27.06.2021 - 16:03 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Archäologen lieben die Oberpfalz: "Machst du ein Loch auf, findest du immer was"

Wo immer Menschen in früher Zeit siedelten, finden sich noch lange Spuren im Boden. Für Archäologen sind Grabungen eine spannende Zeitreise, für Bauherren oft eine Geduldsprobe. Auch rund um Weiden dürfte es noch einiges zu entdecken geben.

Bevor am Maximiliansplatz in Tirschenreuth das neue Rathaus gebaut wird, untersuchten Archäologen den Untergrund.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

"Höchstens ein Mal, wenn überhaupt, braucht man einen Archäologen in seinem Leben", sagt Julian Decker und meint vor allem private Bauherren, die in archäologisch interessanten Gebieten ihr Haus bauen möchten oder, wie kürzlich geschehen, bei Erdarbeiten für einen großen Pool im heimischen Garten plötzlich auf eine ehemalige Stadtbefestigungsanlage stoßen. "Eher eine Ausnahme, aber es kommt vor", sagt Decker im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Momente, die den Archäologen mit Spezialgebiet mittelalterliche Geschichte glücklich machen. 2014 gründete der 37-Jährige seine eigene Grabungsfirma "In Terra Veritas" in Bamberg, die vor allem in Oberfranken tätig ist.

Unternehmen oder Kommunen haben schon eher mit den Experten zu tun, wenn zum Beispiel Wohngebiete geplant oder historische Ortskerne saniert werden. Melden die Denkmalschutzbehörden Bedenken an, dann seien Grabungen meist unausweichlich. Im anhaltenden Bauboom haben Decker und seine 13 Mitarbeiter gut zu tun. Mit einem Vorurteil möchte er gleich aufräumen. "Wir sind keine Bauverhinderer. Es kommt halt immer darauf an, was wir unter der Erde finden." So dauerte zum Beispiel die Untersuchung eines vier Hektar großen Ackerlandes bis zu sieben Monate, da stein-, bronzezeitliche und einige spätmittelalterliche Siedlungsteile dokumentiert werden mussten.

Neu in Weiden

Grundsätzlich verblieben Bodendenkmäler (Das sind alle Hinterlassenschaften aus früher Zeit, die von Menschen gemacht wurden, Anm. d. Red.) so lange im Erdreich wie möglich. Nicht alles werde ausgegraben. Dazu zählten Reliquien oder Denkmäler nationalen Ranges (u. a. Begräbnisstätten), erklärt Matthias Hoffmann, ebenfalls Archäologe. Gemeinsam mit seiner Frau Nina leitet der 34-Jährige die neue Zweigstelle in Weiden im Gewerbegebiet am Brandweiher. Das Paar hat sich beim Studium in Erlangen kennengelernt und wohnt seit kurzem in Weiden.

Hoffmann verfasste seine Abschlussarbeit zum Gräberfeld in Pfreimd und promoviert gerade, seine Frau ist eine Kennerin der Kulturgeschichte der Oberpfalz und begab sich hier vor allem auf die Spuren der Slawen, die erstmals im Früh- und Hochmittelalter (6. bis 9. Jahrhundert) auftauchten. "Die Oberpfalz ist ein spannendes Gebiet", sagt Nina Hoffmann. Aus allen Zeitstellungen seien noch Strukturen vorhanden. "Es ist noch nicht viel erforscht, was unter anderem auch mit der Geschichte des "Eisernen Vorhangs" zusammenhängt. Hier gibt es noch Bodendenkmäler." "Da erwarten uns bestimmt noch Überraschungen.

"Egal, wo du hier ein Loch aufmacht, findest du was", sagt Julian Decker. Die Aufgabe der Archäologen sei es, die Befunde zu sichern und zu dokumentieren, wissenschaftlich untersucht würden sie von anderen. "Aber wer weiß", sagt Nina Hoffmann, "vielleicht helfe man ja auch dabei, manche Stadtgeschichte neu zu schreiben. Je tiefer man gräbt, desto älter wird es". Weiden habe mit seinem historischen Stadtkern sicher auch noch einiges zu bieten. Je nach Auftragslage soll nun verstärkt die nördliche und östliche Oberpfalz und Niederbayern erforscht werden. Die drei Archäologen, die sich auch im Geschichtspark Bärnau engagieren, freuen sich auf künftige Entdeckungen, egal, ob es sich um Metallschlacke, gut erhaltene Holzeimer, steinzeitliche Keile, alte Brunnen oder Skelette handelt.

Wertvolle Grabbeigabe

War denn auch schon mal ein Goldschatz dabei? Matthias Hoffmann lacht. "Ich habe noch kein Gold gefunden." "Doch, einen goldenen Fingerring", wirft seine Frau ein. Der tauchte als Grabbeigabe in der Nähe von Hirschau auf. Auch ein Ledergürtel war noch gut erhalten, ebenso die Totenkrone. "Die Frau war unverheiratet verstorben", erklärt die Archäologin, deshalb die Krone. Sie symbolisiere "die Hochzeit mit dem Tod".

Auch kulturgeschichtlich weniger bedeutende Funde haben die Experten schon bei ihren Ausgrabungen entdeckt. Julian Decker erinnert sich an eine rund 20 Zentimeter dicke Planierschicht aus Schnapsflaschen der 70er Jahre im Hinterhof der evangelischen Pfarrerfortbildungsstätte in Ingolstadt. "Kurios und überraschend für uns war auch ein zur Thermosflasche umgebauter Glaszylinder einer Phosphorbombe des Zweiten Weltkriegs."

Übrigens: Fundstücke gehören zu 50 Prozent dem Finder und zu 50 Prozent dem Grundstücksbesitzer, der nicht selten ein und derselbe ist. Er habe die Wahl, den Fund zu behalten oder die Rechte abzutreten, erklärt Nina Hoffmann. "Die meisten tun das oder geben die Funde als Dauerleihgabe in ein Museum." Betriebe präsentierten die Artefakte gern als Teil ihrer Firmengeschichte in Vitrinen. So oder so, auch die kleinste Scherbe sollte nicht weggeworfen werden. "Für Laien unbedeutend, kann sie für die Wissenschaft einzigartig sein."

Zukunft der Funde auf dem Amberger Bürgerspitalgelände unklar

Amberg
Die Grabungsfirma "In Terra Veritas" hat seit 1. Juni im Gewerbegebiet am Brandweiher eine Zweigstelle, geleitet von den beiden Archäologen Matthias Hoffmann (rechts) und seiner Frau Nina. Firmenchef Julian Decker (links) hat das Unternehmen 2014 in Bamberg gegründet.
Hintergrund:

Wie läuft eine Grabung ab?

  • Oberboden wird bis zur darunter liegenden Schicht entfernt. Bei Befunden wird die Oberfläche um diesen Bereich präpariert, der Befund selbst fotografiert, beschrieben, vermessen. Der Oberbodenabtrag läuft parallel weiter.
  • Befunde werden "geschnitten", d. h. händisch ausgegraben. Der dabei erhaltene Längsschnitt wird fotografiert, gezeichnet und vermessen. Anschließend werden sie vollständig entnommen.
  • Nun ist die Fläche freigegeben, die Bauarbeiten können beginnen.
  • Die Funde werden gereinigt und inventarisiert, ein Grabungsbericht erstellt.
  • Landesamt für Denkmalpflege prüft und archiviert. (Quelle: www.itv-grabungen.de)

 

 

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