16.02.2020 - 09:56 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Wohnen, Bildung und Landwirtschaft

Acht vorbereitete Fragen und weitere aus dem Publikum arbeiteten die Bürgermeisterkandidaten aus Waldsassen bei der Podiumsdiskussion in zweieinhalb Stunden ab. Die Bundesstraße und das Krankenhaus waren dabei nicht die einzigen Themen.

Bürgermeister Bernd Sommer, Moderator Jürgen Meyer, Helmut Zeitler und Johann Wurm (von links) vor dem Beginn der Podiumsdiskussion im Jugendheim.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Der erste Beitrag über die Podiumsdiskussion mit den Bürgermeisterkandidaten

Waldsassen

Bei der Veranstaltung der Aktionsgemeinschaft Waldsassen (AGW) am Donnerstag im Jugendheim-Festsaal (wir berichteten) ging es auch um die Entwicklung von Handel, Gewerbe und Industrie. „Hat die Jugend hier in Waldsassen eine Chance?“, wollte Jürgen Meyer von den drei „g’standenen Mannsbildern“ wissen, wie der Moderator am Ende meinte.

Kloster und Basilika seien gut für den Tourismus, so Helmut Zeitler. Dennoch müsse der Blick über die beiden Türme der Barockkirche gehen, auch über die bayerisch-tschechische Grenze hinaus. „Wir müssen das Oberzentrum Waldsassen-Eger im Auge behalten und Verbindungen auftun.“ Denn vielleicht, so der SPD-Kandidat, gingen künftig Kinder aus Waldsassen zur Berufsausbildung nach Tschechien. Zeitler trat für die Stärkung des regionalen Handels ein.

„Azubi-Baxi“

Für junge Leute gebe es etwa Ausbildungsplätze in Weiden. Doch was tun, wenn deren Mobilität eingeschränkt sei? Dazu brachte Zeitler ein „Azubi-Baxi“ ins Gespräch. Neben eigenen Gewerbeflächen müssten interkommunale geschaffen werden. Das Gründerzentrum sei auch in Zukunft wichtig.

Johann Wurm stellte die Bedeutung der in die Region verlagerten Behörden für den Arbeitsmarkt heraus. Auch die Ansiedlung von BMW in Sokolov sei nicht zu unterschätzen. Andererseits verwies der Freie Wähler auf die hohe Kaufkraft von Kunden aus Tschechien in Waldsassener Verbrauchermärkten. „Und der Tourismus wächst langsam, aber er wächst.“ Auch von Bad Neualbenreuth könne Waldsassen profitieren.

"Riesen-Schnitzel"

An die „Riesen-Schnitzel“, die an der Ortsdurchfahrt Waldsassens beworben wurden, erinnerte sich Moderator Jürgen Meyer. „Die gibt’s immer noch“, erklärte der Bernd Sommer. Zur wirtschaftlichen Situation sagte der CSU-Bürgermeister: „Es läuft gut, aber es könnte besser sein.“ Wegen der Tallage könne Waldsassen nur schwer eigene Gewerbegebiete ausweisen. „Aber die Nachbarorte haben die Flächen.“ Für junge Leute seien intelligente Lösungen gefragt, wobei Sommer das Ausbildungszentrum der Firma Kassecker nannte. „Ja, ich habe sie“, kommentierte Sommer die Äußerung von Helmut Zeitler zu den Beziehungen zu den Nachbarn in Eger. „Wir sprechen uns hier taktisch ab, weil wir dann alle etwas davon haben.“

Um die künftige medizinische Versorgung drehte sich eine weitere Fragerunde: „Diese Probleme hat Waldsassen nicht allein“, fand Johann Wurm und wollte Anreize schaffen für junge Mediziner, nach Waldsassen zu kommen. Allerdings achteten junge Ärzte auf ihre Work-Life-Balance und würden deshalb nicht gerne eine Hausarztpraxis übernehmen. „Die Infrastruktur ist auf einem guten Weg und jeder, der Unterstützung braucht, wird sie auch bekommen.“

Studenten "bauchpinseln"

