05.01.2021 - 14:51 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ertrunkener im Flutkanal Weiden: Noch keine Anklage gegen Begleiter

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Eigentlich sollte Ende 2020 feststehen, ob gegen drei junge Leute Anklage erhoben wird, weil ein Freund von ihnen mutmaßlich vor ihren Augen ertrunken ist, ohne dass sie eingegriffen hätten. Doch noch immer ist nichts entschieden.

Die Folgen dieser Vermisstensuche am 12. September im und am Weidener Flutkanal bereiten Polizei und Justiz weiter Kopfzerbrechen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

In der Nacht zum 12. September, einem Samstag, waren drei Männer und eine Frau zwischen 21 und 23 Jahren auf Zechtour in Weiden. Das Quartett aus Weiden und Sulzbach-Rosenberg kam auch am Flutkanal entlang. Stark alkoholisiert geriet einer der Männer in Höhe des Kindergartens St. Michael ins Wasser. Erst am nächsten Tag alarmierten seine Begleiter den Rettungsdienst. Der fand den 22-Jährigen ertrunken.

Wie sich aus den Ermittlungen der Kripo Weiden ergab, besteht der Verdacht, dass die anderen drei sich bewusst gewesen sein müssten, dass ihr Freund in Lebensgefahr geschwebt hat. Dennoch sollen sie angeblich nichts unternommen haben. Im Gegenteil: Sie sollen seine verzweifelte Lage sogar mit Handys gefilmt haben.

"Es sind noch Kleinigkeiten in der Ermittlungsarbeit abzuleisten", sagt Oberstaatsanwalt Bernhard Voit. Näheres will er nicht sagen. Bis in zwei Wochen könnte jedoch eine Entscheidung fallen, ob es zur Anklage kommt. Dieser Zeitpunkt ist inzwischen schon oft verschoben worden. Voit erklärt das so: "Es ist ein Fall mit extremen Besonderheiten, die juristisch zum jetzigen Zeitpunkt schwierig zu bewerten sind."

Konkret gehe es um die strafrechtliche Einordnung. Dabei spiele das Spektrum von Unterlassener Hilfeleistung über Aussetzung mit Todesfolge bis zu Totschlag durch Unterlassen eine Rolle. Ferner gehe es um die "Garantenstellung" des Trios gegenüber dem Opfer.

Alle drei sitzen seit 1. Oktober in verschiedenen Oberpfälzer Gefängnissen in Untersuchungshaft. Die kann in der Regel bis zu sechs Monate dauern. Jeder hat einen Anwalt, der versucht hat, seinen Mandanten bei einem Haftprüfungstermin vorläufig auf freien Fuß zu bekommen. Das habe der Ermittlungsrichter aber abgelehnt, weil es nach wie vor dringenden Tatverdacht gebe, teilt Voit mit.

Die Vorgeschichte des Todesfalls am Weidener Flutkanal

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Mögliche Tatbestände laut Strafgesetzbuch

  • Unterlassene Hilfeleistung: Paragraf 323c; Haft bis zu einem Jahr oder Geldstrafe. Wer bei Unglücksfällen, Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten ist. Bestraft wird auch, wer jemanden behindert, der Hilfe leistet oder leisten will.
  • Aussetzung mit Todesfolge: Paragraf 221, Mindeststrafe drei Jahre. Wer einen Menschen
    in eine hilflose Lage versetzt oder in so einer Lage im Stich lässt, obwohl er ihn in seiner Obhut hat oder ihm sonst beizustehen verpflichtet ist.
  • Totschlag durch Unterlassen: Paragraf 212 (1); Mindeststrafe fünf Jahre. Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein.
  • Im vorliegenden Fall spielt die Garantenstellung eine Rolle: eine Pflicht im Strafrecht, dafür einzustehen, dass ein bestimmte Tatbestandsfolge nicht eintritt. Wer rechtswidrig eine Gefahr schafft, ist zur nachträglichen Gefahrabwendung verpflichtet. Eine Garantenstellung kann sich auch ergeben, wenn die Gefahrenlage durch rechtmäßiges Vorverhalten entsteht.

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