02.04.2020 - 14:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bewegtes Oberpfälzer Verlegerleben: 80 Jahre German Vogelsang

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Eigentlich ist German Vogelsang nicht zum Feiern zumute - mit Sorge beobachtet der Weidener die aktuellen Entwicklungen. Dennoch: In aller Stille blickt der Übervater der Oberpfalz-Medien an seinem 80. Geburtstag zurück auf ein bewegtes Verlegerleben.

Verleger German Vogelsang feiert seinen 80. Geburtstag in aller Stille.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Vertagte Feier

Amberg

Nachdenklich schweift der Blick des Verlegers über den Stoß archivierter Bände "Der Neue Tag" auf dem großen Schreibtisch im dritten Stock der Oberpfalz-Medien. Wie lassen sich 60 Jahre Zeitungsgeschichte auf wenige Höhepunkte reduzieren?

Prager Herbst mit bewegender Flucht

50 Jahre nach der Flucht

Waidhaus

"Da", wird er beim Blättern fündig, "der Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei." Als 1968 Truppen des Warschauer Paktes den Prager Frühling mit Panzern niederwalzen, ist der 28-Jährige hautnah dabei: "Ich feierte mit Kollegen und Mädels in unserer WG in der Weidener Altstadt eine Party, als im Radio die Besetzung der CSSR bekannt gegeben wurde." Vogelsang ruft den Chefredakteur an, bricht mit Heinz Hoffmannbeck zur Grenze auf: "Als ich die bedrückende Stille bemerkte, wusste ich, was los war", erinnert er sich, "die Russen hatten die Nato in Kenntnis gesetzt, und die hatte entschieden, nicht einzugreifen."

Der Journalist wird Zeitzeuge einer bewegenden Flucht: "Um kurz nach neun Uhr kommt von der Anhöhe des tschechischen Grenzübergangs ein junger Mann heruntergeschlendert." Plötzlich sei er in einen Laufschritt verfallen. "Jeder spürt: Hier rennt einer um sein Leben." Er habe einen Haken geschlagen, sei dem ersten Posten entkommen, in den Graben links der Brücke gesprungen. "Vier oder fünf tschechische Grenzer jagen ihm nach, einer reißt die Pistole heraus." Zollobersekretär Martin Fischer, der an diesem Tag dienstfrei hatte, habe gebrüllt: "Lasst ihn doch laufen!" Kein Schuss sei gefallen. Der 22-jährige Pavel Fidermák aus Pilsen umarmt den ersten deutschen Grenzbeamten. Geschafft! 50 Jahre später findet die Redaktion den Republikflüchtling des Prager Herbstes wieder. "Pavel wurde Kunstprofessor und lebt seit der Samtenen Revolution wieder in einem Dorf in Westböhmen", erzählt Vogelsang von der Wiedersehensfeier in einem Weidener Restaurant.

Pavel Fidermák flieht über die Grenze.

Unheimliche Begegnung mit Meinhof und Ensslin

Nur ein Jahr später eine Begegnung der eher unheimlichen Art: Bei einer Reise 1969 in sein geliebtes Istanbul trifft er in Silivri, bekannt durch ein berüchtigtes Gefängnis, auf zwei junge Frauen: "Wir haben lange über die politische Lage in Deutschland diskutiert", erzählt er, "aber eine der beiden ist mir wegen ihres Fanatismus bald sehr auf den Geist gegangen."

Zwei Jahre später erfährt der Journalist: "Das waren die RAF-Anführerinnen Ensslin und Meinhof, die gerade aus einem syrischen Ausbildungslager zurückgekommen waren." Die Pointe: Bei einem späteren Treffen mit Hans-Jürgen Wischnewski, dem Helden von Mogadischu, erzählt Vogelsang von seiner Zufallsbekanntschaft. Wer weiß, was der Republik erspart geblieben wäre, hätte man die Irrlichter des Deutschen Herbstes früher aus dem Verkehr gezogen.

Ulrich Wegner (links), Chef der GSG 9, unterhält sich nach der Auszeichnung mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, mit dem Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski (rechts). Mit "Ben Wisch", wie der Nahostexperte der SPD genannt wurde, sprach German Vogelsang über seine Begegnung mit den beiden RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin.

Geburtstag mit Kohl

Politiker auf der Durchreise trifft Vogelsang jede Menge: "Helmut Kohl hatte am gleichen Tag Geburtstag wie ich", sagt er schmunzelnd, "nur dass er zehn Jahre älter war." Zu dessen 60. Geburtstag schickt er Kohl ein Weiden-Buch: "Ich habe an diesen Tag sicher eine bessere Erinnerung, er musste zu Thatcher." Die war nicht gerade Fan der deutschen Wiedervereinigung.

"Den Fall der Berliner Mauer habe ich mit meiner ersten Frau in New York erlebt", erinnert sich der Verleger. "Zurück im Hotel in der 21. Straße sahen wir im Foyer die berührenden Bilder feiernder Menschen vor und auf der Berliner Mauer im TV - Tränen flossen."

