17.06.2021 - 18:21 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Gutachter im Flutkanal-Prozess: Ertrunkener hatte allein keine Chance

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Hätte sich der 21-Jährige, der vor den Augen seiner Freude ertrunken ist, selbst aus dem Wasser retten können? Diese Frage beherrscht den zweiten Tag im Flutkanal-Prozess vor dem Schwurgericht Weiden. Die Antwort fällt eindeutig aus.

Die drei Angeklagten (sitzend, gepixelt) verfolgen konzentriert, aber weitgehend reglos die ersten beiden Verhandlungstage.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Zügiger als von den meisten gedacht, ging der zweite Tag des Flutkanal-Prozesses vor dem Weidener Schwurgericht zu Ende. Im Mittelpunkt standen die Stellungnahmen der Gutachter. Die waren offenbar so überzeugend, dass fünf Verteidiger gar nicht so viele Fragen hatten, wie viele Beobachter erwartet hatten.

Professor Peter Betz aus Nürnberg erläuterte aus gerichtsmedizinischer Sicht das Ergebnis der Obduktion, die er am toten Moritz G. vorgenommen hatte. Dr. Bernd Schwarze, Toxikologe an der Uni Erlangen, stellte sein chemisch-toxikologisches Gutachten vor.

Ihr Ergebnis: Der Verstorbene hatte eine ungewöhnlich hohe Konzentration einer Cannabimimetika-Kräutermischung im Blut, die auf einen Konsum unmittelbar vor dem Unglück hindeutet. Ferner hatte er so viel Alkohol getrunken, dass sich der 21-Jährige unmöglich aus dem Fluss hätte befreien können, in den er kurz zuvor am Abend des 11. September 2020 gefallen war.

Das klingt nicht gut für die drei Angeklagten (zwei junge Männer, 24 und 25, aus Sulzbach Rosenberg und eine Freundin aus Weiden, 22), die mit Moritz G. an jenem Abend in einer Shisha-Bar am Schlörplatz unterwegs waren und ihn nicht gerettet haben, nachdem er mit über 2,3 Promille in Höhe der Kita St. Michael in den Flutkanal gestürzt war.

Wortgefecht mit Anwalt

In diesem Zusammenhang lieferte sich Anwalt André Miegel aus Duisburg ein Wortgefecht mit Betz. Miegel vertritt den 25-Jährigen, der als ehemals bester Freund von Moritz G. bezeichnet wird. Miegel wollte noch einmal die beiden Videos gezeigt haben, die das Trio teilweise unter Gelächter von den letzten Minuten im Leben ihres Kumpels gedreht hat. "Die haben wir alle bereits gesehen", verwies Landgerichtspräsident Gerhard Heindl auf den ersten Verhandlungstag und lehnte ab.

Der Verteidiger wollte "paddelartige Bewegungen mit den Füßen" beim Ertrinkenden erkannt haben, sprich: Die Angeklagten hätten davon ausgehen können, dass ihr Freund zu Schwimmbewegungen in der Lage war.

Wo war in dieser Situation der Kopf von Moritz? Wo war sein Arm? Wohin hat sich der Körper gedreht? Betz ließ sich von diesem Frage-Beschuss Miegels nicht beeindrucken. Was man in dem Video sehen könne, sei eindeutig und lasse den Rückschluss zu, dass Moritz hilflos und nicht mehr in der Lage gewesen sei zu schwimmen. Miegel wollte ferner eine Erklärung für die nassen Schuhe und nassen Haare des Opfers, die man im zweiten Video sieht, bevor es zum verhängnisvollen Sturz in den Fluss kam. Hintergrund: Moritz könnte sich bereits kurz zuvor schon einmal selbst aus einer ähnlichen Situation gerettet haben, was für noch vorhandene Reaktionsfähigkeit spräche. Doch für Betz sind zumindest die nassen Haare symptomatisch für eine Intoxikation, die zu Schweißausbrüchen führe. Zudem sei der Abend sehr warm gewesen. Moritz sei innerhalb von drei bis fünf Minuten ertrunken.

Zuvor hatten die coronabedingt wenigen Zuhörer, fast ausschließlich Eltern und andere Verwandte der Angeklagten, von Toxikologe Schwarze erfahren, was FUB-AMB ist. Ein hochpotentes synthetisches Cannabinoid, das nicht im Urin, aber in hoher Konzentration im Oberschenkelvenenblut des Toten nachgewiesen wurde. Ein Hinweis, dass Moritz diese inzwischen nicht mehr als "legal high" eingestufte Substanz weit weniger als drei Stunden vor seinem Tod zu sich genommen hat. Das deutet auf die Shisha-Bar hin. Haben die Freunde ihm die Substanz untergemischt?

Offenbar kein Drogenkonsument

Rechtsanwalt Rouven Colbatz, der die Eltern von Moritz als Nebenkläger vertritt, hakte nach, ob eine Haarprobe etwas ergeben habe. Die Antwort lautet nein. Es gibt also kein Indiz, dass Moritz vorher bereits Drogenkonsument gewesen sein könnte. Nun hatte er FUB-AMB im Blut. Das könne unter Umständen halluzinogener und psychotischer Wirken als Cannabis, bestätigte Schwarze auf Nachfrage.

Der Prozess wir am Freitag, 18. Juni, fortgesetzt. Dann sagen Zeugen aus, die das Geschehen an diesem Abend in mehr oder minder großem Abstand verfolgt haben.

Der erste Verhandlungstag im Prozess zum Ertrunkenen vom Flutkanal in Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Woran erkennt der Gerichtsmediziner Tod durch Ertrinken?

  • Schaumpilz vor dem Mund und in den Atemwegen: Kommt vom Hustenreflex unter Wasser, bei dem die Atemwege weiter volllaufen
  • Lunge trocken überbläht durch Überdehnung. Unter dem Lungenfell finden sich "Paltaufsche Flecken". Das sind Einblutungen und ein Symptom für Süßwasserertrinken. Anders im Salzwasser: Lunge bleibt nicht trocken, weil Ertrinkungsflüssigkeit nicht im Blut resorbiert wird
  • Dreischichtiger Mageninhalt: schwerer Anteil unten, darüber Flüssigkeit, oben schaumige Komponente
  • Die Keilbeinhöhlen als Teile der Nasennebenhöhlen links und rechts im Schädel sind voller Flüssigkeit

 

 

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