27.09.2021 - 17:31 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Explodierender Gaspreis sorgt für drastische Preiserhöhungen

Drastisch steigende Energiekosten beschäftigen die Verbraucher landauf, landab. Für ein Ehepaar aus Weiden verdoppelt sich der Gaspreis ab 2022 nahezu. Woran liegt das? Und wie setzt sich der Preis zusammen?

Annähernd jeder zweite Haushalt in Deutschland beheizt seine Wohnung mit Gas, in Weiden sind das allein 9000 Stadtwerke-Kunden. Das könnte diesen Winter teuer werden, denn die Großhandelspreise für Erdgas sind seit Monaten auf einem Höhenflug.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Die 70-jährige Weidenerin ist sauer und fühlt sich für dumm verkauft. Sie und ihr Ehemann leben in einer Doppelhaushälfte im Stadtwesten und beziehen Erdgas, so wie es in Weiden allein 9000 Stadtwerke-Kunden tun. Hinzu kommen wohl Tausende Gasbezieher aus dem Landkreis Neustadt. Ab Januar soll das Weidener Ehepaar fast doppelt so viel für Gas bezahlen wie bisher. Monatlich werde das Mehrkosten in Höhe von 65,50 Euro verursachen, also 786 Euro im Jahr, so die Rentnerin, die anonym bleiben möchte. Das sei kaum zu stemmen, obwohl es ihr und ihrem Mann finanziell vergleichsweise gut gehe. Sie hätten sich vor zwei Jahren für 13 000 Euro eine Niedrigtemperatur-Gasheizung einbauen lassen, um den Verbrauch zu verringern. „Und jetzt bekommen wir das serviert“, sagt sie zum Schreiben ihres Energieversorgers zur Preiserhöhung.

Der Lieferant aus Hessen begründet die drastische Preissteigerung laut der Rentnerin vor allem mit der „politischen Fokussierung auf den CO2-Preis“. Diese Abgabe sei der „dominierende Einfluss“ auf den Gaspreis. Das Rentnerpaar soll für die Kilowattstunde statt bisher 4,38 Cent ab Januar 8,31 Cent zahlen – eine Erhöhung von 3,93 Cent.

Mehrkosten durch CO2-Abgabe

„Für wie blöd halten die die Leute“, fragt die Weidenerin mit Blick auf die Politik. „Die Politiker sagen, dass die CO2-Abgabe ab nächstem Jahr für Gasbezieher eine minimale Erhöhung von 0,5 Cent pro Kilowattstunde bringe. So habe ich es überall gelesen.“ Damit hat die Weidenerin Recht. Die Verbraucherzentrale rechnet vor, was das bedeutet:

  • Eine Gasheizung stößt pro Kilowattstunde rund 202 Gramm Kohlendioxid (CO2) aus.
  • Ein Verbrauch von 20 000 Kilowattstunden pro Jahr (typisch für ein älteres Einfamilienhaus) würde somit gut 4 Tonnen CO2-Ausstoß verursachen.
  • Bei einem Preis von 30 Euro pro Tonne CO2 ab 2022 (dieser ist von der Politik festgeschrieben) wären dies rund 144 Euro Mehrkosten im kommenden Jahr, also 12 Euro pro Monat (30 Euro + 19% MwSt./t für 4,04 t).
  • Der CO2-Preis soll sich in den nächsten Jahren stetig steigern. 2022: 30 Euro, 2023: 35 Euro, 2024: 45 Euro, 2025: 55 Euro pro Tonne.
  • 2025 sind es damit beim oben genannten Verbrauch rund 264 Euro Mehrkosten pro Jahr, also 22 Euro pro Monat (55 Euro + 19% MwSt./t für 4,04 t).

Mit der angekündigten Erhöhung für das Weidener Paar um mehr als 65 Euro monatlich stimmt das nicht überein. Die 70-Jährige hat daher das Gefühl, dass in der Politik nicht mit offenen Karten gespielt wird. Die Menschen würden in die Armut getrieben.

Mehr Ursachen für Preisanstieg

Michael Baier, Abteilungsleiter Kundenservice bei den Weidener Stadtwerken, weiß , wie viel Cent jede Kilowattstunde Erdgas durch die CO2-Abgabe teurer wird:

  • 2021 (25 Euro pro Tonne CO2): rund 0,46 Cent. Zum Vergleich: Das sind rund 6 Cent pro Liter Superbenzin, 7 Cent bei Diesel, 7 Cent bei Heizöl. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer von 19 Prozent.
  • 2022 (30 Euro pro Tonne CO2): 0,55 Cent (netto)
  • 2023 (35 Euro pro Tonne CO2): 0,64 Cent (netto)
  • 2024 (45 Euro pro Tonne CO2): 0,82 Cent (netto)
  • 2025 (55 Euro pro Tonne CO2): 1 Cent (netto)

Zur Erinnerung: Die Weidener Rentner sollen ab Januar 3,93 Cent pro Kilowattstunde (inklusive Mehrwertsteuer) mehr bezahlen. Offensichtlich ist die CO2-Abgabe alleine nicht verantwortlich für die Verdoppelung des Preises, die dem Ehepaar angekündigt worden ist. Der Stadtwerke-Mitarbeiter möchte die Preispolitik des Mitbewerbers nicht kommentieren. Er kennt aber weitere Gründe für den Preisanstieg. Neben der CO2-Abgabe sei „mit Sicherheit der seit Monaten andauernde stetige Anstieg des Gaspreises auf den Großhandelsmärkten beziehungsweise der Börse“ verantwortlich.

