28.06.2020 - 13:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Abtanzen im Hula-Hoop-Reifen: Kopfhörer-Konzert in Coronazeiten

Die Stehplätze sind markiert. Die Live-Musik ertönt im Kopfhörer. Das Konzert von "Slatec" im Innenhof der Weidener Regionalbibliothek ist für manchen Besucher ein seltsames und doch hochinteressantes Erlebnis.

von Helmut KunzProfil

Irgendwie seltsam ist der Start der „Sündikat“-Saison mit der Combo „Slatec“ schon. Man kennt diese kabellosen Kopfhörer-Partys von den Kreuzfahrtschiffen. Der bloße Zuschauer hört nichts, derweil sich das Partyvolk mit Verstärkern an den Lauschern am Oberdeck austobt. Im Innenhof der Regionalbibliothek ist das etwas anders. Eigentlich hört jeder, was auf der Bühne abgeht. Aber diejenigen, die ihr Ohrwerk elektronisch nachjustieren, nehmen die Geräusche viel detaillierter auf.

Die Sehnsucht nach diesem Freiluft-Bühnenerlebnis war riesengroß. Für viele ist es ein Schritt zurück in ein Stück weit Normalität. Zwei Stunden vorher hat es noch geregnet. Jetzt ist tolles Wetter. Eine laue Sommernacht. Es gibt genau 82 Plätze, die alle auf Corona-Abstand gehalten sind. Die wurden vorher auch akribisch genau ausgemessen und abgesteckt. Als Grenzlinien dienen über den Rasen gespannte Stricke oder Hula-Hoop-Reifen. Klar, das Konzert ist ausverkauft. An der Kasse müssen Namen und Adresse angegeben werden. Die meisten Besucher sind Stammgäste.

„Mir gefällt’s sehr gut. Ich finde es super, dass es überhaupt wieder weitergeht“, sagt Radiomoderator Markus Pleyer, der das Ambiente „außergewöhnlich und etwas seltsam“ findet. „Es ist aber auch etwas ganz Besonderes und besonders schön. Wenn wir in Jahren einmal an diesen Abend zurückdenken, wird es das seltsamste, aber vielleicht auch interessanteste Konzert gewesen sein, dass wir jemals gesehen haben."

Das "Sündikat" beendet seine Coronapause

Weiden in der Oberpfalz

Irene Fritz lobt die gute Organisation und die tolle Atmosphäre. Mit Kopfhörern erlebe man ein Konzert viel intensiver, stellt die Chefin des Oberpfälzer Kunstvereins fest. „Das hat Feuer. Die Klänge stimmen besser.“

Es hat den Anschein, als hätte die Band ihre kompletten Songideen vergessen. Alles, was dem Publikum zwei Stunden lang an einfachen, reduzierten alternativen Energien vorgesetzt wird, ist improvisiert. Durchaus beabsichtigt. Man will den Leuten demonstrieren, wie ein handgemachter Techno-Song entsteht.

Die Kopfhörer-Konzert-Premiere vor einem Jahr

Weiden in der Oberpfalz

In normalen Zeiten ist Roman Sladek Chef der "Jazzrausch Bigband", die weltweit operiert und über 100 Auftritte pro Jahr absolviert. „2017 spielte Sladec mit seiner Band zum ersten Mal auch in Weiden“, erklärt Sündikat-Sprecher Lukas Höllerer den Kontakt zum Künstler. „Seitdem kennen wir uns.“ Und: „Roman mit seinem good old German Techno passt zum Sündikat.“ Zum Auftakt wolle man einen Künstler, der sich auf vieles einlasse, was auch das "Sündikat" ausmache. Unter anderem: Vor so wenigen Leuten zu spielen und dafür eine Gage zu bekommen, für die er normalerweise niemals auftreten würde.

Ohne Bibliothekschefin Sabine Guhl wäre der Abend gar nicht machbar gewesen. Experimentell große Klasse. „Aber finanziell ist das nichts, was Zukunft hat", meint Höllerer. Im Gegenteil: Das „Sündikat“ zahle drauf. „Aber das ist okay, weil wir keine großen Verluste erlitten haben.“ Abgesagte Feste wie das Bürgerfest würden schwerer wiegen. Doch lamentieren sei in seinem Kulturverein nicht angesagt. „Keiner von uns muss davon leben“, meint Höllerer. Das „Slatec“-Konzert sieht er als Auftakt einer Konzertreihe, die allerdings noch kein Programm habe. Man wolle erstmal sehen, wie's weitergeht.

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