18.07.2021 - 16:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Aus für ein Stück Stadtgeschichte: Kirche verkauft Evangelisches Vereinshaus in Weiden

Eines der markantesten Gebäude der Stadt Weiden soll den Besitzer wechseln. Die evangelische Gemeinde sucht einen Käufer für ihre größte nicht-sakrale Immobilie. Das dürfte nicht einfach werden.

Was wird aus dem Evangelischen Vereinshaus? Diese Frage dürfte demnächst in vielen Familien und an Stammtischen Stadtgespräch sein.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Der Volksmund nennt es immer noch Vereinshaus, obwohl es seit den siebziger Jahren eigentlich "Haus der Gemeinde" heißt. In dem Komplex an der Ecke Goethe-/Wolframstraße hat gefühlt jeder Weidener über 20 schon einmal etwas mitgemacht: Faschingsball, Konfirmandentag, Zeugnisübergabe, Kabarett, Firmenfeier, Ausstellung, Konzert, vielleicht sogar die eigene Hochzeit.

Im September 2026 würde sich die Grundsteinlegung auf dem Erbpachtgrundstück zum 100. Mal jähren. Doch ein Jubiläum mit Pauken und Trompeten, nostalgische Weißt-du-noch-damals-Momente fallen aus. Daran ist ausnahmsweise nicht die Pandemie schuld. Die Besitzerin, die Kirchengemeinde St. Michael, braucht schlicht Geld.

"Emotional nicht leicht"

Es zu besorgen, ist Aufgabe von Pfarrerin Stefanie Endruweit, die den Verkauf in die Wege leiten soll. "Emotional ist das nicht leicht", gibt sie die Gefühlslage vieler Gemeindemitglieder wieder. Dazu gehört der Kirchenvorstand St. Michael, der sich nach dreijähriger Diskussion einstimmig zu der Entscheidung durchgerungen habe.

"Die Landeskirche sagt, wir müssen unsere Immobilienbestände überprüfen, und wir müssen verantwortungsbewusst mit Kirchensteuern umgehen", fasst Endruweit die Ausgangslage zusammen. "Wir haben in jede Richtung gedacht, uns ähnliche Sachen in Erlangen angeschaut, mit der Stadt und Investoren gesprochen oder mit dem Gedanken gespielt, andere Immobilien wie das Martin-Schalling-Haus, das Tobias-Clausnitzer-Haus in Weiden-Ost oder Kreuz Christi abzugeben, aber dann ist die Entscheidung so gefallen."

Zu groß für Zuschüsse

Das Vereinshaus sei für eine zeitgemäße Gemeindearbeit einfach zu groß, Ausweichmöglichkeiten für eigene Veranstaltungen und Gruppen gebe es genügend. Endruweit: "Den Saal kulturell und für Feste zu nutzen, ist nicht primär unsere Aufgabe." Das Haus ist über 1000 Quadratmeter groß. Bei Theaterbestuhlung passen in virusfreier Zeit 500 Menschen in den Saal. Laut Landeskirche seien aber 200 Quadratmeter an Gesamträumlichkeiten für eine Gemeinde wie St. Michael ausreichend.

Folglich heißt es aus München: Was größer ist, wird nicht mehr bezuschusst. Die Krux daran: Das Haus ist an vielen Ecken renovierungsbedürftig. Vor allem Dämmung und Barrierefreiheit sind hohe Hürden. "Die Kosten dafür gehen in die Millionen", steht im "Gemeindegruß". Unter anderem wurde der Einbau eines Außenaufzugs geprüft. "Selbst ohne Renovierung sind die Ausgaben zu hoch."

Stefanie Endruweit hat einen Makler beauftragt, das Objekt loszuschlagen. Auf Immobilienportalen im Internet ist es noch nicht zu finden. Denkmalgeschützt ist es auch nicht. Nach Informationen von Oberpfalz-Medien liegt der Verkaufspreis bei 1,5 Millionen Euro.

Pächter: "Hiobsbotschaft"

Das wäre für Erwin und Claudia Voit zu viel. "Da müssten wir 20 Jahre jünger sein." Das Paar hat das Haus der Gemeinde seit 2015 gepachtet und sich damit neben seinem Cateringservice ein zweites Standbein geschaffen. "Eine Hiobsbotschaft, ich hatte gehofft, es geht noch fünf Jahre", sagt der Ehemann. "Wir haben viel Geld reingehängt. Tische, Stühle, das haben wir alles selbst angeschafft." Das Verhältnis zur evangelischen Kirche bleibe dennoch "sehr gut".

