20.04.2020 - 15:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ehemaliger Ministeriumssprecher: ARD-Bericht über Klinikum Weiden "unerträglich"

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Viele zeigen sich entsetzt über den ARD-Beitrag über Corona-Kranke im Klinikum Weiden. Auch ein ehemaliger Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. In einem Internet-Blog lädt er durch.

Warum hat ein Fernsehteam Zutritt zu Bereichen, die für Angehörige tabu sind? Auch diese Frage stellen Leser nach dem umstrittenen ARD-Beitrag.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Der ARD-Beitrag vom Dienstagabend, der die Behandlung von schwerkranken Covid-19-Patienten im Weidener Klinikum zeigt, hallt noch immer nach. Zahlreiche Zuschauer reagierten entsetzt. Darunter einer, der viel von der Materie versteht – sowohl vom Gesundheitswesen als auch von Medien: Klaus Vater, gelernter Redakteur, einst unter anderem Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums und stellvertretender Regierungssprecher. In einer Reaktion auf den Beitrag in "ARD Extra" und den Bericht darüber bei Oberpfalz-Medien schreibt uns der 74-Jährige: "Diese ganze Berichterstattung ,stinkt‘ gewaltig. Wenn stimmt, was die Klinik sagt, hat ,ARD Extra gelogen." Und er verweist auf seinen aktuellen Text im Internet-Blog "Blog der Republik", in dem er als Gast-Kommentator den Sender massiv angreift.

"Was die ARD mittlerweile an ,Berichterstattung‘ über das Corona-Virus und dessen Folgen liefert, das ist teils schier unerträglich", beginnt Vater. Nun habe man sogar zuschauen können, "während und wie ein infizierter Mensch starb. Das ist inakzeptabel. Es war würdelos, eine Verletzung der Würde eines Sterbenden, bar jeder Achtung. In Zimmern und Bereichen von Sterbenden haben Kamera und Mikrophon ausnahmslos nichts zu suchen".

Der 74-Jährige kritisiert, dass das komplexe und vieldiskutierte Thema "Behandlungsabbruch" zu stark vereinfacht dargestellt werde. Wie berichtet, erhebt Kliniken-Vorstand Dr. Thomas Egginger den selben Vorwurf – durch die Verkürzung eines Interviews und der Anordnung der Szenen sei der falsche Eindruck einer "Triage" entstanden. Klaus Vater hat jedoch noch anderes auszusetzen: "Die Beiläufigkeit ist erschreckend, mit der die Kamera auf einen Sterbenden gehalten wird, dessen Oberkörper verschwommen zu sehen ist. Da sagte offenbar niemand: Kamera aus, unsere Berichtspflicht ist zu Ende." Er wisse nicht, was die behandelnden Ärzte besprochen haben. "Ich gehe davon aus, dass sie einen rechtlich gerechtfertigten Behandlungsabbruch anordneten. Aber ARD Extra hat da nichts zu suchen."

Den ARD-Beitrag über die Behandlung von Corona-Patienten am Klinikum Weiden verurteilt Klaus Vater aufs Schärfste.

Für Vater stellen sich Fragen: "Wer hat das gestattet? Welcher verantwortliche Klinikvertreter hat der ARD respektive dem Team um die öffentlich-rechtliche Redakteurin Caroline Hofmann vom Bayerischen Rundfunk das erlaubt? Wurden die Angehörigen des Sterbenden (im Streifen als der in „Bett 15“ bezeichnet) gefragt, ob sie das zulassen? Die übrigen Kranken: Haben die zugestimmt?"

Über Klaus Vaters "vermischte Kritik über mediale Darstellung und medizinische Maßnahmen" wundert sich die Klinikleitung. Auf Anfrage von Oberpfalzmedien reagiert die Kliniken AG dennoch darauf. Sie bedauert, dass "einige Aspekte des Beitrags zu einer Verunsicherung von nicht mit intensivmedizinischen Abläufen vertrauten Zuschauern beigetragen" hätten. Verantwortlich dafür sei eine "nicht vollständig korrekt dargestellte Sequenz". Diese, die das Sterben eines Patienten thematisiert, sei unzulänglich dargestellt, heißt es in der Stellungnahme.

