11.07.2021 - 10:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kirchplatz in Weiden: Skelette bei Sanierung gefunden

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Bei der Neugestaltung des Kirchenplatzes St. Michael in Weiden staunten die Bauarbeiter nicht schlecht: Im Boden fanden sie nicht nur Sand und Steine, sondern auch Knochen und komplett erhaltene Skelette von Menschen.

Knochen und komplette Skelette von Menschen fanden die Arbeiter am Kirchplatz von St. Michael.

Von Stephanie Hladik und epd

Normalerweise begehen Gottesdienstbesucher, aber auch Touristen, den Platz rund um die evangelische Michaelskirche. Seit April ist ein Großteil der Fläche Baustelle. Wie mehrmals berichtet, wird der in die Jahre gekommene Bodenbelag erneuert, um einen zeitgemäßen, barrierefreien Platz der Begegnung zu schaffen. Denn das Kopfsteinpflaster ist holprig, Rinnen und Bordsteinkanten sind regelrechte Stolperfallen. Schon im April gab es bei den Grabungen die ein oder andere Überraschung in Form von Knochenfunden.

Als im Frühjahr die Arbeiten auf der Westseite der Kirche begannen, legten die Bagger auch die Kanalleitungen frei. Auch sie waren alt und undicht geworden und sollten erneuert werden, erläutert Bauingenieur Hans Schindler vom Planungsbüro. Die Baufirma Schieder aus Weiden musste dafür tiefer als 1,60 Meter ins Erdreich. Aber was die Bauarbeiter ab da erlebten, hatte gespenstische Züge: Erst fanden sie Knochen, wenig später dann komplett erhaltene menschliche Skelette. "Das sah aus wie ein Knochenlager. Wir haben schon viel gesehen", sagt Bauleiter Terry Romo. "Aber da macht man sich dann doch einen Kopf, wenn man so etwas findet." Die Baufirma schaltete die Denkmalschutzbehörde ein.

Über 500 Jahre alt?

Drei Wochen sondierten Archäologen aus Bamberg die Fundstellen: Es wurde vermessen, katalogisiert, fotografiert und dokumentiert, was an menschlichen Überresten im Boden gefunden wurde. Die komplett erhaltenen Skelette seien mittlerweile nach München gebracht und würden dort anthropologisch untersucht, sagt Archäologe Jochen Scherbaum. Analysen könnten Aufschluss über Alter, Herkunft und Krankheitsbilder geben, erläutert er. Das Alter der Skelette schätzt er schon jetzt auf mindestens 16. Jahrhundert, wenn nicht älter.

Bis ins Jahr 1543 existierte laut Angaben von Petra Vorsatz, Leiterin des Kulturamts und Stadtarchivs, um die Kirche herum der "Alte Friedhof". Danach wurde er in den Außenbereich der Stadt verlegt. Laut Bauingenieur Schindler hätten die Grabungen unbedenklich verlaufen müssen. Die Planungsfirma habe zwar gewusst, dass dort früher ein Friedhof war, sagt er. "Wir dachten aber nicht, dass wir komplette Skelette finden würden." Schließlich seien im Laufe der Zeit schon viele Leitungen im Boden verlegt worden.

Ein wenig seitlich von der alten Kanaltrasse (im Bereich der Häuserzeile "Am Stock") sei eine auffällige Menge an Knochen gefunden worden. Ein Grund dafür könnte sein, dass neben der Kirche in früheren Zeiten das Beinhaus gestanden hat. Nach seiner Veräußerung wurde das Gebäude, in dem heute ein griechisches Lokal ist, zu einem anderen Zweck verwendet. "Das Beinhaus könnten damals ausgeräumt und die Knochen in die Erde gebracht worden sein", vermutet Schindler.

Knochen wieder bestattet

Die Trassenplanung ist in der Zwischenzeit verlegt worden. Letztlich habe man nur einen kleinen Bereich ausgegraben, sagt Archäologe Scherbaum, "so dass ein Großteil der Bestattungen, die auch noch betroffen gewesen wären, aus Kosten- und Pietätsgründen unbeschadet im Boden verbleiben konnten". Und die losen Knochen, die gefunden wurden, sind auf Wunsch der Kirche in einer Grube am Kirchenplatz wieder bestattet und eingesegnet worden. Die Stelle werde markiert und mit einer Bodenplatte am Kirchplatz gekennzeichnet, damit auch die Nachwelt weiß, wo die menschlichen Überreste liegen.

Hausherr Dekan Thomas Guba von der Kirchengemeinde St. Michael war bei der Wiederbestattung der Knochenfunde nicht persönlich dabei, hält die Markierung der Stelle aber für eine gute Idee. Die Bodenplatte soll ein schlichtes Kreuz zieren. "Mit einzelnen Knochen habe man bei einem ehemaligen Friedhof rechnen können. Dass es so viele waren, hat mich überrascht", sagte Guba auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien.

Weite Reise angetreten

Der Fund sei spannend. Man lerne etwas über Bestattungssitten früherer Jahrhunderte. "Insgesamt habe ich mich gefragt, ob die Menschen, die hier bestattet wurden, wirklich jemals nach München wollten. Jetzt, nach ihrem Tod, machen sie vielleicht eine so weite Reise, die sie zu Lebzeiten gar nicht gewagt hätten."

Bis Ende August soll nun der westliche Bereich des Kirchenplatzes barrierefrei und ein Pflaster aus heimischem Granit verlegt sein. Vor dem Hauptportal werden Sitzbänke und Fahrradständer geschaffen. "Ein Platz zum Verweilen", wünscht sich die Kirchengemeinde St. Michael.

Sämtliche Eingänge zur Kirche sind dann ebenerdig, um auch gehbehinderten Menschen, Rollstuhlfahrern, Senioren und Familien mit Kinderwagen den Zutritt zur Kirche zu erleichtern. Renate Kirschbauer ist eine von ihnen. Sie wartet schon lange auf die Platzsanierung und freut sich: "Wenn ich künftig mit meinem Rollstuhl zum Gottesdienst fahre, bin ich nur noch gerührt, nicht mehr geschüttelt."

St. Michael: Bauarbeiten beginnen

Weiden in der Oberpfalz

Verborgene Schätze im Boden

Weiden in der Oberpfalz
Blick vom Pfarrplatz-Durchgang zur Kirche: In diesem Bereich wurden die losen Knochen neu bestattet. Später soll eine Bodenplatte die Stelle markieren.
Ziel der Baumaßnahmen ist der barrierefreie Zugang zur Michaelskirche. Auf dem Vorplatz vor dem Haupteingang laden später Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein.
Hintergrund:

Der Kirchplatz von St. Michael

  • Die Flächen rund um St. Michael waren einstmals ein Friedhof.
  • 1543 wurde der Friedhof aufgelöst und ein neuer dort angelegt, wo sich heute die Stadtsparkasse befindet.
  • Der Eingang zur alten Friedhofskapelle (Beinhaus) gehört heute zu einem griechischen Lokal.
  • 1862 wurde der Platz rund um die Kirche mit Flusskieselsteinen angelegt.
  • 1910 wurde der Kirchplatz instandgesetzt.
  • Die Gehsteige (Steinfelser Platten) rund um die Kirche stammen aus dieser Zeit. Barrierefrei sind sie nicht.

 

 

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