16.08.2018 - 13:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Das Grüne kommt ins Braune [Video]

Quietschend hebt sich die braune Biotonne, der Müll prasselt in die Trommel des gelb lackierten Lkw. Ein stechender Geruch verbreitet sich, der einem die Luft zum Atmen nimmt. „Ich riech das nicht mehr“, erzählt Harald Patschnik lächelnd.

Harald Patschnik (links) und sein Kollege Thomas Putera sind auf den Straßen im Landkreis Neustadt zu Hause. Täglich brechen sie in den frühen Morgenstunden auf, um den Biomüll er Bürger zu sammeln - und könnten sich keinen schöneren Beruf vorstellen.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Leuchtenberg. Der 48-Jährige steigt auf den Fahrersitz des Lkws, blickt in den Rückspiegel, um zu kontrollieren, ob sein Kollege Thomas Putera auf dem Trittbrett am hinteren Ende des Transporters bereit ist, und fährt los. Seit fünf Uhr morgens sind die zwei Männer im Landkreis Neustadt unterwegs. Ihre Aufgabe: Sie entleeren die braunen Biotonnen, die bereits am Straßenrand bereitstehen. Es ist 10 Uhr morgens in Leuchtenberg. Patschnik und sein Kollege haben schon eine weite Route hinter sich. Erst Schirmitz, dann Pirk, Flossenbürg und Floß. „Das ist der letzte Ort für heute“, betont Patschnik, als er den Transporter abrupt abbremst. Die nächste Tonne wartet.

Putera steigt von dem schmalen Brett, zieht den Biomüll an den Lkw und hängt ihn in die Schüttung. „Heute haben wir Glück mit dem Wetter. Nicht zu warm, nicht zu kalt“, betont der Mitarbeiter der Firma Container Kraus aus Windischeschenbach, der seinen Kopf mit einer Kappe gegen die Sonne schützt. Es hat 17,5 Grad. „Die anhaltende Hitze, die macht uns sehr zu schaffen. Es ist ja auch körperlich anstrengend, was wir machen. Die Arbeit fällt bei über 30 Grad noch schwerer. Wenn die Tonne voll ist, wiegt sie gut 50 Kilo“, erzählt der 48-jährige Patschnik. Nicht der stechende Geruch sei das Problem. „Das hat ein paar Monate gedauert, bis man sich daran gewöhnt hat. Jetzt riechen wir es nicht mehr.“ Auch nicht die Maden und die Fliegen, die sich im Biomüll tummeln. Schwierig sei die Nachlässigkeit mancher Bürger.

Falschparker und mangelnde Hygiene

„Man glaubt nicht, was wir alles finden. Plastik, Metall, Fleisch. Alles Dinge, die auf keinen Fall in den Müll dürfen. Um den Unrat nicht per Hand durchsuchen zu müssen, ist ein Scanner an der Schüttung angebracht, der Metallteile aufspürt. „Wenn etwas im Abfall ist, lassen wir die Tonne stehen.“ Patschnik streift sich einen schwarz-grünen Handschuh über und packt die Tonne am Henkel. Schmutz klebt am Deckel, eine klebrige braune Flüssigkeit läuft am Plastik nach unten. Fliegen kreisen brummend. „Die Tonne sollte regelmäßig gereinigt werden. Aber das machen die wenigsten. Wobei es gerade bei der Hitze so wichtig wäre.“

Er drückt einen blauen Knopf, die Trommel des Transporters dreht sich, während sich die Tonne in das Innere entleert. An der Seite sind ein Besen und eine rote Schaufel befestigt – falls etwas daneben geht. „Die Bewegung zieht den Biomüll nach innen. Dadurch wird er verdichtet. Insgesamt passen 18 Tonnen hinein.“ Er öffnet den Deckel des entleerten Behälters. Ein letzter Kontrollblick. „Komplett leer. Sie kann zurück.“ Eine Radfahrerin bahnt sich den Weg vorbei am Mülltransporter, grüßt die Männer mit einem Lächeln. Die Straßen sind eng, es ist kaum Platz. Problematisch für Patschnik. „In manche Gassen müssen wir rückwärts hinein. Nicht so leicht mit dem großen Gefährt.“ Der 48-Jährige steigt wieder auf den Fahrersitz, hält kurz inne, als er auf die Straße vor sich blickt. „Das ist auch ein großes Problem. Falschparker. Manchmal ist es unmöglich, durchzukommen.“

