Sabine Kroy-Leci sitzt im „Café Vergissmeinnicht“, dem Gemeinschaftsraum der Tagespflege Sonnschein. Hier wird gefrühstückt und Mittag gegessen, an Tischen mit Spitzendeckchen und Blumendeko. Der ganze Raum ist gestaltet wie ein Café auf einem Marktplatz. Die Tagespflege-Gäste blicken auf eine Litfaßsäule, Hauseingänge mit bunten Türen und Fenstern mit Balkonkästen. Eine Tafel kündigt an, was heute serviert wird: Kartoffelsuppe und Putengulasch mit Spätzle. Wer durch die Hauseingänge geht, gelangt in die Gruppenräume, ins Bad oder in den Ruheraum.
Was hübsch anzusehen ist, hat einen ernsten Hintergrund. Die Tagespflege Sonnenschein ist laut Geschäftsführerin Kroy-Leci die einzige Tagespflege in Weiden, die auf Menschen mit einer Demenzerkrankung spezialisiert ist. Sie befindet sich seit 2018 in der Pressather Straße. Kroy-Leci spricht von einer Berufung. Die Geschäftsführerin und ihre Pflegedienstleiterin Andrea Heumann haben jahrelang in stationären Einrichtungen gearbeitet, wollten sich in der Pressather Straße aber ganz auf die Bedürfnisse dementer Menschen einstellen. Betreut werden hier bis zu 30 Gäste von 12 Mitarbeiterinnen und 5 Fahrern.
Nicht alle an einen Tisch setzen
Kroy-Leci versucht zu verdeutlichen, was Demenz ist: „Stellen Sie sich das Leben als Bücherregal vor. Jedes Buch ist ein Lebensjahr. Bei Demenzerkrankten fallen die einzeln um. Und die Gäste befinden sich in den Lebensjahren, von denen die Bücher stehen geblieben sind. Manche reagieren zum Beispiel plötzlich nicht mehr auf ihren Familiennamen oder erinnern sich nur noch an einen von zwei Ehemännern.“
Die Tagesgäste werden hier nicht alle zusammen betreut, sondern je nach Grad der Demenz in Gruppen aufgeteilt. Kroy-Leci und Heumann wollen jedem Gast so Erfolgserlebnisse ermöglichen. Voraussetzung sei aber, dass er seinen Fähigkeiten entsprechend betreut wird. „Man kann nicht einfach alle an einen Tisch setzen und ein Programm abspulen“, ist Kroy-Leci überzeugt. Zumal nicht alle Gäste alt und gebrechlich seien. „Die Jüngste derzeit ist erst 53 Jahre alt.“
In der Praxis sieht das dann zum Beispiel so aus: Gruppe eins (keine oder leichte Demenz) macht gemeinsam eine Europareise. Mit Hilfe einer auf einem Tisch ausgebreiteten Weltkarte reisen sie über den Kontinent, erinnern sich an Hauptstädte, Flüsse, Flaggen und typische Gerichte oder Gegenstände. „Ich war tagelang auf Flohmärkten unterwegs, um Utensilien zu kaufen“, erzählt Pflegedienstleiterin und Gerontotherapeutin Heumann. Auf dem Tisch stehen holländische Holzschuhe, eine Schwarzwald-Puppe, der Eiffelturm, der Schiefe Turm von Pisa, eine Matrjoschka. Die Senioren raten fleißig mit, erinnern sich an Erlebtes.
Nebenan in Gruppe zwei (mittlere Demenz) ist Motorik gefragt. Die Gäste spielen mit Unterstützung der Pflegerinnen Luftballon-Tennis mit Fliegenklatschen. Nicht jeder reagiert sofort, aber die Senioren bemühen sich. Gruppe drei (schwere Demenz) ist kleiner. „Diese Gäste würden in den anderen Gruppen komplett untergehen“, sagt Kroy-Leci. „Sie brauchen viel mehr Zuwendung.“ Vier Frauen beschäftigen sich mit Holz-Puzzeln und benötigen viel Hilfe. Ein Herr ist eingenickt. „Unser Dornröschen“, sagt Andrea Heumann.
Die Gruppenarbeit wechselt sich ab mit freier Bewegung. Auf diese legen Kroy-Leci und Heumann, die schon seit 13 Jahren in dieser Tagespflege arbeitet, wert. „Demenzerkrankte sind teilweise Läufer“, erklärt die Geschäftsführerin. Es sei wichtig, Bewegung zu ermöglichen, aber nicht unbedingt üblich, weil der Betreuungsaufwand steige. Auch Beschäftigung sei wichtig. Tagsüber schlafen oder vor dem Fernseher sitzen bringe den Tagesrhythmus durcheinander und führe zu nächtlicher Unruhe – mancherorts ein Grund, Medikamente zu verabreichen.
Das Konzept scheint aufzugehen. Nicht selten stelle sich bei der quartalsweisen Wiederholung der Demenztests heraus, dass sich jemand verbessert habe. „Wir haben schon Gäste gehabt, die nicht mehr essen konnten, bei denen sich der Zustand gebessert hat“, erinnert sich Kroy-Leci. Auch die Sprache komme manchmal zurück, weil sie in der Gruppenarbeit gefordert sei.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Biografiearbeit, in die die Angehörigen eingebunden werden. Je mehr die Mitarbeiterinnen über das Leben ihrer Gäste wissen, desto mehr können sie in Gesprächen mit ihnen beispielsweise auf Vorlieben, Haustiere oder Lebenspartner Bezug nehmen. Dabei sei diese Arbeit nie zu Ende, betont die Geschäftsführerin. „Wir haben eine Patienten, die das ganze Essen in die Tasche steckt. Meist stecken Flucht- oder Kriegserfahrungen dahinter." Bei ihr sind die Gründe für dieses Verhalten noch unbekannt.
"Rathaus" als Garderobe
Zurück zur Gestaltung der Räume. Eine Besonderheit ist das „Rathaus“. Hinter dieser Türe verbirgt sich die Garderobe – aus gutem Grund: „Viele Demenzerkrankte ziehen sich ständig an und aus. Aber in eine Behörde gehen sie nicht gerne rein.“ So komme keiner auf die Idee, die Jacke an- und ausziehen zu wollen. Wenn jemand vorzeitig gehen möchte, wird er zur Bushaltestelle gebracht. Das lenke die Aufmerksamkeit um, so Kroy-Leci. „Das ist besser als jedes Mal zu diskutieren, denn das führt nur zu Aggression.“
In den Gruppenräumen bilden alte Möbel, Bilder und Gegenstände die früher erlebte Umgebung der Gäste ab. „Wir sind ja selbst auch acht Stunden am Tag hier und müssen uns wohlfühlen“, sagt die Pflegedienstleiterin zum Raumkonzept. „Ich wollte nie etwas anderes werden als Altenpflegerin. Aber ich würde nicht mehr in einem Heim arbeiten wollen. Wir pflegen nicht den Körper, sondern die Seele der Menschen.“































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