligen Benedikt, er ist der Patron Europas. Und Europa ist ein großes Geschenk für uns, das aus christlichen Wurzeln entstanden ist. Es steht für Wertschätzung und Anerkennung des Anderen, für die Würde des Menschen. Daher müssen wir uns immer fragen, wie wir unseren Mitmenschen begegnen wollen. Nicht nur an Weihnachten, aber gerade jetzt feiern wir ja ein Fest des Friedens. Der Friede beginnt in unserem Herzen. Er muss von jedem Einzelnen ausgehen, ernstgemeint sein, echt. Dann begegnen wir den Menschen anders, als nur aus äußerer oder wirtschaftlicher Sicht.

ONETZ: Folgt daraus, dass es unmoralisch ist, wenn sich die Menschen bei uns über materielle Weihnachtsgeschenke freuen?

Äbtissin Laetita Fech: Absolut nicht. Kleine Geschenke können in unserem Kulturkreis Ausdruck der Wertschätzung sein. Und doch gilt es, Maß zu halten und anderes in den Vordergrund zu stellen. Für uns ist Christus das Geschenk, auf das wir uns freuen. Er ist ein Geschenk vom Himmel, wegen „Ihm“ beschenken wir uns. So gesehen können materielle Geschenke dann unmoralisch werden, wenn das Geistliche auf der Strecke bleibt.

Video: Äbtissin Laetitia Fech führt durch die Abtei Waldsassen

ONETZ: Im Kloster gibt es dann wohl keine Bescherung?

Äbtissin Laetita Fech: Doch. Bei uns gibt es Heiligabend auch eine Bescherung. Wir beschenken uns aber nicht gegenseitig, sondern bekommen Geschenke von Menschen außerhalb der Klostergemeinschaft. Letztes Jahr waren das zum Beispiel Körperpflegeprodukte, Bücher, Wein für den Weihnachtstag, Plätzchen, Säfte – Dinge also, über die wir uns freuen und für die wir sehr dankbar sind. Wir bekommen das von Freunden, Bekannten der Abtei und manchmal auch anonym. Diese Sachen werden etwa an der Klosterpforte abgegeben. Seit Jahren schickt uns jemand zum Beispiel eine große Kiste Lebkuchen. Da liegt dann eine Karte dabei, sinngemäß mit den Worten: Die große Unbekannte wünscht frohe Weihnachten! Das bereitet uns wirklich jedes Mal echte Freude.

ONETZ: Wer darf diese Geschenke an sich nehmen?

Äbtissin Laetita Fech: Die Geschenke bekommen wir miteinander. Das heißt, wir teilen sie. Natürlich können auch Angehörige eine Schwester beschenken. Aber auch hier teilen wir. Die Schwestern zeigen die Geschenke vor, die sie direkt bekommen, und wir entscheiden, wie damit zu verfahren ist. Das will die Ordensregel so. Ein Fotoapparat, um mal ein Beispiel für ein denkbares hochwertiges Geschenk zu nennen, gehört der Gemeinschaft. Aber es kann sein, dass eine besonders begabte Schwester, die gerne fotografiert, ihn aufbewahrt und regelmäßig benutzt, doch er gehört ihr nicht persönlich. Selbstverständlich gibt sie ihn dann auch an Mitschwestern weiter, die ebenfalls fotografieren möchten. Dass wir als Gemeinschaft teure Geschenke erhalten, ist allgemein jedoch eher nicht üblich. Schließlich haben wir alle ein Armutsgelübde abgelegt. Zugleich gibt es natürlich im Kloster Dinge, die viel Geld kosten, die wir in der heutigen Zeit auch brauchen. Handys und Laptops zum Beispiel gibt es auch im Kloster, allerdings eben nicht für den Privatgebrauch, sondern weil wir im Klosteralltag häufig erreichbar sein müssen oder am Computer in einem Arbeitsbereich damit arbeiten. Materieller Überfluss widerspräche dem Klostergedanken.

Äbtissin Laetitia Fech führt durch die Abtei Waldsassen

Waldsassen

ONETZ: Was bedeutet Ihnen die Weihnachtszeit?

Äbtissin Laetita Fech: Lassen Sie mich vorausschicken: Wichtig ist aus unserer Sicht nicht nur alleine das Weihnachtsfest selbst. Wichtig ist vor allem auch der Advent als Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft Christi. Hier im Kloster fasten wir in jeder Adventswoche an zwei Tagen: Plätzchen naschen wir zum Beispiel erst an Heiligabend selbst. Advent ist eine Zeit der Vorfreude. Es tut gut, zunächst einmal leiser zu werden, damit wir uns an Weihnachten über Gott freuen können. Weihnachten selbst ist ein Geschenk Gottes, und Christus ist das größte Geschenk Gottes vom Himmel an uns Menschen.

ONETZ: Fühlen Sie sich Gott dann besonders nahe?

