07.08.2020 - 17:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Dr. Manfred Hausel: Wenn der Patient mit den Augen um den Tod bittet

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Zum Krankenhausalltag gehören Probleme, die nicht medizinisch zu lösen sind. Schnell taucht dabei die Frage nach Leben und Tod auf. In solchen Fällen ist das Ethikkomitee der Kliniken Nordoberpfalz gefragt.

"Wir lassen das Sterben zu, wenn der Patient das wünscht." Dr. Manfred Hausel bleibt auch im Ruhestand an ethischen Fragen des Medizinerdaseins interessiert.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Dr. Manfred Hausel gehört zu den Gründungsmitgliedern des Ethikkomitees. Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 2012 brachte sich der frühere Ärztliche Direktor der Kliniken AG dort ein. Vor kurzem übergab der 75-Jährige die Leitung an Chefärztin Dr. Stephanie Kuchlbauer, die als Leiterin der Palliativstation ebenfalls oft mit ethischen Fragen konfrontiert ist. Im Interview zieht Hausel eine Bilanz seiner Arbeit im Gremium und lässt ein Stückweit hinter die Kulissen blicken.

ONETZ: Herr Dr. Hausel, mit welchen Fällen ist das Ethikkomitee einer Klinik betraut?

Manfred Hausel: Manfred Hausel: Wir verstehen uns als Anwälte von Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern, die wir menschlich, aber nicht medizinisch unterstützen. Konkret kann das etwa heißen, dass wir helfen, den Patientenwillen durchzusetzen, nicht den des Doktors.

ONETZ: Was wäre denn ein typisches Beispiel?

Manfred Hausel: Ein Patient kann nicht mehr gut schlucken. Der Arzt empfiehlt eine Sonde, der Patient lehnt ab. Vor 30 Jahren waren die Strukturen an den Klinken noch patriarchalischer, da hätte man gesagt, der kriegt jetzt einfach die Sonde, weil der Arzt das so will. Inzwischen sind die Patienten wesentlich kritischer und aufgeklärter, da treten dann auch öfter solche Konflikte auf. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass der Patient eine bestimmte Behandlung verlangt, der Arzt aber skeptisch ist.

ONETZ: Haben Sie damit zu Ihrer Zeit als Ärztlicher Direktor nicht Konflikte mit Medizinerkollegen heraufbeschworen?

Manfred Hausel: Nein, in Gesprächen als Vorsitzender des Ethikkommitees habe ich mich immer als Moderator gesehen. Es ging es mir um die Würde des Patienten, nicht darum, wie die OP-Naht aussieht oder wie die Sonde sitzt, vor allem wenn es bei Patienten um Frage der Maschinenmedizin am Ende des Lebens geht. Da waren manchmal Konflikte mit Angehörigen zu bestehen, die eine andere Meinung hatten als der Kranke in seiner Patientenverfügung. Da mussten wir auch immer wieder sagen, dass wir völlig unabhängig agieren, an niemandem verdienen und niemandem unterstellt sind. Es ging uns nie darum, die Prozentrate der Überlebenschance zu beurteilen.

ONETZ: Gab es Fälle die Ihnen besonders nahe gingen?

Manfred Hausel: Ich erinnere mich noch gut an eine Frau, die erst 50 war. Sie hatte eine von unten nach oben aufsteigende Lähmung im Körper, geistig war sie aber völlig klar. Sie konnte am Ende nicht mehr sprechen und kommunizierte nur noch mit den Augen. Mit den Augen konnte sie auch E-Mails schreiben. Eines Tages schrieb sie, dass sie merkt, dass die Sehkraft nachlässt und sie sterben möchte. Wir haben mit ihr und der zwölfköpfigen Familie vereinbart, dass wir sie palliativ versorgen und sedieren (Sedierung: Schmerzunterdrückung, die Red.) werden konnte. Es ist ganz wichtig, in solchen Fällen die Familie mitzunehmen.

ONETZ: In diesem Fall herrschte Einigkeit, aber wie ist das im Gremium: Stimmt da die Mehrheit über die Minderheit?