Doch der 48-Jährige liebt seinen Job. Seit elf Jahren arbeitet der gelernte Zimmermann in Windischeschenbach. „Ich wollte das schon als Kind machen. Ich sehe durch meinen Beruf viel von der Region, lerne die unterschiedlichsten Menschen kennen und habe viel Abwechslung. Etwas anderes könnte ich mir nicht vorstellen.“ Kritik von den Anwohnern höre das eingespielte Team nur selten – im Gegenteil. „Die Menschen sind sehr nett zu uns. Vor allem jetzt bei der großen Hitze. Einige fragen, ob wir Wasser wollen“, erzählt Patschnik mit einem Lächeln.

Es ist 12 Uhr. Alle Biotonnen sind leer. Feierabend. Der Müll geht jetzt zur Firma Bergler und anschließend in eine Biogasanlage. Dort wird er noch einmal sortiert.“ Morgen wird das Team wieder auf den Straßen im Landkreis Neustadt unterwegs sein, um Bio- oder Restmüll zu sammeln. „Ich freue mich jeden Tag darauf. Aber wenn ich es mir aussuchen kann – am liebsten hole ich Papier. Das ist sauber. Und riecht nicht.“

Auf den Straßen der Region: Unterwegs mit Müllentsorger im Landkreis Neustadt/WN

3197 Tonnen Biomüll

Weiden/Neustadt. Seit 2015 gibt es die Biotonnenpflicht. Auch in der Stadt Weiden und im Landkreis Neustadt heißt es: Müll trennen. Doch bei den heißen Temperaturen stink’s so manchem Anwohner gewaltig.Sie ist braun und praktisch. Seit drei Jahren ist die Biotonne die Antwort auf die Frage: Wohin mit den Essensresten und organischen Abfällen? Doch seit Wochen ist die Tonne für viele Bürger eher Graus als Erleichterung. Üble Gerüche dampfen aus dem Behälter. Nur der Blick hinein ist oftmals noch schlimmer: Fliegen und Maden tümmeln sich auf den gammelnden Essensresten.

Johannes Zierock, Sachgebietsleiter Abfall und Straßenreinigung bei der Stadt Weiden, informiert über die wichtigsten Eckdaten und Vorschriften der Tonne, die aktuell heiß diskutiert wird. In der Stadt Weiden gibt es insgesamt 4025 Stück. Grundsätzlich muss jeder Haushalt über eine derartige Müllentsorgung verfügen.

Zwei unterschiedliche Größen

„Wer aber einen Garten zum an die Müllabfuhr angeschlossenen Grundstück hat, darf Eigenkompostieren“, erklärt Zierock. Knapp 30 Prozent der an die Müllabfuhr angeschlossenen Grundstücke würde diese Möglichkeit aktuell nutzen. „Zumindest haben sie es so angemeldet. Ob sie es auch tatsächlich alle anwenden, darf angezweifelt werden. Eine flächendeckende Überprüfung dazu steht im kommenden Jahr womöglich an.“

Eine Biotonne fasst insgesamt 120 Liter Müll. Alle zwei Wochen werden sie von Mitarbeitern des städtischen Bauhofs geleert. „Wichtig ist, dass keine Plastiktüten verwendet werden.“ Nachdem der Unrat eingesammelt wurde, wird er einem Entsorgungsbetrieb in Weiden übergeben, der ihn dann zusammen mit dem Bioabfall anderer Kommunen in eine Kompostier- und Vergärungsanlage transportiert.

2017 fielen im Stadtgebiet insgesamt 1430 Tonnen Biomüll an. „Das sind etwa 33,60 Kilo je Einwohner.“ Doch wie gehen die Bürger mit dem stinkenden Müll um? „Uns erreichen vereinzelt Beschwerden oder Anfragen, wie man am besten gegen den Gestank machen könne“, erzählt Johannes Zierock.

Müll landet in Vergärungsanlage

Dann gibt er vor allem einen Tipp: „Nach jeder Leerung das Gefäß mit Wasser – wenn möglich heiß – ohne Reinigungsmittel gründlich putzen. Am besten sollte man den Boden der Tonne mit Papier auslegen.“ Überlegungen, den Müll während der großen Hitzewelle öfter einzusammeln gebe es nicht.