Äbtissin Laetita Fech: Ja, an Weihnachten fühlt man sich Gott besonders nahe. Mit unseren Gelübden haben wir versprochen für Gott zu leben, in einer persönlichen „Du-Beziehung“ ihn zu lieben. Er ist unsere Herzensfreude, unser persönliches Du. An Weihnachten ganz besonders.

Ein Bild aus früheren Tagen: Seit 23 Jahren steht Schwester Laetitia Fech in der Verantwortung als Äbtissin.

ONETZ: Wie verbringen Sie Heiligabend?

Äbtissin Laetita Fech: Der Tag beginnt wie üblich mit dem Morgengebet. Direkt danach treffen wir uns dann im Kapitelsaal, wo wir die Ankunft von Jesus Christus feierlich auskündigen. Alle Schwestern legen sich mit ausgestreckten Armen auf den Boden. Das ist die sogenannte „Prostratio“, die Niederwerfung, ein liturgischer Akt, der die Demut vor Gott bekundet. Jedes Jahr ist das aufs Neue sehr bewegend und tief berührend. Jede Schwester hat in stiller Zwiesprache – so ist es bei uns Klosterbrauch – mit Gott drei Wünsche offen, die sie im Herzen trägt und die, so glauben wir, auch erfüllt werden. Mittags gibt es ein einfaches Essen, meist eine Suppe. Abends um halb sechs ist dann das Abendgebet mit besonders feierlichen Gesängen. Das Abendessen nehmen wir schweigend bei Tischmusik ein. Nach dem Essen hat jede von uns noch etwas Zeit für sich, bevor es im Refektorium an die Bescherung geht. Wir sitzen dort um den Christbaum und die Krippe, singen das Weihnachtsevangelium, lesen uns manche sinnige Geschichte vor. Dann folgt die Bescherung. Die Geschenke, die das Kloster bekommen hat, liegen auf einem großen Tisch im Refektorium und wir teilen sie miteinander und jede hat dann zu ihrer Freude auch etwas zum Auspacken! Anschließend ist frohes Beisammensein, wir trinken Glühwein und essen Plätzchen und da geht es dann auch sehr froh und gelöst zu. Der klösterliche Begriff für dieses entspannte Beisammensein ist „Rekreation", wo es das „Benedicite“ gibt – auf deutsch: „gutes Reden“ – und das Stillschweigen aufgehoben wird. Um 20 Uhr folgen in der Klosterkirche die Christmette mit der Gemeinde. Nach kurzer Pause schließen sich die feierlich gesungenen „Vigilien“ an, das sind die Nachtwachen an der Krippe. Diese dauern bis ungefähr 23 Uhr an.

ONETZ: Der Weihnachtstag selbst …

Äbtissin Laetita Fech: … beginnt mit einem besonders liebenswerten Brauch und Ereignis: Die jungen Mitschwestern gehen mit Querflöte und Gitarre durch das Haus und wecken die älteren Schwestern mit Musik. Das gibt es nur an Weihnachten. Nach dem Aufstehen singen wir die „Laudes“, das Morgenlob, in unserer Klosterkirche. Beim Frühstück am Weihnachtstag wird gesprochen, was sonst schweigend eingenommen wird. Am Vormittag gehen wir um 9.30 Uhr zum Hochamt in die Basilika. Mittags gibt es ein besonders festliches Weihnachtsessen und um 12 Uhr schauen wir uns im Fernsehen den Papstsegen „Urbi et Orbi" an. Nachmittags haben die Schwestern „freie“ Zeit für sich, um Weihnachten zu genießen. Nach einer feierlichen Vesper gibt es abends dann erneut „Benedicite“, wo wir wieder froh beisammen sitzen und uns austauschen, bei gutem Essen. Der zweite Feiertag ist für uns liturgisch gesehen wie ein ganz normaler Sonntag – es ist ja der Stephanstag!

ONETZ: Sie sind in feste Regeln und Abläufe eingebunden, doch wie kann einem gläubigen Menschen außerhalb des Klosters der Spagat zwischen weltlichem Fest und christlichem Anspruch an Weihnachten gelingen?

Äbtissin Laetita Fech: Ganz einfach: Indem man sich in der Adventszeit innerlich darauf vorbereitet, auf Weihnachten auch materiell wartet. Dann ist es kein Spagat, sondern fließend. Dann darf ich mich ganz natürlich freuen, auf ein christliches Fest – und nach dem Erwarten auch an Materiellem und Gaben freuen. Im richtigen Maß. Das ist uns auch von Gott her erlaubt und geschenkt. Das Materielle, die Geschenke, sind dann ein Bild für das geistige, große Geschenk Gottes in seinem Sohn, an jeden von uns Menschen.

Äbtissin Laetitia Fech im Kreuzgang
Ein „gläserner Adventskalender“ schmückt das klostereigene Gästehaus St. Joseph.
Nächtlicher Basilikavorplatz.
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