17.07.2020 - 16:36 Uhr
Weha bei Kastl bei KemnathOberpfalz

Feldpost als Ersatz fürs Familienleben

Birgit Übelmesser hat die 80 Jahre alte Feldpost ihres Großvaters aus Weha zu einem Buch verarbeitet. Die Briefe und Karten geben einen detaillierten Einblick in das Leben der Soldaten und der daheimgebliebenen Familien in den Kriegsjahren.

von C. & W. RupprechtProfil

Wer Krieg erleben musste, verbindet damit fast immer persönliches Leid. Neben den schlimmen Erlebnissen, die die Soldaten zu verarbeiten hatten, blieb es fast keiner Familie erspart, um liebe Menschen zu trauern. Fast noch schlimmer ist es aber, wenn die Angehörigen vermisst wurden. Die Hinterbliebenen schwebten ständig zwischen Hoffen und Bangen und konnten die Trauerarbeit nicht richtig bewältigen.

Eltern mussten ihre Kinder in den Krieg ziehen lassen, Männer wurden ihren Ehefrauen und Kindern weggerissen. Die Feldpost blieb für Wochen und Monate das einzige Verbindungsmittel. Birgit Übelmesser aus Weha hat sich seit Juli 2019 der Feldpost ihres in Russland vermissten Großvaters Ludwig Zeitler angenommen. "Am 85. Geburtstag meines Vaters haben wir beschlossen, diese zu sichten und für die Nachwelt zu erhalten", erzählt sie.

Herbert Benkhardt aus Grafenwöhr hat über 100 Briefe und Postkarten, die in altdeutscher Schrift verfasst waren, transkribiert. Zusammen mit vielen Fotos aus dem Leben der Familie Zeitler, den Kindern Josef, Mathilde und Theresia, aus dem Soldatenleben von Ludwig Zeitler, Gedichten und den Postkarten sowie Stadtansichten der Stationen in Zeitlers Militärzeit ist ein beeindruckendes Zeugnis der damaligen Zeit entstanden. Als Fotobuch mit dem Titel "Feldpost" erhielt es Mathilde Deubzer, geborene Zeitler, an ihrem 80. Geburtstag überreicht.

Der Wehaer Landwirt Ludwig Zeitler bewirtschaftete mit seiner Ehefrau Kreszenz einen Hof mit 45 Tagwerk Ackerland und Wiesen und 5 Tagwerk Wald. Neben Rindern und Schweinen hielten sie auch Geflügel. Lange Zeit konnte er sich wegen der Bewirtschaftung des Hofes vom Wehrdienst zurückstellen lassen. Am 6. Februar 1941 wurde er aber eingezogen. Er kam nach Eger zum Infanterie-Ersatzbataillon Nr. 97. Seine jüngste Tochter Mathilde war damals noch kein Jahr alt.

Die übersetzten Feldpostbriefe lassen einen detaillierten Einblick in sein Leben und das seiner Familie zu. Denn Zeitler berichtete nicht nur von seinem Alltag beim Militär, sondern erkundigte sich immer wieder nach dem Leben zu Hause oder berichtet, dass er noch keine Puppen für die Mädels als Weihnachtsgeschenk auftreiben konnte.

Nach kurzer militärischer Ausbildung wurde im April 1941 zur Infanterieregiment 268 nach Passau versetzt. Vor jeder Verlegung an die Ostfront oder nach Russland schrieb er seiner Familie und sprach ihr Mut zu. Als seine Division aufgerieben wurde, wurde Zeitler anderen Einheiten zugeteilt. Dass er ein sehr gläubiger Mensch war, lässt sich auch an seinem Bedauern erkennen, dass er wegen seines Dienstes am Sonntag nicht den Gottesdienst besuchen konnte.

In jedem Brief erkundigte sich der Landwirt nach dem Stand der Arbeiten auf dem Hof. Anfangs musste seine Ehefrau mit ihrem betagten Schwiegervater die anfallenden Tätigkeiten alleine bewältigen. Erst später erfuhr man von Kriegsgefangenen, die helfen, oder einer Magd. Verwandte kamen, wenn Erntezeit war.

Dank für Kuchen und Kleidung

Auch gab Zeitler Tipps, wie der Kartoffelernter zu bedienen war, und sein Einverständnis zum Urlaubsgesuch des polnischen Zwangsarbeiters, selbst auf die Gefahr hin, dass dieser nicht wiederkommen würde. Immer dankt er für die Päckchen mit warmer Kleidung, Geselchtem und Kuchen. Aber auch ohne die Verpflegung durch seine Familie war er gut versorgt.

