10.01.2020 - 14:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Biologe ersticht Vater beim Frühstück: Gericht prüft Einweisung in Psychiatrie

Ein Biologe (34) ersticht im Mai 2019 in Grafenwöhr seinen Vater. Einen tatsächlichen Grund dafür gibt es nicht. Die Familie ist intakt. Die Ursache liegt möglicherweise in einer psychischen Erkrankung.

Der Beschuldigte mit Verteidiger Tobias Konze. Im Hintergrund die Gutachter (von links) Prof. Peter Betz, Leiter der Rechtsmedizin Erlangen, sowie Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der Beschuldigte im ordentlichen Jackett ist ein "Master of Science" mit einem Notendurchschnitt von 1,8. Er kommt aus einem guten Elternhaus. Er hatte eine Anstellung, ist ein guter Sportler (Karate, brauner Gürtel). Am Ende ist der 34-Jährige doch nur ein kranker Mann: Er leidet seit vielen Jahren an Schizophrenie. In diesem Zustand brachte er seinen Vater um. Am Frühstückstisch. Mit einem Messer.Oberstaatsanwalt Bernhard Voit geht davon aus, dass der Grafenwöhrer schuldunfähig, aber eine Gefahr für die Allgemeinheit ist. Seit Freitag befasst sich daher die 1. Strafkammer am Landgericht Weiden unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl mit der Unterbringung in der Psychiatrie. Der 34-Jährige befindet sich bereits seit der Festnahme in einer geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses Regensburg.

Keine Chance auf Rettung

Die Tat hatte sich an einem Sonntagvormittag im Mai 2019 im Haus der Eltern ereignet. Der 34-Jährige saß mit Vater und Mutter am Frühstückstich. Es habe keinen Streit gegeben, "gar nichts", so berichtete die Frau später der Polizei. Als sie kurz ins Bad ging, hörte sie ein Röcheln. In dieser Zeit muss der Sohn zu einem Filetiermesser mit einer Klingenlänge von 15 Zentimetern gegriffen haben. Als die Frau in das Esszimmer zurücklief, lag ihr Mann, ein Handwerksmeister, blutüberströmt auf dem Fußboden.

Unrettbar, wie Rechtsmediziner Prof. Peter Betz in seinem Gutachten meint. Ein sieben Zentimeter tiefer Stich traf ihn am Hals und durchtrennte unter anderem die Schlagader. Zwei weitere Stiche gingen in den Rumpf. "Er starb sofort", sagt Betz. Ursache: Verbluten.

Die Familienangehörigen nehmen am Freitag von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sie sind nicht vor Ort im Schwurgerichtssaal. Außer einer Betreuerin ist niemand gekommen. Der Sohn hat keinen Kontakt zur Familie. "Nur zu Onkel und Tante", wie er Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder bei einer Untersuchung berichtet hat. "Er meint, seine Angehörigen würden es einfach noch nicht schaffen, ihn zu besuchen."

Der 34-Jährige hat eine intakte Familie zerstört. "Immer optimal", gibt Rieder den Beschuldigten wieder, der vor Gericht nicht selbst aussagt. Er wuchs mit zwei Schwestern auf. Es mangelte nicht an Fürsorge der Eltern. Auf eine Ausbildung zum biologisch-technischen Assistenten im Allgäu folgte ab 2007 das Studium der Biologie.

Während des Studiums trat die Krankheit auf: 2013, kurz vor dem Abschluss, wurde die Diagnose Schizophrenie gestellt. Man ging davon aus, dass ein Mangel an Dopamin vorliegt, einem Botenstoff im Gehirn. Der Grafenwöhrer wurde medikamentös behandelt und fand Anstellungen in Regensburg, zuletzt in Weiden. "Man sei eigentlich ganz zufrieden gewesen. Aber dann wusste man wohl doch nicht, wie man mit ihm umgehen sollte", erzählt Rieder.

Zuletzt nahm der 34-Jährige seine Medikamente nur noch sporadisch, weil sie ihn schläfrig und müde machten. Clozapin ist ein antipsychotischer und dämpfender Werkstoff. In seinem Blut fand sich nach der Tat nur eine minimale, unwirksame Konzentration.

Ende Mai war der 34-Jährige übers Wochenende überraschend bei den Eltern hereingeschneit. Eigentlich wohnte er zu dieser Zeit in Regensburg, zuletzt mit einer festen Freundin. Kurz vor der Tat hatte er die Beziehung beendet. Einen Schritt, den er schon länger geplant hatte, wie er Dr. Rieder berichtete. "Als er sich trennte, fielen ihm keine Symptome auf. Er dachte wirklich, das alles in Ordnung sei."

Barfuß durch den Wald

In Ordnung? Schon nach seiner Ankunft in Grafenwöhr, am späten Freitagabend, lief der 34-Jährige barfuß durch die Wälder, bis die Fußsohlen verkratzt waren. Dabei pflückte er Lebermoos, ein Kraut, das laut Rieder in Internetforen für seine berauschende Wirkung gefeiert wird. "Vom Studium her wusste er eigentlich, dass diese Pflanze giftig war", so der Landgerichtsarzt. Über das Wochenende habe der Sohn Misstrauen gegenüber dem Vater aufgebaut, "dass dieser der Familie nichts Gutes wolle." Am Sonntagvormittag eskalierte die Lage.

Als Polizeibeamte aus Eschenbach zum Tatort kamen, saß der 34-Jährige auf einer Bank vor dem Haus. "Er hat überhaupt nicht reagiert", sagt ein Polizist. "Starrer Blick. Blutspritzer auf den Socken." Die Oma und die Schwester, die zum Elternhaus geeilt war, stellten ihn völlig außer sich zur Rede. "Er sagte etwas von einem bösen Papa", berichtet der Beamte. Bei der ersten Vernehmung auf der Dienststelle Eschenbach behauptete der 34-Jährige dann: "Der Vater hat mich mit dem Brotmesser bedroht. Da habe ich nicht anders gekonnt."

Fortsetzung des Verfahrens ist am 27. Januar, 9 Uhr.

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