02.04.2020 - 09:57 Uhr
Oberpfalz

Das Warten leichter machen

Warten an sich fällt schon schwer, das Warten in Unsicherheit - so wie jetzt - noch viel mehr. Wen jetzt Sorgen und Einsamkeit plagen, kann versuchen, sich in einen "Flow" zu versetzen, das Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung in eine Tätigkeit.

Ob wir nun Schach spielen oder im Garten arbeiten, ist ganz egal. Wichtig ist nur, dass wir komplett in dem aufgehen, was wir gerade tun.
von Autor EWAProfil

"Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann", schrieb schon Leo Tolstoi. Doch das ist oft leichter gesagt als getan. Viele von uns haben das Warten verlernt. Sogar in der Supermarktschlange rufen wir auf unseren Smartphones E-Mails ab. Hat der Zug ein paar Minuten Verspätung, schreiben wir Nachrichten oder beschäftigen wir uns anderweitig. Leerläufe im Alltag werden als störend empfunden, Langeweile ertragen wir nicht. Scheinbar schaffen es viele von uns nicht mehr, auch mal Zeiten des Nichtstuns zuzulassen, einmal innezuhalten und Geduld aufzubringen.

Warten an sich fällt also schon schwer, das Warten in Unsicherheit - so wie wir es gerade jetzt alle tun - noch viel mehr. Viele von uns sitzen gerade tatenlos zu Hause, malen sich Katastrophenszenarien aus und haben oftmals das Gefühl, das alles nicht mehr lange auszuhalten. "Normalerweise untersuchen wir Wartesituationen, in denen es einen klaren Endpunkt gibt. Etwa wenn Studenten auf ihre Examensergebnisse warten oder wenn Patienten dem Befund einer medizinischen Untersuchung entgegenfiebern", erklärt Professorin Kate Sweeney, Psychologin an der University of California. Das Warten in Unsicherheit ist ihr Forschungsgebiet.

"Jetzt in der Corona-Krise gibt es aber keinen definierten Moment der Wahrheit." Konkret heißt das: Die Unsicherheit für viele Menschen verschärft sich sogar noch. Denn niemand von uns kann in der momentanen Situation sagen, wie lange diese Krise noch dauert und wann wir unser Leben wieder normal gestalten können. "Jetzt sehen wir all die Stresssymptome, die wir schon aus früheren Studien kennen", so Sweeney. "Man fühlt sich einsamer - was unter Quarantäne natürlich nicht besser wird. Die Leute leben eher ungesund, sie trinken mehr Alkohol, als sie sollten, sie rauchen, ernähren sich schlecht. Und all das scheint sich mit der Zeit eher zu verschärfen."

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Wir können einiges dafür tun, um die Zeit des Wartens erträglicher zu machen. Nicht nur der Kontakt zu Freunden und Kollegen über soziale Netzwerke oder Telefon hilft, auch das Leben im Hier und Jetzt wirkt wahre Wunder. Nie war die Gelegenheit günstiger, sich in Achtsamkeit zu üben. Aber da ist noch etwas, das helfen soll: "Wir haben festgestellt, dass Flow-Erlebnisse die negativen Gefühle eindämmen können", so die Psychologieprofessorin. "Das bedeutet: Man geht ganz in einer Tätigkeit auf - und vergisst dabei seine Sorgen." Flow bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit.

Entstehen kann so ein Flow am leichtesten dann, wenn man etwas macht, das einen herausfordert. Etwas, das einen nicht überfordert, das aber auch nicht langweilig ist. Ob wir nun ein Computerspiel oder Schach spielen, eine Mozart-Sonate am Klavier oder auf einem anderen Instrument einstudieren, im Garten arbeiten, Möbel zusammenbauen, für den nächsten Marathon trainieren oder uns auf die Yoga-Matte begeben, ist ganz egal. Wichtig ist nur, dass wir komplett in dem aufgehen, was wir gerade tun. Hören wir also auf damit, einfach nur herumzusitzen. Tun wir etwas, das wir schon immer tun wollten, das uns fordert und Spaß macht. Denn im Flow kann sogar das Warten in diesen Zeiten glücklich machen.

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