„Welches Krankenhaus fahren wir an?“, erzählte Helmut Zeitler von der täglichen Frage in seinem Hauptberuf als Notfallsanitäter. Wenn Tirschenreuth nicht zur Verfügung stehe, dann blieben nur mehr Marktredwitz, Weiden oder Hof. „Ich weiß nicht, ob das eine Nahversorgung ist.“ Für Patienten sei der Bezug zur Familie wichtig; diese sollte in der Nähe sein für regelmäßige Besuche. „Wir brauchen deshalb die stationäre Versorgung.“ Das geplante Intersektorale Gesundheitszentrum (IGZ) wäre eine solche Möglichkeit dafür. Auch bei der Versorgung mit Fachärzten müsse man, so Zeitler, dranbleiben. „Weg von den Problemen, hin zu Lösungen“, erklärte Bernd Sommer. Das Gesundheitszentrum sei eine gute Idee. Medizinstudenten aus der Region dürften den Bezug zur Heimat nicht verlieren. „Bauchpinseln“ müsse man die künftigen Ärzte, sonst kämen sie nicht mehr zurück. Nötig seien auch Tagespflege-Einrichtungen; außerdem müssten Waldsassener „positiv nach außen gehen“, wie Sommer sagte. „Sonst kommt kein Arzt.

Nicht nur hochpreisige Objekte

Zur Frage nach der Wohnraumsituation in Waldsassen sagte Sommer: „Wir stehen Gewehr bei Fuß.“ Die Klosterstadt steige jetzt in den Mietwohnungsbau ein, denn der Bedarf sei groß. Dabei gehe es nicht nur um hochpreisige Appartements. Auch Senioren mit 1000 Euro Rente bräuchten hochqualitativen Wohnraum.

„Bezahlbaren Wohnraum für alle Schichten in Waldsassen“ hat sich Helmut Zeitler zum Ziel gesetzt. Die Wohnungssuche könne zur „harten Nuss“ werden. „Diskrepanzen“, wie sich Zeitler ausdrückte, müssten ausgeräumt werden. Denn in Waldsassen stünden viele Wohnungen leer. „Eventuell können wir da helfen.“ In die gleiche Kerbe schlug Johann Wurm: In der Niedrigzinsphase sollten Immobilien modernisiert und vermietet werden, so der Freie Wähler über die vielen leerstehenden Wohnungen. Auf Nachfrage aus dem Publikum erklärte Bernd Sommer später, dass eine schon lange geplante Wohnanlage auf dem Franz-Areal an der Pfaffenreuther Straße nun wohl von der Stadt errichtet wird.

Beim Thema „Landwirtschaft“ brach Bernd Sommer eine Lanze für die Bauern in der Region. Deren Image sei zu Unrecht schlecht. „Die werden jetzt in die Ecke gestellt.“ Der CSU-Bürgermeister trat für die Stärkung der regionalen Landwirtschaft ein und nannte als Beispiel Bauer Richtmann. Auch ein Gütesiegel im Landkreis Tirschenreuth wäre hier denkbar.

„Die haben es nicht einfach“, zeigte auch Johann Wurm Verständnis für die Probleme der bäuerlichen Landwirtschaft. „Es gibt 1000 Vorschriften, und der Verbraucher ist ignorant.“ Es sei legitim, dass der Bauer wirtschaften müsse, so Wurm, der selbst aus einer Landwirtschaft stammt. Auch Helmut Zeitler trat in seinem Statement für die Stärkung der Landwirte in der Region ein.

Einrichtungen in gutem Zustand

„Fraktionsübergreifend einig“ seien sich alle vertretenen Gruppierungen im Stadtrat im Hinblick auf die schulische Situation, erklärte Johann Wurm. Die Einrichtungen seien in gutem Zustand und würden ausgebaut. „Wir hoffen, dass da nichts abgezwackt wird“, wünschte sich Helmut Zeitler den Erhalt. Es müssten Vorbereitungen getroffen werden für das Projekt „Ganztagsschule für alle“ ab 2025. Bei den Kinderhäusern müsse etwas bei der Randzeitenbetreuung getan werden, um berufstätigen Eltern und Alleinerziehenden zu helfen.

„Wir haben alles im Griff . Das ist astrein in kommunaler Hand“, erklärte Bernd Sommer zur Thematik. „Wir werden auch die Grundschule erweitern müssen“, so Sommer über die Entwicklung. Bei der stundenweisen Betreuung müsse vielleicht auf das Ehrenamt gesetzt werden. Nicht zuletzt lobte Bernd Sommer die pädagogische Arbeit an den Schulen.

