11.11.2021 - 09:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der Fasching startet: Darf man sich jetzt noch als "Indianer" verkleiden?

Helau! An diesem Donnerstag ist 11.11. Mit dem Fasching kommt auch immer die Debatte um kulturelle Aneignung und die Frage: Darf man sich noch als "Indianer" verkleiden? Oberpfälzer Grüne und ein Regensburger Karnevalsforscher antworten.

Ist das "Indianer"-Kostüm in Deutschland bald verboten? Wenn es nach einigen meinungsstarken Personen im Internet geht, wäre das wohl bald der Fall. Oberpfälzer Grünen-Politiker und ein Karnevalsforscher sehen das sehr viel differenzierter.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der "Araber Scheich", der "verruchte Pirat", die "Zombie-Schülerin" oder die "Indianerin" – die Auswahl an Faschingskostümen im Internet ist gewaltig. Viele Narren haben jetzt wieder ein Problem: Was zieht man an? Für viele ist das die Qual der Wahl. Für einige Menschen ist allerdings oft die Wahl die Qual. Etwa wenn es um das "Indianer"-Kostüm geht.

Wenn an diesem Donnerstag der Fasching beginnt, diskutieren und streiten sich die Leute vor allem im Netz wieder über kulturelle Aneignung. Über Kostüme und Traditionen, die rassistisch sind oder sein sollen. In der Oberpfalz steht seit einigen Jahren auch der Chinesenfasching in Dietfurt (Kreis Neumarkt) im Fokus, bei dem sich für einen Tag eine Kleinstadt in ein bayerisches China verwandelt. Und besonders leidenschaftlich wurde zuletzt auch über das "Indianer"-Kostüm debattiert.

Im vergangenen Fasching löste die Moderatorin Annemarie Carpendale einen "Shitstorm" in den sozialen Medien aus, weil sie ein "Indianer"-Kostüm trug. Zuvor gab es große Aufregung um eine Hamburger Kita, die Eltern darum bat, ihre Kinder nicht als "Indianer" oder "Scheich" in den Fasching zu schicken. Viel Ärger um nichts? Oder steckt da mehr dahinter?

"Wenn man sich mit der Thematik ein wenig auseinandersetzt und auch mit den Betroffenen spricht, und nicht nur über sie", meint Tina Winklmann, dann "merkt man, dass es einige Begriffe gibt, die teilweise diskriminierend sind." Und auch Kostüme. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Wackersdorf (Kreis Schwandorf) wünscht sich eine breitere Debatte, ob manche Kostüme noch in unsere Zeit passen, auch im Privaten. "Es gibt mittlerweile so wunderbar phantasievolle Kostüme, da wird jede und jeder fündig", sagt sie.

Prof. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg erkennt in einem "Indianer"-Kostüm kein Problem. Der Kulturwissenschaftler und Karnevalsforscher spricht von zwei Ebenen. Zum einen sei die Gesellschaft mittlerweile "hypermoralisch". Zum anderen verkenne diese Debatte den Karneval, wie der gebürtige Rheinländer den Fasching nennt. "Der Karneval bedeutet nicht, politisch korrekt zu sein. Karneval ist das Sinnbild der verkehrten Welt."

Was sagen die Oberpfälzer Grünen?

Hintergrund der Debatte ist, dass sich amerikanische Ureinwohner durch die Verkleidung verletzt fühlen können. Es vermittle und verfestige Klischees und Stereotype, sei rassistisch und verletzend, heißt es. Genauso falsch sei das Wort "Indianer". Viele Menschen solidarisieren sich damit und fordern, solche Kostüme und das Wort "Indianer" nicht mehr zu tragen und zu sagen oder gar zu verbieten.

Den Grünen wird von Kritikern immer vorgeworfen, die Vorreiter dieser "Cancel Culture" in Deutschland zu sein, einer Kultur, die alles politisch Inkorrekte zensieren möchte. Eine Berliner Grünen-Politikerin entschuldigte sich in diesem Frühjahr öffentlich, von ihrem Kindheitswunsch, "Indianerhäuptling" zu werden, erzählt zu haben.

Wie sehen eigentlich Oberpfälzer Grünen-Politiker diese Debatte?

"Dinge ab und zu in Frage zu stellen, halte ich für eine demokratische Gesellschaft wichtig", erklärt Tina Winklmann. Sie sei mit Winnetou aufgewachsen, verkleidete sich als Kind auch als so. "Das geschah aber nie in böser Absicht." Heute würde sie sich hinterfragen, ob sie das nochmal tun würde. Es brauche Aufklärung, dass manche Bezeichnungen und Verkleidungen Bevölkerungsgruppen diskriminieren und marginalisieren. "Daher bin ich dafür, dass Debatten zu diesem Thema geführt werden." Das sieht auch Anna Schwamberger so, die Grünen-Abgeordnete im Landtag aus Bärnau (Kreis Tirschenreuth) hat sich scheinbar mit Winklmann abgesprochen, ihre Antworten sind fast identisch.

