28.08.2018 - 17:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Im Alter von 5 Jahren zwangsdeportiert

Seit 1982 gibt es den Tag der Russlanddeutschen als Gedenktag. Er erinnert an die Deportation von Russlanddeutschen 1941 aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten. Interna Zimmermann hat dies im Alter von 5 Jahren miterlebt.

Die Ukraine ist die ursprüngliche Heimat von Interna Zimmermann (rechts). Doch 1941 wurde ihre Familie nach Kasachstan deportiert. Mit Tochter Marita hält die 82-Jährige hier die Karte von Karl Stumpp in Händen. Sie zeigt die Auswanderung von Deutschland nach Russland in den Jahren 1763 bis 1862.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

(ps) Für Oberpfalz-Medien erinnert sich die heute 82-Jährige - sie lebt seit 2008 in Weiden - an die dramatischen Ereignisse. Mit ihrer Mutter und zwei Brüdern wurde sie im August 1941 in den Zug nach Osten gesetzt. Es dauerte drei Monate bis der Viehwagen das Ziel in Kasachstan erreichte.

Doch von Anfang an: Etwa Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Vorfahren ihrer Mutter und ihres Vaters in die spätere Ukraine. Sie waren dem Aufruf von Zarin Katharina II. gefolgt. Die Vorfahren ihres Vaters stammten aus Schwaben, die ihrer Mutter aus Westpreußen und gehörten der Glaubensgemeinschaft der Mennoniten an. "Der Ort, in dem sie lebten, lag an einem Fluß. An dem einen Ufer lebten die Mennoniten, am anderen die Schwaben. Eine Heirat war eigentlich verboten. Aber meine Eltern haben es doch getan", erinnert sich die 82-Jährige schmunzelnd. Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter waren als Lehrer an einer Fachschule tätig. "Papa unterrichtete Mathematik, Mama Geografie." Sie führten kein schlechtes Leben. Doch das sollte sich 1941 dramatisch ändern.

Im Juni 1941 wurde Interna Zimmermanns Vater geholt. "Zuerst hieß es, er soll an die Front. Doch dann kamen alle Deutschen von der Roten Armee in die Arbeitsarmee." Die hochschwangere Mutter blieb mit Tochter Interna und Sohn Erwin zurück. Anfang Juli wurde der kleine Egon geboren. "Er war einen Monat alt, als wir verschleppt wurden."

Mutter und Kinder wurden in Viehwagons Richtung Osten transportiert. "Mutter hatte Zwieback dabei und Grütze. Das war die Rettung für den Kleinen." Es gab nur kurze Stopps an kleinen Bahnhöfen. "Wir waren ja Feinde." Die Mutter nutzte sie, um Wasser aufzutreiben. Der größte Schreck: Einmal kam sie zu spät zurück. Der Zug mit den Kindern war bereits abgefahren. "Das war schrecklich für sie." Doch sie hatte Glück. Soldaten zeigten ein Einsehen und nahmen die junge Frau mit. Dieser Zug war schneller. Die Gleise verliefen parallel. "In unserem Waggon war eine große Tür offen. Als der Zug der Soldaten uns überholte, haben sie meine Mutter einfach rübergeschmissen." Das wird Interna Zimmermann wohl nie vergessen.

Bei der Ankunft in einem kleinen Dorf in Kasachstan im November lag hoher Schnee. "Dort lebten wir in einer Art Erdhütte, und die Menschen haben uns geholfen." Doch sie durften nicht bleiben. Im Frühjahr wurden die Vier in ein anderes Dorf gebracht. Die Mutter und Sohn Erwin, damals 10 Jahre, mussten Feldarbeit verrichten. Der Vater kehrte überraschend im März 1943 heim, gesundheitlich schwer angeschlagen, nachdem er in einer Erzgrube gearbeitet hatte. Er sollte Egon nicht mehr kennenlernen. Der war kurz zuvor im Alter von zwei Jahren gestorben.

Der Direktor einer Sowchose half dem Vater, brachte ihn in ein Krankenhaus und bot ihm eine Stelle in der Buchhaltung in einem anderen Ort an. Doch ein Abteilungsleiter wollte Mutter und Kinder nicht ziehen lassen. Also flüchtete die Familie nachts mit einem Ochsenkarren. Das war Ende 1944. Am neuen Wohnort erhielt die Familie Land, auf dem sie Kartoffeln und Möhren pflanzen konnte. Interna und Erwin mussten zu Fuß drei Kilometer in die Schule: durch die Steppe, bei Kälte und bedroht von hungrigen Wölfen.

Nach ihrer Heirat wurde Internas Mann Michael, ein Agraringenieur, 1962 nach Wladiwostok abkommandiert, 1977 nach Ussurijsk (Russland). Interna war 52 Jahre als Bibliothekarin tätig. "Mein Beruf ist meine Liebe." Auf Drängen von Tochter Marita und von Verwandten in Deutschland siedelte die Familie schließlich 2007 in die Bundesrepublik aus, zuerst ins Aufnahmelager Friedland, 2008 nach Weiden. "Mir gefällt hier alles", sagt die 82-Jährige. "Die Altstadt, der Max-Reger-Park." Und sie besucht häufig die Gottesdienste in St. Michael.

Auch Marita und deren Sohn Michael fühlen sich hier wohl. Die frühere Lehrerin arbeitet seit drei Jahren für die City-Mail. "Das ist schön: Die Leute sind freundlich. Ich bin an der frischen Luft. Das gefällt mir." Den Tag der Russlanddeutschen feiern sie nicht. "Die Erinnerung an diese Zeit ist zu traurig", sagt Interna Zimmermann. "Sie haben uns nie erlaubt zu vergessen, dass wir Feinde sind." Vorurteile gegenüber Russlanddeutschen hat die 82-Jährige noch nie zu spüren bekommen. "Es gibt sie schon", meint dagegen Marita. "Aber sehr selten." Die Familie fühlt sich in Weiden Zuhause. Interna Zimmermann: "Jedes Jahr am 19. September feiern wir, dass wir hier sind. Ich möchte hier nicht mehr weg."

Interna und ihr Bruder Erwin Vosler im Jahr 1939 in der Ukraine.

Gedenken am 28.8.::

Am 28. August 1941 starteten die Zwangsdeportationen von Russlanddeutschen aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten. Innerhalb weniger Wochen wurden die Menschen - die meisten waren zwischen 14 und 60 Jahre alt - vor allem nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural verfrachtet. Die große Mehrheit landete in Arbeitslagern, wo mehrere Hunderttausende aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und wegen mangelhafter medizinischer Versorgung ums Leben kamen. Als Russlanddeutsche gelten die ethnisch deutschen beziehungsweise deutschstämmigen Bürger in Russland, von denen viele inzwischen in die Bundesrepublik übergesiedelt sind.

Der Tag der Russlanddeutschen gilt als Gedenktag für die Zwangsdeportationen, die einem Erlass des Obersten Sowjets folgten. Der Gedenktag wurde 1982 ins Leben gerufen. (ps)

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