Die Voits haben eine schöne Homepage kreiert, die den Charme des Hauses gut zur Geltung bringt. Sie haben auch einen Hausmeister angestellt, dessen Dienste sie mit der Kirche abrechnen. Von der Silvesterparty bis zum Bayerischen Ärztetag reicht die Referenzliste ihrer Bewirtung. Doch die Unsicherheit wegen der Pandemie hat ihnen im Vereinshaus vor allem Hochzeitsgesellschaften, einen wichtigen Teil ihres Kerngeschäfts, gekostet. "Jetzt müssen wir den Paaren sagen, wir können euch nicht annehmen, weil das Haus bis zu eurer Feier vielleicht schon verkauft ist."

Trotzdem sind bis November einige Veranstaltungen gebucht. Solange läuft der Pachtvertrag mit den Voits. Danach könnte er sich immer um zwei Monate verlängern, je nachdem ob und wie schnell sich ein Käufer findet. Das geschichtsträchtige Gebäude wurde am 27. Oktober 1927 eingeweiht. Gebaut hat es der Evangelische Männer- und Jünglingsverein. Doch für den wurde es auch einmal eine Nummer zu groß. 1974 hatte der Verein eine halbe Million D-Mark Schulden. Also übertrugen die Männer ihr Domizil samt Erbbaurecht an die Kirchengemeinde St. Michael.

Früher bereits Kaufangebote

1979 bis 1981 wurde um- und ausgebaut. Seitdem bilden folgende Räume das Innenleben: großer Saal mit Galerie 800 Quadratmeter, Bühne 90 qm, Foyer 156 qm, zwei Gruppenräume mit je 30 Sitzplätzen, eine Kegelbahn mit 20 Sitzplätze und eine Bibliothek. Zum kleinen Saal (215 qm) gehören eine Bühne (43 qm) und ein Foyer (90 qm). dazu kommt eine Hausmeisterwohnung. Das evangelische Dekanat und das evangelische Jugendwerk unterhalten Büros.

Die Innenstadtlage weckte immer wieder mal Begehrlichkeiten. In den achtziger Jahren machte ein Kaufhauskonzern ein Angebot. Der damalige Dekan Georg Wenzel ließ ihn abblitzen. Um 2010 liebäugelten die Immobilienentwickler von Sonae Sierra mit dem Bau eines Einkaufszentrums, für das der Abriss des Vereinshauses zur Debatte stand. Nun ist die Zukunft offener denn je. Erwin Voit macht sie ein bisschen Angst: "Ich fürchte, dass wir einen weiteren Schandfleck in der Stadt bekommen."

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Kommentar:

Bloß kein zweites Josefshaus

Man kann sich vorstellen, wie intensiv der Kirchenvorstand von St. Michael um die Entscheidung zum Verkauf des Hauses der Gemeinde gerungen hat. Ob sie richtig ist, wird die Zukunft zeigen. Leicht war sie bestimmt nicht. Schon jetzt ist aber klar, dass Weiden ein Stück seiner Tradition verliert, mit einer Prise Pathos kann man fast sagen ein Stück seiner Seele. So etwas darf einen ruhig traurig stimmen. Ganz praktisch bedeutet es, dass der Stadt allmählich die Veranstaltungssäle ausgehen. Es bleibt fast nur mehr die Max-Reger-Halle, die vielen Veranstaltern zu teuer ist. Das Flair früherer Bälle im Josefshaus oder eben des Vereinshauses ist zur großen Schwester an der Dr-Pfleger-Straße kaum hinüberzuretten. Und mit kleineren Konzertsälen ist die Stadt auch nicht überreich gesegnet. Tröstlich ist immerhin, dass die Kirchengemeinde ihren Grund nicht für die x-te Spielhalle zur Verfügung stellen will. Im besten Fall findet sich ein Investor, der anstelle des Vereinshauses Wohnungen baut. Unter anderem könnte Weiden locker noch ein Studentenheim vertragen. Sollte es so kommen, nutzt es nichts, dem einstigen Charme des fast 100 Jahre alten Domizils des Evangelischen Männervereins nachzutrauern. Denn alles ist besser als ein Szenario, das 170 Meter Luftlinie weiter zu besichtigen ist. Dort ist das Josefshaus die Igitt-Ecke Weidens: ungepflegt, ungenutzt und ohne Aussicht auf Abhilfe. Die Zukunft des Vereinshauses darf Stadtrat und Verwaltung deshalb nicht kalt lassen. Der Stadtsäckel lässt zwar Kauf und Unterhalt nicht zu, Wirtschaftsförderer und Oberbürgermeister sollten aber keine Gelegenheit und keine Messe auslassen, die Immobilie als innerstädtisches Sahnestück anzupreisen.

Von Friedrich Peterhans

Helau! Im Fasching war das Vereinshaus regelmäßig ein altehrwürdiges Tollhaus.
Eine Galerie, ein Gewölbe und relativ viel Platz: Das Evangelische Vereinshaus hat Flair.

 

 

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