Mehr als drei Mal so viele Biotonnen wie in der Stadt Weiden sind im Landkreis Neustadt im Umlauf. „Insgesamt sind es 12 489 bei 28 621 Objekten im Landkreis“, informiert Pressesprecherin Claudia Prößl.

Auch im Landkreis hat der Bürger die Wahl, eine Biotonne oder Grüngutcontainer zu nutzen oder selbst zu kompostieren. 16 132 Haushalte nutzen die Möglichkeit, ihren Biomüll im eigenen Garten zu entsorgen, betont Prößl. Zudem können Gartenabfälle in den warmen Monaten – „heuer seit 21.März und voraussichtlich bis Mitte November“ – an 78 Sammelplätzen abgegeben. Diese befinden sich teilweise auf Bauhöfen in den Gemeinden oder an „günstigen Standplätzen in den Ortsteilen“. „Dort können allerdings nur die Biotonnenbesitzer anliefern, da nur diese die Gebühren inklusiver Bioabfallverwertung entrichten.“

1767,50 Tonnen Biomüll produzierten die Bürger im Landkreis von 1. Oktober 2017 bis Ende Juni 2018. Die Biotonnen stehen den Bewohnern in zwei Größen zur Verfügung. Entweder mit einem Volumen von 120 oder 240 Litern. Nachdem der Müll eingesammelt wurde, wird er – wie auch im Stadtgebiet Weiden – in eine Kompostier- und Vergärungsanlage. Auch das Landratsamt Neustadt erhalte derzeit immer wieder Rückmeldungen von Bürgern, denen es stinkt. „Das ist dann der Fall, wenn Bioabfälle lose in die Tonne gegeben werden“, erklärt die Pressesprecherin des Landratsamtes Neustadt.

Hoffen auf kältere Temperaturen

Grundsätzlich gebe sie den Bürgern den Hinweis, Rasenschnitt nur angetrocknet in die Biotonne zu geben. „Wichtig ist auch, die Biotonne möglichst im Schatten aufzustellen und gelegentlich zu säubern.“ Forderungen, den Müll bei den heißen Temperaturen in kürzeren Abständen einzusammeln, habe es von Seiten der Bürger bisher noch nicht gegeben. „Überlegungen gibt es allerdings seit den Planungen über die Einführung der Biotonne“, erklärt Claudia Prößl. Doch aus wirtschaftlichen Gründen und aus den Erfahrungen von anderen Landkreisen habe man sich letztendlich entschieden, den „Abholturnus zunächst 14-tägig festzulegen.“ Für die Bürger heißt es nun also: Die Tonne reinigen, mit Zeitungen auslegen, schattig platzieren einen kühlen Kopf bewahren. Und eine gute Aussicht gibt es zudem: Früher oder später fallen die Temperaturen wieder. Dann erledigt sich das Problem mit dem miefenden Müll wieder von selbst.

Tipps vom Experten: Das hilft, wenn der Biomüll im Sommer stinkt

Biomüll: Tipps vom Experten:

Das darf in die Biotonne: Blumen, Blumenerde, Brotreste (ohne Schimmel), Eierschalen, Federn, Gemüseabfälle vor dem Kochen, Holzhäcksel, Holzsägemehl sowie Holzwolle (unbehandelt), Kaffeefilter mit Kaffeesatz, Kartoffelschalen, Küchenkrepp, Laub, Nussschalen, Obstreste, Papierservietten, Reisig, Salatreste vor dem Anmachen, Speisereste vor dem Kochtopf (außer Fisch-, Fleisch-, Wurstreste, Knochen, Suppen und Soßen), Stroh, Teebeutel, Topfpflanzen und Zitrusfrüchteschalen.

Das darf nicht in die Biotonne: Asche, Holz und Kohle, Batterien, Chemikalien, Farb-, Lack- und Ölreste, Ruß, Fette, Fisch-, Fleisch- und Wurstreste, Hundekot, Knochen, Glas, Gummi, Kartonagen, Katzenstreu, Keramikgefäße, Laugen/Säuren, Leder, Medikamente, Plastiktüten, Putzmittelreste, Speisereste nach dem Kochtopf, Staubsaugerbeutel, Suppen, Textilien, Tierstreu, Verkaufsverpackungen aus Aluminium sowie Kunst- und Verbundstoffen, Styropor, sowie Zigarettenstummel und -asche.

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