30.11.2021 - 14:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

29 Jahre Telefonseelsorge: "Die Leute haben niemanden oder niemand kann es mehr hören"

29 Jahre lang hat sich Maria Pschibl Sorgen angehört. So lange machte die Weidenerin regelmäßig Dienst bei der Telefonseelsorge Nordoberpfalz. Die 74-Jährige wirbt für dieses Ehrenamt und berichtet, was sie am Telefon erlebt hat.

Rund um die Uhr ist die Telefonseelsorge Nordoberpfalz mit Sitz in Weiden erreichbar. Wer ein offenes Ohr braucht, kann sich hier anonym melden.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Du weißt nie, was kommt“, sagt Maria Pschibl, wenn sie auf ihre Dienste bei der Telefonseelsorge Nordoberpfalz zurückblickt. 29 Jahre lang hat die ehemalige Kindergärtnerin und Leiterin von Eltern-Kind-Gruppen sich mehrmals im Monat jeweils vier Stunden lang die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen angehört. Sie war schon dabei, als die Telefonseelsorge 1992 in Weiden etabliert wurde. „Einsamkeit ist ein ganz großes Thema und auch das Nicht-Gesehen-Werden“, erzählt sie. Sie erinnere sich beispielsweise an einen Anrufer, der gesagt habe: „Ich wünschte so, dass mich irgendwer bemerkt.“ Ein Satz, der nur schwer zu verdauen ist. Doch mit dem Anruf bei der Telefonseelsorge hatte sich dieser Mensch bemerkbar gemacht und Gehör gefunden.

„Der Mensch, der anruft, steht im Mittelpunkt, man selber ist zurückgetreten“, beschreibt die Neunkirchenerin die Rollenverteilung während der Telefongespräche. „Die Leute haben sonst niemanden oder niemand kann es mehr hören. Das Gros ist, dass du zuhörst und den anderen wichtig nimmst.“ Das hieße allerdings nicht, die Probleme des Gegenübers zu den eigenen Problemen zu machen. „Manche Menschen wollen dich nur festhalten, dass sie nicht alleine sind. Die drehen sich dann im Kreis.“

Erster Schritt weg von Suizid

Krankheit, Tod, Beziehungsprobleme, Prüfungsangst: Die Sorgen, die die Menschen umtreiben, haben sich Pschibl zufolge über die Jahre nur wenig verändert. Ein neues Thema ist die Corona-Pandemie, auch wenn die 74-Jährige in ihren Schichten nur wenige Anrufe dazu bekommen hat. „Corona ist ein massives Thema geworden und kommt derzeit bayernweit in zwölf Prozent der Gespräche vor“, weiß Friedrich Dechant als Leiter der Telefonseelsorge Nordoberpfalz.

Suizid sei in ihren Gesprächen von der Häufigkeit her ein untergeordnetes Thema gewesen, berichtet Pschibl. Dennoch wird deutlich, wie wichtig die telefonische Seelsorge sein kann: „Wenn diese Menschen sich aufraffen anzurufen, ist ein erster Schritt weg vom Suizid schon getan.“ Zu wissen, dass die Telefonseelsorge rund um die Uhr da ist, sei für viele beruhigend.

Ein paar Dinge haben sich dann aber doch verändert. Als die Telefonseelsorge ins Leben gerufen wurde, waren die Anrufe im Gegensatz zu heute kostenpflichtig. „Da haben längst nicht so viele angerufen wie jetzt, aber die Gespräche waren komprimierter“, erinnert sich Pschibl. Heute sei wesentlich mehr los: „Kaum hängt man ein, klingelt es wieder.“ Außerdem hätten früher mehr Frauen als Männer angerufen. Heute sei es akzeptierter, auch als Mann über seine Gefühle zu sprechen, und es seien mehr Anrufer als früher männlich.