Manfred Hausel: Ein Pfarrer wird Dinge immer ein bisschen anders sehen als eine Pflegekraft, aber jeder der beiden hat Recht, weil alle wollen, dass es dem Patienten gut geht. Wir haben etwa 60 solcher großen Patientengespräche, sogenannte Konsile, geführt. Und auch wenn eine Einigung untereinander am Anfang aussichtslos schien, haben wir nach anderthalb Stunden immer einen Konsens gefunden.

ONETZ: Ein heikles Thema ist in Deutschland die aktive Sterbehilfe. Wurden Sie damit häufig konfrontiert?

Manfred Hausel: Das Thema taucht zirka einmal im Jahr auf, dass jemand nach einer Kapsel fragt, die seinem Leben ein Ende macht. Seit 2019 hat der Bundesgerichtshof auch entschieden, dass jeder das Recht zu sterben hat. Wir leisten in Weiden keine aktive Sterbehilfe, aber wir lassen das Sterben zu. Wenn ein Schwerstkranker also Angst hat, zu ersticken und austherapiert ist, schafft die Palliativmedizin ein gutes Umfeld, wo der Patient ohne Angst, Qual oder Durst sterben kann.

Mehr zu Dr. Manfred Hausel und dem Ethikkomitee

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ONETZ: Wie oft kommt das Ethikkomittee zusammen?

Manfred Hausel: In zehn Jahren hatten wir 104 Sitzungen, anfangs monatlich, jetzt alle zwei Monate. In 60 Fällen sind wir direkt auf Station gegangen und haben mit dem Behandlungsteam gesprochen.

ONETZ: Was halten Sie von der Zusammensetzung des Komitees?

Manfred Hausel: Es lebt davon, so viele unterschiedliche berufliche Ansätze wie möglich zu vereinen. Zurzeit sind es 23 Mitglieder plus meine Nachfolgerin Dr. Stefanie Kuchlbauer als Vorsitzende. Bisher haben dem Gremium 60 Leute angehört, einige sind aber durch Alter oder Umzug ausgeschieden, manche kommen auch nur als Gäste.

ONETZ: Wer bestimmt die Richtlinie Ihrer Arbeit?

Manfred Hausel: Niemand, wir haben eine Satzung, aber keine Richtlinie. Ein Aspekt ist uns aber auch wichtig: Die Wertschätzung der Mitarbeiter. Nur so kommen wir auch an schwierige Fälle ran, wenn uns etwa eine Pflegekraft anspricht, wir sollten bei Patient xy mal aktiv werden, der ist allein oder um den kümmern sich die Angehörigen überhaupt nicht. Auch das ist ein Grund, weshalb uns viele Häuser um das Ethikkomitee beneiden.

Neuer Berater für Ethikkomitee am Klinikum

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Die aktuellen Mitglieder des Ethikkomitees:

Marianne Albrecht (Patientenfürsprecherin), Helmut Brandl (Katholische Seelsorge), Professor Thomas Bschleipfer (Kliniken AG), Sabine Dachauer (Evangelische Seelsorge), Dr. Christina Eibel (Kliniken AG), Dr. Andreas Faltlhauser (Kliniken AG), Marina Frister (Kliniken AG), Hannah Heimburger (Kliniken AG), Sebastian Hoppe (niedergelassener Arzt), Christel Knorr (Caritas Erbendorf); Dr. Stephanie Kuchlbauer (Vorsitzende), Christine Niklas (Kliniken AG), Brigitte Ramming (Kliniken AG), Eva Rauch (Klinken AG), Thomas Reichl (Kliniken AG), Michael Reindl (Klinken AG), Beate Renger (Kliniken AG), Monika Schmid (Kliniken AG), Christine Schwägerl (Patientenfürsprecherin), Josef Sertl (Jurist), Beate Spickenreuther (Kliniken AG), Elisabeth Walter (Patientenfürsprecherin), Wolfgang Wittmann (Kliniken AG). Als Gast: Susanne Wagner (Hospiz St. Felix); Dominik Dworzak (Kliniken AG), Dr. Wolfgang Jurczyk (Betrisbsarzt), Stefan Wurzer (Lehrer für Pflegeberufe), Anna Lena Schaub (Kliniken AG), Anna Heigl (Kliniken AG).

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