"Verschiedene Aspekte wurden hier gestalterisch nicht korrekt wiedergegeben, so dass sich ein verzerrter und damit vermeintlich falscher Ablauf ergab. Die Kliniken Nordoberpfalz AG möchte klar festhalten, dass die direkte Verknüpfung zwischen einer beendeten Therapie und einem Ausschalten der Beatmungsmaschine falsch ist. Alle Therapieoptionen waren in diesem Fall ausgereizt, es bestand keine Möglichkeit mehr auf einen positiven Heilungsverlauf oder eine Verbesserung des Zustands. Dies wurde von allen Mitgliedern des ärztlichen und pflegerischen Teams gleichermaßen beurteilt. Der Patient verstarb unter Fortsetzung der adäquaten und würdevollen Abschirmung und wurde dabei ausschließlich vom medizinischen Personal begleitet. Dies erfolgte ohne Beisein jeglichen externen Personals und damit auch ohne Kamerabegleitung. Dem Vorwurf, wonach ein Patient beim Sterbevorgang gefilmt wurde, müssen wir somit ausdrücklich widersprechen." Und: "Erst nach dem festgestellten Tod wurde somit auch die Beatmungsmaschine des besagten Patienten abgeschaltet, was auch im Beitrag zu sehen ist." Der Ablauf sei bei "ARD Extra" nicht im eigentlich nötigen Ausmaß und seiner Komplexität dargestellt, bedauert die Kliniken AG.

Betont wird allerdings auch, dass aus medizinischer Sicht keine Fehler gemacht worden seien. Auch seien sämtliche Genehmigungen eingeholt und der Schutz von Privatsphäre beachtet worden. Tatsächlich habe es auch sehr viele positive Rückmeldungen gegeben. Auf das, was Pflegepersonal und Ärzte leisten, sei die Kliniken AG stolz. Eben das Personal steht im Mittelpunkt der Filmaufnahmen, zu denen das Team des Bayerischen Rundfunks nicht nur in der vergangenen Woche zu Gast war. Bei dem ausgestrahlten Filmmaterial handelt es sich laut Kliniken AG um den Teil einer Langzeitdokumentation, die im Sommer 2020 ausgestrahlt werden soll. Beleuchtet wird dabei der fordernde Arbeitsalltag von Pflegern und Ärzten insbesondere während der Coronakrise.

Der Bericht zur Sendung

Weiden in der Oberpfalz
Die Stellungnahme der Kliniken AG im Wortlaut:

Bei dem im Rahmen einer kurzfristig geplanten ARD-extra-Sendung ausgestrahlten Material handelt es sich um Aufnahmen, die im Rahmen einer Langzeitdokumentation des Bayerischen Rundfunks am Klinikum Weiden aufgezeichnet werden. Ziel dieser Dokumentation, deren Ausstrahlung im Sommer 2020 erfolgen soll, ist die Darstellung des für das Personal psychisch und physisch belastenden und fordernden Arbeitsalltags auf Intensivstationen in bayerischen Kliniken, besonders während der CoVid-19-Krise.

Auf der Internetseite blog-der-republik.de wurde ein Artikel veröffentlicht, in dem vordergründig die Berichterstattung der ARD massiv kritisiert wird. Nachdem die Dreharbeiten in unserem Haus stattgefunden haben, steht jedoch auch die Kliniken Nordoberpfalz AG und die Arbeit unseres Teams in der Kritik.

Der „Blog der Republik“ wirbt damit, „aus einer gewissen Distanz das Geschehen in Politik und Gesellschaft [zu] beobachten, das Feld dort aus[zu]leuchten, wo andere nicht hinschauen“. Gerade aus diesem Grund wundern wir uns über die vermischte Kritik über mediale Darstellung und medizinische Maßnahmen.

Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks haben wir uns bewusst dafür entschieden, an einer Dokumentation über die Arbeiten auf einer Intensivstation teilzunehmen. Im Mittelpunkt sollten dabei die Pflegekräfte stehen, die tagtäglich direkt am Patienten um deren Leben kämpfen. Dabei wurde bewusst darauf verzichtet, Klinikleitungen oder leitende Angestellte, die üblicherweise im Fokus stehen, in den Vordergrund zu rücken und damit einen realitätsnahen Einblick auf die tägliche Arbeit zu geben. Ein besonderer Wert wurde daraufgelegt, die Integrität und Intimität unserer Patienten zu respektieren und unser Personal im Arbeitsalltag nicht zu behindern.

Aus diesem Grund wurde nur einer einzigen Person mit minimalem Equipment Zugang zur Intensivstation gewährt. In vorab erfolgten ausführlichen Gesprächen wurden die für diese Produktion relevanten Verhaltensregeln klargestellt und gegenseitig abgestimmt.

An dieser Stelle weisen wir darauf hin, dass wir ebenfalls darüber aufgeklärt haben, dass neben dem Risiko für das medizinische Fachpersonal auch für die kritisierte Journalistin das Risiko besteht, sich selbst zu infizieren, wobei nicht automatisch von einem sanften Erkrankungsverlauf ausgegangen werden kann.

Viele Menschen mussten in den vergangenen Monaten durch die getroffenen Isolationsmaßnahmen große Entbehrungen ertragen. Um die Wichtigkeit dieser Maßnahmen zu unterstreichen, wurde einer Kurzdarstellung mit dem bis dato produziertem Material in der ARD zugestimmt.

Die Rückmeldungen, die bei der Kliniken Nordoberpfalz AG nach Ausstrahlung dieses Beitrags eingingen, waren zum größten Teil positiv, da der Alltag auf Intensivstationen realistisch und objektiv dargestellt wurde. Besonders auch aus anderen Intensiveinheiten aus ganz Deutschland erhielten wir viel Zustimmung.

Dennoch sind auch wir uns bewusst, dass einige Aspekte des Beitrags zu einer Verunsicherung von nicht mit intensivmedizinischen Abläufen vertrauten Zuschauern beigetragen haben. Leider wurde dadurch die Intention des Beitrags, nämlich die Leistungen des Personals auf der Station durch eine realitätsnahe Abbildung zu würdigen, aufgrund einer nicht vollständig korrekt dargestellten Sequenz nicht adäquat erreicht.

Eine Tatsache ist hierbei von enormer Bedeutung: die in dem Beitrag gezeigten Abläufe hinsichtlich Behandlung und Therapie stellen fast vollständig den Arbeitsalltag auf einer Intensivstation dar. Es muss eindeutig festgehalten werden, dass aus medizinischer Sicht keine Fehler gemacht wurden. Selbst der kritisierende Autor des Blogbeitrags unterstellt keine Fehlbehandlung.

Einzig die Sequenz, in der das Sterben eines Patienten behandelt wird, muss als unzulänglich dargestellt erachtet werden. Verschiedene Aspekte wurden hier gestalterisch nicht korrekt wiedergegeben, so dass sich ein verzerrter und damit vermeintlich falscher Ablauf ergab. Die Kliniken Nordoberpfalz AG möchte klar festhalten, dass die direkte Verknüpfung zwischen einer beendeten Therapie und einem Ausschalten der Beatmungsmaschine falsch ist. Alle Therapieoptionen waren in diesem Fall ausgereizt, es bestand keine Möglichkeit mehr auf einen positiven Heilungsverlauf oder eine Verbesserung des Zustands. Dies wurde von allen Mitgliedern des ärztlichen und pflegerischen Teams gleichermaßen beurteilt.

Der Patient verstarb unter Fortsetzung der adäquaten und würdevollen Abschirmung und wurde dabei ausschließlich vom medizinischen Personal begleitet. Dies erfolgte ohne Beisein jeglichen externen Personals und damit auch ohne Kamerabegleitung. Dem Vorwurf, wonach ein Patient beim Sterbevorgang gefilmt wurde, müssen wir somit ausdrücklich widersprechen.

