19.07.2020 - 19:01 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Digitalisierung im Stall: Die Kuh trägt Fitnesstracker

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Industrie 4.0 lautet ein Schlagwort der Digitalisierung der Produktion. Daten werden erhoben, Prozesse gemessen und bewertet. Das hält auch in der Milchviehhaltung Einzug. Die "Gläserne Kuh" liefert überraschende Erkenntnisse.

Von hier oben aus hat Helmut Bamler alle Kühe im Stall im Blick. Doch er müsste nicht hier oben stehen. Über das Tablet sieht er, wie es den Tieren geht, ob sie sich bewegen, ob sie fressen oder gemolken werden. Vor allem sieht er an den Daten, ob die Tiere gesund sind.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Früher musste der Bauer mehrfach nachts raus in den Stall, um nachzusehen, ob es bei der trächtigen Kuh nun so weit ist. Heute nimmt er das Smartphone, schaltet das Licht im Stall ein und sieht mittels Videoübertragung, ob die Kuh zum Kalben bereit ist. Nicht nur nachts, auf dem Smartphone oder Tablet hat ein Landwirt rund um die Uhr im Blick, wie es seinen Tieren geht.

Zukunftsmusik? Nicht im Staatsgut Almesbach in Weiden. Von außen sieht der im Jahr 2006 erbaute offene Milchviehstall so aus wie seit vielen Jahren. Doch im Innenraum hat sich einiges getan. Es gibt eine automatische Klima- und Tageslichtsteuerung, mit einem hohen Blaulichtanteil tagsüber. Dieser steigert die Aktivität der Tiere. In der Nacht gibt es ruhefördernde Minimalbeleuchtung. Eine automatische Lüftung sorgt für eine für die Tiere angenehme Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Zudem haben die Kühe Wlan bekommen und sie tragen Sensoren, Fitnesstracker um den Hals oder in der Ohrmarke.

Frei im Stall bewegen

Schon immer können sich die Tiere im Laufstall des Staatsgutes frei bewegen. Nur, ob sie das tatsächlich regelmäßig tun, ob sie ausreichend fressen und trinken, lässt sich nur durch zeitaufwendiges Beobachten erkennen. Dank der Digitalisierung sieht Agraringenieur Helmut Bamler nun auf einen Blick, wie es der Almesbacher Herde geht. An diesem Tag steht er mit dem Leiter des Staatsgutes Helmut Konrad auf der Empore im Stall und erklärt mit den Tablet in der Hand das digitale Herdenmanagement.

Wir sind nicht mehr so nah dran, aber früher dran.

Helmut Konrad, Leiter des Staatsguts Almesbach, zum digitalen Herdenmanagement

Helmut Konrad, Leiter des Staatsguts Almesbach, zum digitalen Herdenmanagement

Die Übersicht zeigt: Zwei der rund 140 Tiere weisen Auffälligkeiten auf. Eine Kuh kalbt gerade. Sie ist im Stall nebenan. Das andere Tier hat eine höhere Aktivität als üblich. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass "sie den Bullen sucht", also brünstig wird. Die Daten helfen, den optimalen Besamungszeitpunkt zu bestimmen. Bamler tippt die Nummer dieser Kuh auf dem Tablet ein und sieht, wo das Tier steht. Am Ende der zweiten Reihe, in einer der Boxen, in denen sich die Tiere ausruhen können.

"Wir sind nicht mehr so nah dran, aber früher dran", sagt Konrad. Die Daten zeigen, wenn es einem Tier nicht so gut geht, obwohl es der Kuh von außen noch nicht anzusehen ist. Wenn sich eine Kuh etwa weniger bewege, seltener zum Melken komme, könne das auf Probleme an den Klauen hindeuten. Dank der Daten können Bauern mögliche Krankheiten früher erkennen und behandeln.

Mittels der Sensoren werden alle Aktivitäten aufgezeichnet. Unter anderem wann und wie lange die Kühe fressen und trinken, wie viel sich die Tiere bewegen, wie lange sie wiederkäuen. Am Melkroboter werden Milchmenge, Milchqualität und die Temperatur der Tiere gemessen. Das Programm schert bei der Auswertung nicht alle über einen Kamm, sondern ermittelt, was für das jeweilige Tier normal ist. Dazu werden die neuen Daten mit den bereits über die Kuh vorhandenen verglichen. Bei zu starken Abweichungen gibt es einen Alarm.