Nach Angaben des Vergleichsportals Check24 liegt der Börsenpreis auf einem Allzeithoch. Allein von September 2020 bis September 2021 habe es eine Steigerung von 451 Prozent gegeben, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Nach der Corona-Pandemie hat sich außerdem die weltweite Nachfrage normalisiert, insbesondere in Asien, was Experten zufolge Auswirkungen auf die hiesigen Preise hat. Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind zudem die Gasspeicher in Deutschland nach dem kalten Winter 2020/21 deutlich weniger gefüllt als üblicherweise vor der Heizsaison. Auch dafür gibt es laut Fachleuten verschiedene Ursachen, wie Ausfälle und Wartungsarbeiten an der Infrastruktur, das Auslaufen der Erdgasproduktion in den Niederlanden und der Marktpreis. „Des Weiteren werden aktuell alle bestellten Lieferungen aus Richtung Russland eingehalten“, so der Weidener Stadtwerker. Ist die Versorgung im Winter denn gesichert?

Stadtwerke heben Preise an

„Von einem Engpass in der Gasbelieferung in den Wintermonaten kann nach Einschätzung der aktuellen Lage nicht ausgegangen werden“, so Baier. „Die Gasspeicherbetreiber haben ja noch ein paar Wochen Zeit, die Bestände für die richtig kalte Zeit aufzufüllen.“ Von einer Preiserhöhung werden aber auch die Stadtwerke-Kunden nicht verschont bleiben. „Nach aktuellem Stand werden wohl auch wir die Preise zum 1. Januar nach oben anpassen müssen.“ Dies liege vor allem an den Einkaufskonditionen. Die Höhe stehe noch nicht fest. Einkauf und Kalkulation seien noch nicht abgeschlossen. 2020 kostete die Kilowattstunde bei einem Jahresverbrauch zwischen 13 260 und 100 000 Kilowattstunden netto 4,2 Cent, 2021 sind es 4,5 Cent. „Die Veröffentlichung der neuen Preise erfolgt voraussichtlich in der zweiten Oktoberhälfte.“ Weiden liege bei den Gaspreisen, die sich vor allem wegen verschieden hoher Netzentgelte regional unterscheiden, „im bundesdeutschen Mittelfeld“.

Den Vertrag mit ihrem Versorger haben die beiden Weidener gekündigt. Besonders optimistisch, dass sie woanders deutlich weniger bezahlen werden, sind sie nicht.

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Hintergrund:

So setzt sich der Gaspreis für den Verbraucher zusammen

  • Der Gaspreis für Haushaltskunden setzt sich aus verschiedenen Kostenstellen zusammen.
  • Bei einem Jahresverbrauch von 20 000 Kilowattstunden setzte sich der Erdgaspreis für Kunden der Stadtwerke Weiden 2021 so zusammen: 1,9 Cent pro Kilowattstunde Beschaffungs-/Vertriebskosten, 1,6 Cent Netzentgelte/Messstellen, 0,6 Cent Energiesteuer, 0,5 Cent CO2-Abgabe und 0,03 Cent Konzessionsabgabe (plus Umsatzsteuer).
  • Die Mehrbelastung durch die CO2-Abgabe soll den Bürgern unter anderem über eine Entlastung bei der EEG-Umlage und damit der Strompreise zurückgegeben werden. Die Deckelung der Umlage wurde laut Michael Baier (Stadtwerke) so beschlossen: Für 2021 auf 6,5 Cent pro Kilowattstunde, für 2022 auf 6 Cent (jeweils netto). Im Jahr 2020 betrug die Umlage 6,8 Cent und wäre ohne die Deckelung laut Baier auf weit über 7 Cent gestiegen.
Kommentar:

Verbraucher zahlen am Ende doppelt

Ein Energieversorger kündigt einem Weidener Ehepaar an, den Gaspreis ab Januar fast zu verdoppeln. Und begründet dies hauptsächlich mit der CO2-Abgabe. Mal abgesehen davon, dass dies ausgerechnet vor einer Bundestagswahl eine höchst fragwürdige Begründung ist: Sollten mehr Versorger eine Erhöhung in einem solchen Ausmaß durchsetzen, werden es sich viele Menschen nicht mehr leisten können, im Winter die Heizung aufzudrehen. Explodierende Energiekosten treffen aber auch die Unternehmen. Was, wenn auch sie die Mehrkosten an uns Verbraucher weitergeben?

Sonja Kaute

 

 

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