Helmut Schmidts Haifischlächeln

Helmut Schmidt begegnet er bei einem großen SPD-Empfang in Windischeschenbach: "Ist das eine gute Zeitung?", fragt der spöttisch auf eine Ausgabe des NT deutelnd. "Als Landrat Christian Kreuzer das bejahte, hat Schmidt mit seinem Haifischlächeln ,gute Zeitung' drauf geschrieben."

Vogelsangs enger Freund Ludwig Stiegler sorgte dafür, dass der Verleger das letzte Autogramm von Schmidts Kanzlerschaft erhascht: "Ludwig schob Schmidt während des Misstrauensvotums ein Porträt des ,Stern'-Fotografen Jupp Darchinger hin und er hat's anstandslos unterschrieben."

Ludwig Stiegler (Mitte) organisiert für German Vogelsang das letzte Autogramm von Helmut Schmidt vor dem Ende seiner Kanzlerschaft.

Grüße eines Verstorbenen

Bundespräsident Johannes Rau muss Vogelsang spezielle Grüße überbringen. "Als Hans Schwemmer, unser Diplomat im Vatikan, hörte, dass ich Bruder Johannes in Berlin treffen würde, freute er sich und bat mich, ihm Grüße auszurichten."

Acht Wochen vor dem Treffen verstarb der Pressather Kirchenmann. Wie aber nimmt man einen Bundespräsidenten eben mal beiseite, um ihm eine Botschaft aus dem Jenseits zukommen zu lassen? "Der Termin verstrich, aber es war, als ob mir eine außerirdische Kraft befahl: Du musst dein Versprechen halten", erinnert sich Vogelsang. Als sich Rau nach 90 Minuten verabschiedet, geht er ihm nach: "Entschuldigen Sie, ich muss die Grüße eines Verstorbenen ausrichten." Rau habe es gerissen. "Was, den kannten Sie? Heute habe ich dem Bruder mein Beileidsschreiben geschickt."

Das Kreuz mit der Ehre und Edmund Stoiber

Weniger kulant erweist sich Jahre später Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, der dem Weidener Verleger das Bundesverdienstkreuz anhängen sollte. "Wir hatten damals eine wirtschaftlich schwierige Situation", schließt Vogelsang den Kreis der Erzählung.

"Personalkürzungen drohten, da wollte ich mich nicht öffentlich feiern lassen." Das habe er versucht, dem Oberbayern in einem Brief höflich zu erläutern. "Er hat mich danach immer spüren lassen, dass er das als Affront empfunden hatte."

Immer weiter: German Vogelsang.
Vom Sportredakteur zum Presserat:

Vogelsangs Lehr- und Meisterjahre

Gänzlich unpolitisch verläuft die sportliche Karriere des jungen Redakteurs, der am 1. Februar 1962 nach Mittlerer Reife und Banklehre als Volontär beim Neuen Tag in der Sportredaktion beginnt.

Als er mit 24 jüngster Ressortleiter des Hauses wird, hängt er die Fußballschuhe an den Nagel. Vorübergehend, denn als sein SV Weiden nach dem bitteren Abstieg in die A-Klasse wieder an den Aufstiegsplätzen schnuppert, will sein früherer Trainer den entfernten Beckenbauer-Verwandten zum Comeback bewegen: „Du musst wieder spielen.“ Beim entscheidenden Auswärtsspiel in Vilseck bereitet der A-Klassen-Kaiser das 1:1 vor, schießt das 2:1 selbst.

„So einen wie ihn gibt es nicht leicht ein zweites Mal“, schrieb SZ-Doyen Heribert Prantl zu Vogelsangs 75. Geburtstag. „Wäre er ein Auto, dann würde man ihn hybrid nennen. German Vogelsang hat zwei Herzen: ein Journalisten- und ein Verlegerherz.“ 21 Jahre lang war er Redakteur, anschließend 22 Jahre geschäftsführender Verleger. Miteigentümer des Leitmediums der nördlichen Oberpfalz wurde der Redakteur durch die Heirat seiner Mutter mit dem kinderlosen Altverleger Hans Nickl. Die Redaktionserfahrung hat seinen verlegerischen Ansatz geprägt. Ihm ist es mit zu verdanken, dass der Ausbau des digitalen Angebots nicht auf Kosten der gedruckten Zeitung ging, die nach wie vor jede Investition finanziert. 25 Jahre lang war German Vogelsang in der Vorstandschaft der bayerischen Zeitungsverleger, fast ein Jahrzehnt Mitglied des Deutschen Presserats. In der gegenwärtigen Krise setzen die Angestellten der Oberpfalz-Medien auf den Altverleger, dessen Tochter Viola, die die Amtsgeschäfte übernommen hat – genauso wie auf die Verlegerfamilien von Barbara Panzer und Dr. Barbara Shanahan sowie Geschäftsführer Thomas Maul.

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