Melkroboter-Gruppe entspannter

Das digitale Herdenmanagement bringt auch überraschende Ergebnisse. Die Almesbacher Herde ist in zwei Gruppen geteilt, denn sie dient der Ausbildung des landwirtschaftlichen Nachwuchses. Knapp zwei Drittel der Tiere werden zweimal am Tag im Melkstand gemolken. Die anderen gehen, wann sie wollen, zum Melkroboter. Beim Vergleich der Daten weist die Melkroboter-Gruppe längere Zeiten des Wiederkäuens auf. Auch die anderen Daten zeigen, dass sich diese Tiere noch wohler fühlen als die zweite Gruppe.

Konrad und Bamler führen das darauf zurück, dass die Kühe, die den Melkroboter nutzen, ihren Tagesablauf völlig frei gestalten können. "Die Technik unterstützt uns intensiv bei der Tiergesundheit und beim Tierwohl", sagt Konrad.

Video zur Digitalisierung in Almesbach

Darauf setzt auch die Staatsregierung. Seit Ende 2019 fördert sie die Digitalisierung in der Nutztierhaltung. Geld vom Staat gibt es unter anderem für Sensoren am Ohr, Halsband oder Fuß der Milchkühe, teilte das Landwirtschaftsministerium in München auf Anfrage mit. Gefördert werden maximal 25 Prozent. Die Obergrenze der förderfähigen Kosten liegt bei 15 000 Euro. Bauern erhalten laut Ministerium maximal 3750 Euro. Seit Start des Programms sind bayernweit rund 180 Förderanträge bewilligt worden. Daten für die Oberpfalz hat das Ministerium nicht.

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Kälber automatisch getränkt

Kälber verbringen ihre erste Tage in nebeneinander stehenden Aufzuchtboxen. In Almesbach erhalten sie warme Milch und so viel sie wollen. Automatisch. Ein System überwacht, wie viel, wie schnell und wie häufig das Kalb trinkt. "Wir begleiten die Markteinführung des Systems. Wir geben unser Erfahrungen und Wünsche weiter", sagt Konrad.

Die angehenden Landwirte, die zur Generation der "Digital Natives" gehören, sind begeistert von der digitalen Technik, berichtet Konrad. Zugleich verweist er darauf, dass Almesbach im Bereich der Digitalisierung zu den Pionieren gehört. Es werde dauern, bis derartige Systeme in allen Bauernhöfen zu finden sein werden. Zum Vergleich: Vor gut 25 Jahren wurden die ersten Melkroboter eingeführt. Die Kosten heute: 120 000 Euro aufwärts. Durch einen Roboter lassen sich gut zehn Stunden Arbeit pro Kuh im Jahr einsparen. Heute, schätzt Konrad, würden in etwa drei Viertel der neueingerichteten Ställe Melkroboter installiert. Arbeit wird durch Kapital ersetzt.

Der stellvertretende Leiter Helmut Bamler erklärt den neuen Melkroboter im Stall im Staats. Staatsgut Almesbach.
Landwirtschaft 2040:

Junglandwirte fordern mehr Fairness am Markt und Tierwohlförderung

Faire Marktbedingungen und eine Ausrichtung der staatlichen Förderung am Tierwohl sind zwei Forderungen, die Agrarbetriebswirtin Christina Kunz aus Groppenheim bei Waldsassen (Kreis Tirschenreuth) besonders wichtig sind. Sie gehört zu den drei Oberpfälzern, die am Bericht der Kommission von Junglandwirten mitgearbeitet haben. Darin entwickeln 37 Bäuerinnen und Bauern ihre Vision einer Landwirtschaft im Jahr 2040.

Sie haben klare Forderungen and die Politik: Unter anderem dringen sie auf praktikable und verlässliche Rahmenbedingungen, eine Begrenzung der Dauer von Schlachttiertransporten und auf gleiche Wettbewerbsbedingungen und einen sozial-ökologischen Außenschutz für Lebensmittelimporte in die Europäische Union. Es dürfe nicht sein, dass „wir hohe Auflagen haben, und aus dem Ausland kommen Produkte mit geringeren Standards“, sagt Kunz. Mit ihrem Mann betreibt sie einen rund 45 Hektar großen Naturlandbetrieb mit 30 Kühen. „Mit Nachzucht haben wir 65 Tiere“ sagt Kunz.

Einen Unterschied zwischen konventionellen und Öko-Betrieben gibt es für Kunz bei diesen Zukunftsfragen nicht. Alle wollten ihre Höfe möglichst umweltgerecht bewirtschaften und die Nutztierhaltung im Sinne des Tierwohls weiterentwickeln und sich klimagerecht aufstellen, heißt es im Bericht. Für Kunz ist wichtig, dass die Förderung an der Umsetzung von mehr Tierwohl ausgerichtet wird, etwa daran, wie viel Platz ein Tier künftig hat. Zudem unterstreicht Kunz die Forderung an das Ministerium, eine Arbeitsgruppe zur Stärkung der Marktmacht auf Erzeugerseite einzurichten.

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