Erst nachdem bei einem verstorbenen Patienten der Tod durch eine Asystolie (Stillstand der Herzfunktion), also eine Nulllinie im EKG, bestätigt wird und eine ärztliche Todesfeststellung stattgefunden hat, werden durch das medizinische Personal technische Gerätschaften und Hilfsmittel rückgebaut. Erst nach dem festgestellten Tod wurde somit auch die Beatmungsmaschine des besagten Patienten abgeschaltet, was auch im Beitrag zu sehen ist.

Dieses Vorgehen, das entsprechend dokumentiert wurde, entspricht der weltweiten intensivmedizinischen Praxis. Unglücklicherweise wurde dieser Ablauf in dem Beitrag jedoch nicht im eigentlich nötigen Ausmaß und seiner Komplexität dargestellt.

Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass dies zu einem der schwierigsten Momente für medizinisches Personal gehört und – gerade im Hinblick auf die aktuelle CoVid-19-Krise – in dem Beitrag nicht ausgeblendet hätte werden sollen. Diese Situation wird derzeit zudem dadurch erschwert, dass die Begleitung Sterbender durch die Anwesenheit von Angehörigen und / oder auf Wunsch durch einen Geistlichen aktuell erschwert möglich ist.

Widersprechen müssen wir außerdem der Unterstellung der Verletzung der Privatsphäre oder des Datenschutzes. Unter anderem wurden alle Patienten unkenntlich gemacht beziehungsweise anonymisiert dargestellt.

Bei dem genesenen Patienten wurde vorab eine Genehmigung eingeholt, was dem üblichen Vorgehen entspricht. Dies gehört zur Aufklärungspflicht des Redaktionsteams und wurde vorab mit Klinikverantwortlichen ebenso besprochen wie die Einhaltung von Schutzmaßnahmen für Gesundheit und Schutz der Privatsphäre.

Die Kliniken Nordoberpfalz AG hatte weder auf den redaktionellen Inhalt noch die filmische Gestaltung des Beitrags Einfluss, was auch den Grundsätzen der Pressefreiheit entspricht.

Dennoch möchten wir noch einmal betonen, dass wir sehr viele positive Rückmeldungen hinsichtlich der medizinischen Behandlung, der Möglichkeit der Kontaktaufnahme genesener Patienten mit ihren Angehörigen, und vor allem für die engagierte und empathische Tätigkeit unserer pflegerischen und ärztlichen Kolleginnen und Kollegen erhalten haben.

Sie haben sich – auch und gerade in der aktuell psychisch und enorm belastenden Zeit – aus medizinischer Sicht vollständig korrekt verhalten und lege artis gehandelt. Unabhängig von der medial zum geringen Teil stark kritisch gesehenen Berichterstattung sind wir mehr als stolz auf das, was unsere Kolleginnen und Kollegen in dieser für uns alle enorm schwierigen Zeit leisten und welch enormen Beitrag sie bereits geleistet haben. So konnten Situationen wie in Italien oder Spanien vermieden werden. Auch daher verurteilen wir es sehr, wenn unsere Kolleginnen und Kollegen – in und außerhalb des klinischen Umfelds – aufgrund nicht korrekt dargestellter Inhalte negativ konfrontiert werden.

Zur Person:

Klaus Vater

Klaus Vater, geboren 1946 in Mechernich, ist gelernter Redakteur. Von 1990 bis 1999 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, ab 2000 Sprecher des Bundesarbeitsministeriums, später auch des Bundesgesundheitsministeriums und stellvertretender Regierungssprecher. Heute ist er nach eigenen Angaben "Publizist, Krimiautor, Lese-Pate". Sein erstes literarisches Werk von 2001, der Jugend-Kriminalroman "Sohn eines Dealers", wählte die Kinderjury des Literaturpreises "Emil" zum "Kinderkrimi des Jahres".

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