"Wir haben den Humor verloren"

Stefan Schmidt könne die Debatte gut nachvollziehen. "Manche Faschingskostüme bedienen rassistische und diskriminierende Vorurteile", sagt der Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Regensburg. Dazu gehöre auch der "Indianer". "Wir sollten sensibel sein für die Gefühle der Betroffenen und ihr Unbehagen gegenüber derartiger Faschingskostüme ernst nehmen." Solche Kostüme zu verbieten, wäre allerdings der "völlig falsche Weg". Stattdessen sollte man Traditionen hinterfragen. Ein als "Indianer" verkleidetes Kind verfolge freilich keine bösen Absichten, aber Eltern könnten diese Gelegenheit nutzen, um den Nachwuchs für "die leidvolle Geschichte vieler indigener Völker und die Gefühle anderer Kulturen zu sensibilisieren".

Der Regensburger Karnevalsforscher Gunther Hirschfelder spricht von einer "hypermoralischen" Gesellschaft. "Wir versuchen alles zu moralisieren, sprechen dann Imperative und Schuldzuweisungen aus, ohne miteinander zu reden", meint der Kulturwissenschaftler. "Wir beschimpfen uns, statt miteinander zu sprechen, wenn wir verschiedene Meinungen haben." Das sei der eine Punkt, der andere ist die "Verkennung des Karnevals", die bei dieser Debatte immer mitschwingt. Um das zu erklären, muss Hirschfelder ausholen. Im hohen Mittelalter "hat man in Karnevalsfeiern eine verkehrte Welt aufgestellt". Der Bauer, der normalerweise nichts zu sagen hat, habe die Macht übernommen. "Das ist die Idee von Karneval", sagt Hirschfelder. Später seien die "Obrigkeiten und alles aufs Korn genommen" worden. "Heute haben wir diesen Humor verloren und versuchen alles korrekt zu machen."

Rufe nach Verboten für manche Kostüme kann Hirschfelder nicht nachvollziehen. "In dieser Logik kann man – überspitzt gesagt – gleich im Strickpulli herumlaufen und alle Kostüme verbieten", sagt er. "Da müsste man auch die Leistungen der Griechen und Römer aus der Geschichte streichen, weil da Frauen unterdrückt wurden, weil Sklaven gehalten wurden." In dieser Logik, so Hirschfelder, würde es keine historische Persönlichkeit geben, die es der Gesellschaft heute recht machen kann.

Sind "Indianer"-Kostüme aber nicht trotzdem problematisch? "Das kann ich als Kulturwissenschaftler überhaupt nicht erkennen", sagt der Professor an der Universität Regensburg. Humor müsse und solle nicht politisch korrekt sein. "Es werden Stellvertreter-Diskussionen um politisch korrektes Handeln und Moral geführt, die mit dem natürlichen Wunsch, sich zu verkleiden, überhaupt nichts zu tun haben", meint Hirschfelder, der aus der Gegend von Köln stammt und mit dem Karneval groß geworden ist und dazu mehrere wissenschaftliche Publikationen geschrieben hat.

Kein Problem in US-Armee

Aber natürlich gibt es auch beim Fasching Grenzen. "Der Witz im Karneval soll nicht persönlich beleidigen oder diffamieren", sagt Hirschfelder, der die Scherze der Altneihauser Feierwehrkapell'n beim Frankenfasching vor drei Jahren über Brigitte Macron nicht gut fand. "Das war eine individuelle Verächtlichmachung einer Person, und das nicht die Idee des Karnevals." Hirschfelder betont, kein Freund des Herrenwitzes zu sein. Er sei Kulturwissenschaftler. "Ich sage ja nur, mit einer hypermoralischen Betrachtung des Karnevals werden wir dem Karneval nicht gerecht." Bestimmte Figuren könne man schon zeigen, ohne jemanden damit zu beleidigen – wiewohl der Professor es auch verstehen kann, wenn sich eine Person verletzt fühlt. "In der Regel fühlen sich Mitglieder der indigenen Völker Amerikas nicht beleidigt, wenn Kinder in Begeisterung für alte Filme ein Indianer-Kostüm anziehen", so Hirschfelder. "Sie fühlen sich beleidigt, wenn sie in der Gesellschaft ausgebeutet, beleidigt und unterdrückt werden."

Etwa ein Prozent der US-Soldaten sind indigener Herkunft, teilt Franz Zeilmann, Pressesprecher der US-Armee in Grafenwöhr, mit. "Ich persönlich glaube nicht, dass die Indianer-Kostüme an Fasching ein Problem für die Soldaten sind", sagt er. "Die Native Americans, die ich in meiner langjährigen Dienstzeit beim US-Militär kennengelernt habe, waren sehr aufgeschlossen und offen für die deutschen und bayerischen Bräuche und Traditionen, Faschingsveranstaltungen mit eingeschlossen." Dabei sei auch öfter darüber gesprochen worden, dass viele deutsche Kinder gerne "Indianer" spielen.

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