Mehrfach wurde Zeitler verletzt und lag in Oppeln im Lazarett. Später war er in der Genesungskompanie des IR 261 in Passau stationiert. Seine Anträge auf UK (unabkömmlich) wurden immer wieder abgelehnt. Schließlich verletzte ihn ein Granatsplitter am Arm und im Gesicht schwer. Auch verlor er einige Zähne. Seine Briefe zeigen, wie zerrissen er sich fühlte. Einerseits hoffte er auf Heimaturlaub, andererseits müsste er dann auf den Zahnersatz verzichten. Da er seine Hand noch nicht gebrauchen konnte, hoffte er, ausgemustert zu werden. Doch der Militärarzt stufte ihn 25. November 1941 als dienstfähig ein.

Erste Zweifel im kalten Winter

Zeitler wurde erneut nach Russland versetzt und erlebte dort einen kalten Winter. Die Stimmung in seinen Briefen änderte sich. Er erkannte die Aussichtslosigkeit des kriegerischen Unterfangens und klagte zum ersten Mal: "Es wird nicht eher Ruhe sein, bis wir alle kaputt oder krepiert sind. Weil wir bloß wegen den Großkopferten halber unseren Kopf hinhalten müssen!" Doch sein Glaube gab ihm Kraft: "Gott wird mir schon helfen, dass ich gesund durchkomme!" Circa 30 Kilometer vor Stalingrad lag er mit seinen Kameraden in Laufgräben. Nur nachts konnten sie heraus, denn die Russen waren nur 80 bis 100 Meter von ihnen entfernt.

Von einem Verpflegungsgang kam Zeitler nicht mehr zurück. Es wurden keine Hilferufe, keine Schüsse gehört. In den Wirren der Einkesselung bei Stalingrad gingen viele Informationen verloren. So erhielt Kreszens Zeitler von Ludwigs ehemaligen Kameraden die Nachricht, dass ihr Mann seit dem 8. November 1942 vermisst wurde. Es wird vermutet, dass er sich in der Nacht verlaufen hat und entweder erschossen oder von den Russen gefangen genommen wurde. Da weitere Nachrichten ausblieben, ließ Kreszenz Zeitler ihren Mann für Tod erklären, um Kriegswitwenrente zu beziehen. Zu diesem Schritt rang sie sich aber erst 1949 durch.

Heimaturlaub zur Feldarbeit

Josef Zeitler und seine Schwester Mathilde erzählen von ihren Erlebnissen zu Hause. Mathilde war noch zu jung, um sich aktiv an den Vater erinnern zu können. Josef berichtet, dass der Vater ihn beim Heimaturlaub - zur Feldarbeit - zum Schulgottesdienst begleitet hat.

Als Selbstversorger ging es ihnen in Weha nicht schlecht. Doch regelmäßig mussten Feldfrüchte und Anteile der Schlachtungen an die regionale Lebensmittelverteilung abgeführt werden. Im Dorf haben sich die Nachbarn bei allen Arbeiten geholfen. "Es war ein harmonisches Miteinander", beschreibt es Josef Zeitler. Als die Amerikaner am Kriegsende ins Dorf einzogen, musste die Familie das Haus verlassen und in der Scheune wohnen. "Doch die Besatzer sind anständig mit uns umgegangen. Wenn sie merkten, dass wir Kinder Angst hatten, haben sie uns Süßigkeiten geschenkt!", berichtet Mathilde Deubzer. "Familien, die die Zwangsarbeiter anständig behandelt hatten, mussten nicht unter den Amis leiden", bekräftigt Josef Zeitler.

Nicht weit von Weha entfernt schrieb der Zweite Weltkrieg ein weiteres Kapitel.

Haidenaab bei Speichersdorf

Die Bombardierung von Neustadt am Kulm war von Weha aus zu sehen. Weha blieb verschont. Die versprengten deutschen Soldaten, die im Ort auf der Suche nach ihrer Einheit waren, haben vor dem Eintreffen der Amerikaner die Flucht ergriffen.

Der deutsche Suchdienst konnte bisher keine Auskünfte über den Verbleib von Ludwig Zeitler geben. Zuletzt hat die Familie 1997 einen Suchauftrag eingereicht.

Es wird nicht eher Ruhe sein, bis wir alle kaputt oder krepiert sind. Weil wir bloß wegen den Großkopferten halber unseren Kopf hinhalten müssen!

Ludwig Zeitler in einem seiner Briefe

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