30.07.2020 - 14:31 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Alarmstimmung im Rettungswesen: In der Nordoberpfalz droht Notarztmangel

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Wenn sich nicht bald etwas ändert, liegt die Notarztversorgung der Region in spätestens fünf Jahren brach. Deswegen soll etwas passieren. Doch das kostet viel Geld – und noch mehr Überzeugungsarbeit.

Die Zukunft der Notarztversorgung in der Region ist nur verschwommen wahrnehmbar. Viele erfahrene Notfallmediziner verabschieden sich demnächst in den Ruhestand, Nachfolger sind bislang aber kaum in Sicht.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Es sind zu wenige. Sie sind zu alt. Sie verdienen dabei schlecht. Die Ausbildung dauert lang. Und den anderen fehlt es an Herzblut für die Sache. So lässt sich in dürren Worten erklären, warum Notärzte zwischen Konnersreuth und Tännesberg allmählich zur bedrohten Art werden. Um das zu ändern, haben Dr. Gudrun Graf und Dr. Jürgen Altmeppen ein Konzept erarbeitet. Am Mittwoch stellten sie es beim Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) in der Weidener Max-Reger-Halle vor.

Beide sind überzeugt: Alle sieben Notarztstandorte der Nordoberpfalz sind zu halten, wenn man rechtzeitig gegensteuert. Die Alternative wären fünf Standorte und eine längere Anfahrtszeit von 25 statt 20 Minuten. Bleibt der Nachwuchs aus, fürchtet Altmeppen ganz andere Horrorszenarien: "Ich möchte mir keinen Unfall mit einem vollen Bus auf der Autobahn vorstellen, bei dem die Anweisungen für die Einsatzkräfte vor Ort vom Tele-Notarzt in München kommen."

Dreijähriges Modellprojekt

Was also ist zu tun? Die Verbandsversammlung des ZRF stellte die Weichen für ein Modellprojekt, mit dem jüngeren Medizinern der Notarztdienst schmackhaft gemacht werden soll.

Altmeppen hätte dazu gerne eine Stelle mehr: "Dann kann ich einem jungen Menschen in einem halben Jahr so viel beibringen, dass er keine Angst mehr hat, Notarzt zu fahren", ist der Chef der Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Weiden überzeugt. Der reine Notarztschein reiche nicht mehr. Jüngere müssten von erfahrenen Kollegen länger unter die Fittiche genommen werden.

Altmeppen schwebt daneben ein Back-up-Notarzt vor, den die Leitstelle bereitstellt. Bei Problemen am Einsatzort kann dieser Kollege von außen mit Rat und Tat helfen. Gleiches gilt bei der Unterstützung für die Abrechnung danach.

Eine andere Zielgruppe, aus der Nachwuchs zu gewinnen wäre, sei nicht ausgeschöpft: ausländische Ärzte. Die hätten vor dem Notarztdienst noch zu oft Scheu - sei es wegen Sprachproblemen, speziell wenn es um Einsätze auf dem Land geht, sei es weil sie fremdeln, wenn sie zwischen Feuerwehr, Polizei und Sanitätern koordinierend eingreifen sollen. "Da müssten wir noch mehr integrativ tätig werden."

Größerer Hubschrauber

Ein weiterer Schritt: Wenn der Flugplatz Latsch einen neuen Rettungshubschrauber bekommt, soll es ein etwas größeres Modell mit einem "learning seat" sein. Dann hätte im Helikopter auch noch ein angehender Notarzt oder Notfallsanitäter Platz, um einen erfahrenen Arzt zu begleiten und dabei das Können zu erweitern. Um all dies finanzieren zu können, wünscht sich Gudrun Graf vom Freistaat ein ähnliches Programm für Notärzte, wie er es für Studenten aufgelegt hat, die sich verpflichten, später als Landärzte zu arbeiten. Doch so lange es das nicht gibt, muss der ZRF ran, sprich die Stadt Weiden und die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth. Bisher hat die Kliniken Nordoberpfalz AG die Notarztausbildung finanziert, ohne dass dies durch das Fallpauschalensystem ausgeglichen worden wäre.

Die Kliniken bekämen nun dank des ZRF finanziell ein bisschen mehr Luft. Die Verbandsversammlung nickte das Konzept ab. Starten kann es aber erst, wenn im Herbst der Haushalt genehmigt wird.

Das auf drei Jahre befristete Modellprojekt nach dem Graf-Altmeppen-Konzept sieht vor, jedes Jahr vier junge Mediziner, die sich der Region verbunden fühlen, zu Notärzten auszubilden. Jeder davon kostet rund 55 000 Euro, im Jahr sind das 220 000 Euro. Darüber hinaus seien rund 30 000 Euro Anschubfinanzierung nötig. Ferner fallen Kosten für Material, Trainingsgeräte und Organisation an.

Mit all dem kämen innerhalb von drei Jahren zwölf neue Notärzte an Bord. Das Problem wäre indes noch lange nicht gelöst. Denn von den 122 Notärzten der Nordoberpfalz sind 60 Prozent über 50. Und diese 50- bis 65-Jährigen fahren drei Viertel aller Einsätze. "Nur 13 Prozent aller Humanmediziner entscheiden sich dafür, am Notarztdienst teilzunehmen", bedauert ZRF-Geschäftsführer Alfred Rast. Eine Alternative wären mehr Kompetenzen für Notfallsanitäter. Die dürfen zwar schmerztherapeutisch Hand anlegen, müssen aber für weitere Schritte den Notarzt rufen.