Wenn Maria Pschibl auf ihre Jahre als Telefonseelsorgerin zurückblickt, fallen viele Sätze, die andere anstecken könnten, sich ebenfalls auf diese Art einzubringen. „Ich sehe das als großen Dienst am Menschen“, sagt sie. „Manchmal geht man heim und ist befreit, weil man das Gefühl hat, man hat etwas Gutes getan.“ Beispielsweise habe eine Anruferin die Rückmeldung gegeben: „Ihr habt verhindert, dass ich wieder in die Psychiatrie muss.“ Aber sie habe auch selbst etwas von der „Zuhör-Arbeit“, wie sie es selbst nennt, gehabt: „Man sieht oft, es gibt Leute, denen geht’s viel schlimmer als mir.“ Das fördere die eigene Toleranz. „Für mich ist das ein Ehrenamt, in dem ich viel für mich profitiert habe, was mit Geld nicht aufzuwiegen ist.“ Sie habe viel für ihr Privatleben mitgenommen, vor allem bei der Gesprächsführung. Wenn alle mehr darüber wüssten, würden wir in den Familien und mit Kindern besser kommunizieren, ist sie überzeugt. Es sei allerdings auch wichtig, die Aufgabe realistisch einzuschätzen.

Was löst das Gehörte aus?

„Anfangs denkt man, man bewegt jetzt die Welt. Das ist verkehrt. Aber zumindest einen Anfang macht man. Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Statt viel bewirken zu wollen, solle man sich lieber sagen: „Ich bin jetzt vier Stunden für andere da und lasse mich darauf ein.“ Man bekomme natürlich nicht immer positive Rückmeldungen. „Man kriegt auch mal einen auf den Deckel. Manche hängen ein oder werfen einem vor, sie nicht zu verstehen.“ Es könne schwer sein, selbst öfter infrage gestellt zu werden. „Aber ich bin überzeugt, man profitiert sehr davon. Und es nimmt einem die Angst. Mir kann heute jeder was um die Ohren hauen.“

Authentizität sei wichtig in den Gesprächen. Es gelte jedoch, klare Grenzen zu setzen und sich nicht alles gefallen zu lassen. So habe sie für sich zum Beispiel festgelegt, dass das Reden über Sexualität ok sei, Sex-Anrufe aber nicht. „Man muss in sich reinhören: Was löst das aus, was mir jemand sagt?“ Bei einer monatlich angebotenen Supervision, an Themen-Tagen und bei Selbsterfahrungen habe sie aber immer einbringen können, wenn sie etwas beschäftigt habe. „Ich habe das immer sehr genossen. Auch die Gemeinschaft war schön. Man hat ja in der Regel die gleichen Werte.“ Sie habe trotzdem zwischendurch gezweifelt, ob sie weitermachen wolle. Das sei passiert, wenn sie mit sich selbst nicht so recht im Reinen gewesen sei. Aufgehört hat sie trotzdem erst nach 29 Jahren. Der Abschied aus dem Ehrenamt sei ihr nicht leicht gefallen. „Ich habe ein Jahr gebraucht, um das richtig aufzugeben.“ Aus regelmäßigen Diensten wurden Springer-Dienste, dann nur noch Supervisionen. „Ich würde viel vermissen, wenn ich den Dienst bei der Telefonseelsorge nicht gemacht hätte.“

Immer mehr verunsicherte Menschen melden sich bei der Telefonseelsorge

Weiden in der Oberpfalz
Service:

Ausbildung als Telefonseelsorger und Kontakt

  • Telefonseelsorge: Ökumenisches Projekt, finanziert aus der Kirchensteuer.
  • Erreichbarkeit: Rund um die Uhr unter 0800/1110-111 oder -222; Anrufer können anonym bleiben.
  • Telefonseelsorge Nordoberpfalz: Gründung 1992, Sitz in Weiden; rund 70 Mitarbeiter und Ehrenamtliche; Leitung: Friedrich Dechant.
  • Ausbildung: 1 Jahr Vorbereitungskurs mit 120 Ausbildungsstunden; aktuell freie Plätze (3G-Regel, eventuell teilweise mediale Vermittlung).
  • Dienstzeiten: empfohlen werden 3 Dienste à 4 Stunden im Monat, 2 davon tagsüber, 1 nachts.
  • Kontakt: Interessenten für die Ausbildung können sich unter 0961/418217 melden.

"Anfangs denkt man, man bewegt jetzt die Welt. Das ist verkehrt. Aber zumindest einen Anfang macht man. Steter Tropfen höhlt den Stein."

Maria Pschibl

Maria Pschibl

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.