Im Blickpunkt:

Leberkäs und eine ungenutzte Ladesäule

„Der empfindlichste Körperteil ist der Geldbeutel“, sagte Helmut Zeitler. Zuvor hatte Bernhard Lux aus den Reihen der Zuhörer gefragt, wie künftig die Parkraumsituation geregelt wird. Dieses Thema, so der SPD-Bewerber, sei „durchaus spannend und nervenaufreibend“. Autofahrer könnten wohl nur mit Überwachung diszipliniert werden. Außerdem kündigte der Sprecher ein Parkraumkonzept an. Bernd Sommer erklärte: „Wir sind nicht bereit, einen Meter zu laufen. Und da nehme ich mich nicht aus.“ Er verzichte lieber auf die Leberkässemmel, wenn vorm Metzger kein Parkplatz frei sei. In der Vergangenheit seien zusätzliche Parkplätze geschaffen worden.

„In Waldsassen schimpft man, dass man nicht parken kann, umsonst“, meinte Johann Wurm und sprach von „Jammern auf hohem Niveau“. Parkplätze stünden in ausreichender Zahl zur Verfügung. Möglicherweise müsse deren Attraktivität gesteigert werden. Dabei nannte der Sprecher etwa den früheren Aldi-Parkplatz an der Neualbenreuther Straße.

Auf Anfrage von Wolfgang Horn erklärte Bernd Sommer, dass außer der E-Ladesäule am Parkplatz Schwanenwiese keine weiteren geplant sei. „Die wird so gut wie nie genutzt.“ Die Anmerkung von Monika Grötsch zur Betriebsverlagerung von Kondrauer zum Ende der laufenden Amtsperiode von Sommer kommentierte dieser mit den Worten: „Die Frage, was da passiert, ist bis heute nicht geklärt.“

Die städtebauliche Entwicklung in Waldsassen thematisierte Sven Schiml, der sich über den Live-Stream im Internet zu Wort meldete. Es sei „erklärtes Ziel“, die Innenstadt zu beleben, so Johann Wurm. Gebaut werden solle nicht mehr „draußen in der Pampa“, es müssten Kapazitäten in der Innenstadt genutzt werden.

„Der Leerstand ist relativ gering“, fand Bernd Sommer und meinte mit einem Seitenhieb auf Tirschenreuth: „Gehen Sie mal durch die Kreisstadt. Da sind wir wesentlich besser beieinander.“ Großes Potenzial in Waldsassen sah Sommer nach dem Rückbau der Prinz-Ludwig- und der Egerer Straße, wenn erst einmal die Bundesstraße auf der neuen Trasse läuft.

„Da sind wir fraktionsübergreifend d’accord", erklärte Helmut Zeitler zur Aussage, wonach die Innenstadt gestärkt werden soll. Hier gebe es gute Ideen, sagte Zeitler im Hinblick auf die Entwicklung des alten Post-Areals. „Das muss man neidlos anerkennen.“ Allerdings brauche es für die Umsetzung Zeit und Geld.

Heike Suchanek bat die Kandidaten darum, sich für eine Verlängerung des Lkw-Durchfahrtsverbots einzusetzen. „Da müssen wir wieder demonstrieren“, erklärte Karlheinz Hoyer, der im Publikum saß. „Vielleicht fällt uns da noch etwas ein“, erklärte dazu Bernd Sommer und meinte, ein weiteres Jahr werde wohl locker drin sein. Dann aber gehe es nur mit der Geschlossenheit der Waldsassener. „Wenn die Planfeststellung nicht beklagt wird, werden wir auch die Verlängerung bekommen.“ Dann brauche man aber auch einen Landrat in Tirschenreuth, „der das dann unterschreibt“.

„Wie bringe ich die Wasserdörfer ans Stadtgebiet näher ran?“, wollte Hubert Schicker aus Pechtnersreuth von den Kandidaten wissen. Johann Wurm stellte die Bedeutung als Wohnorte heraus, doch die Anbindung durch den Öffentlichen Personennahverkehr müsse verbessert werden.

„Wie soll denn das gehen?“, fragte Robert Hahn im Hinblick auf die Finanzierung von Projekten durch Fördergelder. Denn nirgendwo gebe es 100-Prozent-Zuschüsse. „Wir müssen uns ein bisserl nach der Decke strecken“, sagte Johann Wurm über den zielgerichteten Einsatz der Mittel. Bernd Sommer zeigte sich als „Fan dieser Förderprogramme“. Sie erlaubten Investitionen nach vorne, wobei der amtierende Rathauschef von speziellen Programmen unter der Berücksichtigung von Alleinstellungsmerkmalen sprach. „Da möchte ich gerne noch mehr abgreifen.“

Hubert Schicker aus Pechtnersreuth bei seiner Wortmeldung.

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