Hoffen auf Nachahmer

Das Modellprojekt ist im besten Fall ein Tuch, um das Image der Notfallmedizin aufzupolieren, hofft Altmeppen. Er setzt auf Nachahmereffekte bei Jungmedizinern. "Wir wollen zeigen, wie erfüllend der Dienst sein kann." Der Chefarzt kennt das aus eigenem Erleben. Er hat bei einem Notfall unter anderem ein kleines Mädchen gerettet, als es ein Säugling war. "Das ist heute eine gesunde 15-Jährige, so was ist doch toll."

Woran es grundsätzlich hapert, weiß er aber auch: "Solange es in Deutschland mehr kostet, einen Schlüsseldienst zu holen als einen Notarzt, brauchen wir gar nicht zu diskutieren."

Die Lage in den Nachbarlandkreisen

Schwandorf
Hintergrund:

10 500 Einsätze pro Jahr

(phs) Notärzte gibt es in der Regel überall dort, wo es Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gibt. Standorte in der Nordoberpfalz sind Weiden, Neustadt, Tirschenreuth, Kemnath, Eschenbach, Vohenstrauß und Waldsassen. Weil viele dieser Orte ihre Krankenhäuser verloren haben, fehlen dort Notfallmediziner. Die Ärztliche Leiterin Rettungsdienst, Dr. Gudrun Graf, macht der Politik wegen der Schließung der Häuser aber keinen Vorwurf. "Das war unumgänglich." An den sieben Standorten kommt es im Schnitt zu rund 10 500 Einsätzen pro Jahr. Die Ausbildung zum Notarzt bedeutet 24 Monate Weiterbildung am Klinikum. Sechs Monate davon müssen in der Akutversorgung (Intensivstation, Anästhesie, Notaufnahme) geleistet werden. Dazu kommen ein 80-stündiger Kurs und 50 Einsätze unter Anleitung.

Warum will keiner Notarzt fahren?:

Die Bezahlung: Ein niedergelassener Arzt mit Praxis bekommt für einen Notarzteinsatz weniger als 100 Euro, ist aber unter Umständen einen halben Tag aus seinem Sprechzimmer weg. Dort hätte er in dieser Zeit jede Menge Patienten behandeln und abrechnen können.

Die Geschlechterverteilung: 70 Prozent der Medizinstudenten sind Frauen. "Wenn die Kinder kommen, wird das zum Problem", weiß Dr. Graf. Mutterschutz und Arbeitsverbote erschweren den Dienst.

Work-Life-Balance: Statistisch gibt es mehr Ärzte als in den vergangenen Jahrzehnten, allerdings arbeiten sie stundenmäßig weniger. Zudem dürfen viele nach dem Klinikdienst nicht mehr Notarzt fahren, um nicht gegen Arbeitszeitgesetze zu verstoßen.

Physische und psychische Belastung: Notärzte sind mit Tod, Schmerz und Leid konfrontiert und müssen über viele Spezialkenntnisse verfügen, etwa bei der Versorgung von Kindern.

Die Krankenkassen: Sie zahlen der Klinken Nordoberpfalz AG keine Notarztausbildung für außerklinische Einsätze. (phs)

Kommentar:

Teure Chance nicht verpassen

Der Weidener Oberbürgermeister und die Landräte von Neustadt und Tirschenreuth führen den Rettungszweckverband als Vorsitzende. Sie werden aus ihren Etats die Umsetzung des Notarzt-Konzepts von Dr. Graf und Dr. Altmeppen zahlen müssen, wenn die Verbandsräte im Herbst das so beschließen. Doch Investitionen richtig einzusetzen, wird in Coronazeiten zum Kunststück, wenn Steuereinnahmen wegbrechen.
Es gibt dennoch gute Gründe dafür, den Versuch anzugehen. Der wichtigste ist ein Totschlagargument. Beim Thema Notarzt geht es um Leben und Tod. Zum zweiten: Wenn die Länder die Notarztversorgung nicht auf die Reihe bekommen, zeichnet sich ab, dass Bundesgesundheitsministerium und Kassenärztliche Vereinigung die Sache regeln. Etliche Notarztstandorte dürften dann passé sein. Drittens hat Dr. Altmeppen Recht: Die Nordoberpfalz ist Vorreiter. Das bayerische Innenministerium hat landesweit Gutachten angefordert, um bis zum Jahresende einen Überblick über die Notarztversorgung im Freistaat zu erhalten. In Weiden und Umgebung ist zu diesem Gutachten das Lösungskonzept schon fertig. Es könnte eine Blaupause für andere Regionen liefern.
Vielleicht ist das dem Freistaat eine Belohnung in Form von Förderung wert. Der Name Modellprojekt klingt in diesem Fall nicht zu hoch gegriffen.

Friedrich Peterhans

Solange es in Deutschland mehr kostet, einen Schlüsseldienst zu holen als einen Notarzt, brauchen wir gar nicht zu diskutieren.

Dr. Jürgen Altmeppen

Dr. Jürgen Altmeppen

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