24.04.2019 - 15:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Angst kenne ich nicht"

„Wir haben uns damals sehr avantgardistisch gefühlt“, erinnert sich Felix Römer. Er ist einer der führenden Vertreter der Poetry-Slam-Szene in Deutschland, die dieses Jahr 25. Jubiläum feiert.

„Es ist wichtig, dass man weiß, was man von sich zeigen will.“ Felix Römer organisiert den Poetry-Slam in Weiden seit neun Jahren mit.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Felix Römer ist Slammer seit 1999 und gilt als stilprägend. 2006 wurde Römer (39) Deutscher Vizemeister, 2007 Teammeister im Poetry-Slam. Auch in Weiden ist er längst eine feste Größe: Zu den Literaturtagen hat er bereits acht Poetry-Slams mitorganisiert und moderiert. Im Gespräch verrät er, worauf es ihm ankommt.

ONETZ: Sie gelten als „Mitbegründer des Poetry-Slam“.

Felix Römer: Ja, ich bin seit 1999 dabei. Damals absolvierte ich in Freiburg meinen Zivildienst in der häuslichen Krankenpflege. Eines Abends sah ich bei einem Poetry-Slam zu – da hat es mich gepackt.

ONETZ: Was ist Poetry-Slam?

Felix Römer: Poetry-Slam ist ein Autorenwettstreit, bei dem Interpreten mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten. Jeder hat ungefähr fünf Minuten Zeit, seinen Text zu präsentieren. Der Wettbewerb läuft über mehrere Runden. Am Ende gibt es einen Gewinner, den die Zuschauer durch lautes Klatschen küren. Das Veranstaltungsformat ist demokratisch und anarchistisch. Jeder darf auftreten und machen, was er will. Es geht darum, interessante Themen zu finden und daraus etwas zu formulieren. Es ist gut, wenn sich die Zuschauer in den Texten wiederfinden. Ein emotionaler Zugang ist wichtig.

ONETZ: Wie hat sich die Poetry-Slam-Szene in den vergangenen 25 Jahren entwickelt?

Felix Römer: Wir haben uns damals sehr avantgardistisch gefühlt und uns viel getraut. Der Wettbewerb war für uns eher ein Vehikel. Wir hatten das Gefühl, wir machten etwas Besonderes. Vielleicht ist Poetry-Slam heute weniger Subkultur als damals. Er ist im Mainstream angekommen. Das Format ist bekannt. Viele lernen es über Youtube kennen. Die Szene ist professioneller und kommerzieller geworden. Neue Motivationen sind hinzugekommen, etwa die, davon leben zu wollen, was ja nicht unbedingt schlecht sein muss. Durch die hohe Anzahl an Poeten ist insgesamt wahrscheinlich auch mehr Qualität da. Vielleicht ist alles auch ein bisschen einheitlicher geworden. Damit will ich aber nicht behaupten, dass es keine „Typen“ mehr gibt – ganz im Gegenteil.

ONETZ: Beschreiben Sie Ihren Stil.

Felix Römer: Ich bin Autor. Ich schreibe aber nur, wenn ich etwas zu sagen habe. Humor kann wichtig sein, um Türen zu öffnen. Alles Dramatische hat eine lustige Seite. Ich bin immer offen für Neues. Ich schreibe auch andere Dinge. Ich habe zum Beispiel beim neuen Album von „AnnenMayKantereit“ – „Schlagschatten“ – mitgeschrieben.

ONETZ: Wirklich? Wie kam es dazu?

Felix Römer: Ich bin mit dem Sänger Henning May befreundet, wir treffen uns regelmäßig. Bei den Texten von „Jenny Jenny“, „Weiße Wand“ und „Alle Fragen“ war ich beteiligt. Das ist auch im Booklet vermerkt.

ONETZ: Wie finden Sie Ihre Themen?

Felix Römer: Ich laufe rum und gucke. Es kommt darauf an, aufmerksam zu sein. Wenn ich mir ein Thema überlegt habe, fange ich an zu schreiben. Meine Texte sind nie nur fiktiv, es ist immer ein Realitätsbezug dabei. Ich muss es fühlen können, sonst kommt es mir komisch vor. Ich persönlich schreibe nur über abgeschlossene Prozesse, sonst würde ich offene Wunden zeigen. Ich möchte die Dinge erst zu Ende denken. Es ist wichtig, dass man weiß, was man von sich zeigen will. Gewissermaßen steht man ja nackt vor dem Publikum.

ONETZ: Haben Sie manchmal Zweifel beim Schreiben?

Felix Römer: Ich habe hohe Ansprüche an meine Texte. Gute Gedichte sind wie gute Lieder – man will sie öfter hören. Lieber präsentiere ich einzelne Gedichte öfter, als Mist vorzutragen. Zuhause habe ich einen Karton mit alten Texten, die unfertig sind und an denen ich immer wieder arbeite. Banale Dinge versuche ich zu entbanalisieren, sie in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Oder ich verwerfe sie. Damit habe ich kein Problem.

ONETZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Felix Römer: Etwa bei Texten über Liebe und Gefühle. Wenn ich die Sache nach längerem Nachdenken anders sehe und meinen Text als reine Gefühlsbeschreibung empfinde, dann braucht das niemand.

ONETZ: Wo treten Sie am liebsten auf?

Felix Römer: Das Umfeld ist mir wichtig. Es muss passen, ich will mich heimelig fühlen. Ich mag es, wenn ich eine persönliche Verbindung zu den Veranstaltern habe. In Weiden etwa finde ich eine positive Mischung aus Professionalität und Persönlichem. Mit Sabine (Guhl, Leiterin der Regionalbibliothek – Anm. d. Red.) und ihrem Mann bin ich persönlich befreundet. Wir haben ein sehr herzliches Verhältnis. Dem Uwe habe ich Bier aus Berlin mitgebracht.

ONETZ: Sind Sie auf der Bühne nervös?

Felix Römer: Immer. Vor allem bei neuen Texten, von denen ich nicht weiß, wie sie ankommen. Früher war das aber extremer. Meinen ersten Auftritt musste ich zwischenzeitlich abbrechen, weil mir vor Nervosität Arme und Knie so sehr gezittert haben, dass ich mein Blatt nicht mehr halten und auch nicht mehr stehen konnte. Die haben mir dann einen Stuhl gebracht. Vor 30 Leuten bin ich nervöser als vor 3000, weil man da einen intensiveren Kontakt zum Publikum hat und stärker gespiegelt wird. Heute bin ich aber gelassener als früher.

ONETZ: Wie das? Haben Sie Strategien gegen Nervosität?

Felix Römer: Ich hab immer Bock auf Neues. Und ich mag das Gefühl der Angst, gewissermaßen suche ich es sogar. Man stößt dabei Adrenalin aus, es ist rauschhaft. Ich springe auch aus 15 Metern ins Wasser, um es zu fühlen. Es ist wichtig, sich Herausforderungen zu stellen und Ängste zu überwinden. Grundsätzlich habe ich aber sehr selten Angst. Angst vor Konsequenzen oder Zukunftsängste kenne ich eigentlich nicht. 2005 hatte ich Schilddrüsenkrebs, und ich dachte, ich muss sterben. Dadurch, dass ich ihn überwunden habe, bin ich heute vielleicht gelassener gegenüber dem Schicksal.

ONETZ: Wie war das damals, als Sie bemerkten, dass Sie Krebs haben?

Felix Römer: Meine Lymphknoten am Hals waren so stark angeschwollen, dass ich das nicht mehr guten Gewissens ignorieren konnte. Die Diagnose hat mir dann erst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich dachte, ich muss sterben. Bei einer OP wurden mir dann ungefähr 50 Lymphknoten entfernt. Alle drei Monate musste ich zur Radiojodtherapie ins Krankenhaus. Damals habe ich 25 Kilo zugenommen – wegen der Schilddrüsenunterfunktion.

ONETZ: Wie geht es Ihnen heute?

Felix Römer: Es geht mir gut. Ich gelte als „geheilt“, der Krebs ist unter Kontrolle. Und abgenommen habe ich wieder, seit ich Hormontabletten nehme.

ONETZ: Neben dem Slammen bieten Sie auch Workshops an. Worum geht es dabei?

Felix Römer: Ich möchte junge Künstler formen und sie dahin führen, dass sie tatsächlich Kunst MACHEN. Viele müssen dazu erst einmal eine Hürde überwinden. Es ist immer gut, zunächst einmal spielerisch an die Sache heranzugehen und nicht zu lange nachzudenken.

ONETZ: Wen sprechen Sie damit an?

Felix Römer: Nach einem Auftritt haben mich Lehrer angesprochen und gefragt, ob ich mit Schülern arbeiten möchte. Das war 2004. Seitdem kümmere ich mich hauptsächlich um Schulklassen. Offene Workshops mache ich nie. Ich war auch schon bei Bayer und habe mit wissenschaftlichen Mitarbeitern gearbeitet. Damit man sie versteht, mussten sie erst einmal lernen, sich anders auszudrücken.

ONETZ: 2015 haben Sie beim Satyr-Verlag Ihr erstes Buch herausgebracht. "Verhindeter Held. Lyrische Alltagsbewältigungen."

Felix Römer: Ich habe schon lange vor dem Slammen Gedichte geschrieben. Anfangs scheute ich mich aber davor, sie zu veröffentlichen. Text und Vortrag gehörten für mich untrennbar zusammen. Irgendwann habe ich aber begonnen „loszulassen“. Eventuell erscheint nächstes Jahr ein neues Buch, ich arbeite daran.

ONETZ: Sie sind bestimmt steinreich.

Felix Römer: Ich kann mit meinem Einkommen überleben. Mit der Altersvorsorge ist es etwas schwieriger – aber darauf kommt es mir nicht an. Ich will die Dinge mit Liebe machen. Wenn ich das nicht mehr spüre, suche ich mir etwas anderes.

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