15.06.2021 - 18:23 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Tod im Flutkanal: Eine Clique auf der Anklagebank

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Haben sie ihren Freund ertrinken lassen? Am Dienstag hat der Prozess gegen zwei Männer (23 und 24) aus Sulzbach-Rosenberg und eine Frau (22) aus Weiden begonnen. Die Angeklagten schweigen. Dafür werden Handy-Filme gezeigt.

Der Prozess gegen zwei Männer (23 und 24) aus Sulzbach-Rosenberg und eine Frau (22) aus Weiden begonnen.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die drei Angeklagten im Flutkanal-Prozess machen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, zumindest vorerst, wie ihre Anwälte mitteilen. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl füllt den Vormittag mit einer Videovorführung. Kriminalhauptkommissar Norbert Groß, Sachbearbeiter des Kommissariats K1 der Weidener Kripo, zeigt Filme, die mit dem Smartphone des 24-jährigen Sulzbach-Rosenbergers aufgenommen wurden.

"Mir geht's nicht gut"

Sie entstanden am Abend des 11. September 2020. 22.19 Uhr. Der erste Handyfilm. Es ist dunkel. Ein junger Mann liegt mit dem Gesicht nach unten in einer Uferböschung. Er schluchzt ins Gras. "Ariane (Name geändert), mir geht's nicht gut, Ariane, mir geht's nicht gut." Er kann kaum den Kopf heben. 22.21 Uhr.

Das zweite Video. Schwärze. Das Wasser des Flutkanals glitzert vom Laternenlicht. Der junge Mann, weiße Turnschuhe, weißer Kragen über dem schwarzen Pulli, versucht, auf die Knie zu kommen. Er schwankt, greift ins hohe Gras - und platscht rücklings in den Fluss. Er zappelt. Eine Frauenstimme lacht und kichert. Eine Männerstimme sagt: "Schieb ab."

Das Gericht lässt die beiden Smartphone-Videos mehrmals abspielen. In Zeitlupe, aufgehellt, ohne Ton, mit Ton. Es ist eine Qual, und vielleicht die richtige Entscheidung, dass die Eltern des verstorbenen Moritz G. nur mit Nebenklagevertreter Anwalt Rouven Colbatz vertreten sind und sich das nicht ansehen. Die Filme zeigen die letzten Minuten im Leben ihres Sohnes, 21, IT-Systemkaufmann, ein hübscher Bursche, Handballer, Freundin, am Beginn seines Lebens.

Die Angeklagten verfolgen die Bilder auf der Videowand zumindest äußerlich reglos. Auch sie sind vielversprechende junge Leute, alle in guten Berufen, Kaufleute, Bereichsleiter. Familie und Freunde stehen hinter ihnen. Seit Herbst sitzen sie in U-Haft. Für die weibliche Angeklagte wurden als Verteidiger Dr. Burkhard Schulze und Prof. Dr. Jan Bockemühl engagiert.

Vor Beginn der Verhandlung gibt es große Aufregung auf dem Gang, weil die Eltern des ältesten Angeklagten keinen Platz mehr bekommen. Sie müssen draußen bleiben. 4 Presseplätze, 11 Zuhörerplätze. Corona. Schon um 7 Uhr standen die ersten Zuschauer vor dem Gericht. Auch Medienvertreter müssen wieder gehen.

Die Handyfilme stammen vom Smartphone des Ältesten. Der 24-Jährige war der beste Freund des Toten. Oberstaatsanwalt Bernhard Voit spricht von einem "bruderähnlichen Verhältnis". Voit rekonstruiert in seiner Anklage den Abend der Clique. Die Sulzbach-Rosenberger Jungs trafen sich mit der Weidener Freundin. In einer Shisha-Bar am Schlörplatz hätten der beste Freund und die junge Frau den Kumpel systematisch mit Wodka-Orange abgefüllt.

200 Meter sind es von der Bar zum Parkhaus am Flutkanal. Um 21.45 Uhr brach die Gruppe auf. "Big brother is watching you": Überwachungskameras an einem Sanitätshaus und in der Tiefgarage filmen das Quartett. Moritz G. muss geführt werden. Er lallt: "Habt ihr die Jacke, habt ihr die Jacke." Es kommt zu einem Handgemenge, das vor allem die Verteidiger interessant finden. Einige wollen erkennen, dass der Geschädigte tätlich wurde.

Die 22-jährige Angeklagte soll gefilmt - und gelacht - haben, als Moritz G. ins Wasser fiel.

"Wodka-Boot" und "Mango-Tango"

Wie kam der 22-Jährige zu diesem Riesenrausch (mindestens 2,3 Promille), obwohl er als Diabetiker nichts vertrug? Schon im Auto von Sulzbach-Rosenberg nach Weiden soll er eine Flasche Weißwein geleert haben. In der Shisha-Bar bestellten die drei Freunde (der Vierte kam später) ein Wodka-Boot und drei Shishas. Ein "Wodka-Boot" besteht aus einer Flasche Wodka auf Eis mit Softgetränken drumherum. Eine Tischnachbarin beobachtete besorgt, wie der sturzbetrunkene Moritz G. ein Glas auf Ex kippte, angefeuert von den Freunden.

Auch Shishas (Pfefferminze, "Mango-Tango") wurden geraucht. Im Blut des Ertrunkenen fand die Rechtsmedizin ein Cannabimimetikum. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Peter Betz muss der 22-Jährige die Droge kurz vor seinem Tod konsumiert haben. Es handelt sich bei Cannabimimetika um künstlich hergestelltes THC, "von ganz Schlauen erfunden", um das Betäubungsmittelgesetz zu unterlaufen. Die sogenannten "Kräutermischungen" werden in der Regel geraucht. Laut Betz ist die Wirkung identisch zu THC, kann aber auch viel stärker ausfallen mit psychotroper Wirkung. "Das erklärt für mich auch das Bild, dass er im Video abgibt.". so Betz.

Auch der Betreiber der Shisha-Bar wird als Zeuge gehört. Technisch sei es möglich, dass Kunden eigenen Tabak zumischen. Die Kappe könne abgenommen werden. Bemerkt habe er dies an dem Abend aber nicht. "Etwas anderes habe ich nicht gerochen."

Um 22.42 Uhr verlässt das Auto mit nur noch drei Freunden die Tiefgarage - auch das ist filmisch festgehalten. Moritz G. bleibt zurück.

Der "beste" Freund. Er ist mit 24 Jahren der Älteste im Bunde.

Rechtlich schwer einzuordnen

Moralisch verwerflich - dieses Urteil ist schnell gefällt. Juristisch ist die Sache weit schwieriger, wie Landgerichtssprecher Matthias Bauer erklärt. Zwei Aspekte dazu: Zum einen hat das Gericht bereits im Eröffnungsbeschluss einen rechtlichen Hinweis erteilt. Für das Schwurgericht kommt demnach nicht unbedingt ein "Totschlag durch Unterlassen", sondern auch eine "Aussetzung mit Todesfolge" in Betracht. Damit läge kein Kapitaldelikt mehr vor. Zum Zweiten gebe es die so genannte Garantenstellung. So sind zum Beispiel Eltern verpflichtet, für ihre Kinder zu sorgen. Aber waren es auch die drei Angeklagten, die mit ihrem erwachsenen Kumpel auf Zechtour gehen?

Jan Bockemühl, Verteidiger der weiblichen Angeklagten, nannte die Vorführung der Handy-Filme zum Prozessauftakt "Stimmungsmache". Seine Mandantin sei überzeugt, nichts Strafbares gemacht zu haben. Der Geschädigte sei schon nass gewesen, also womöglich schon einmal in den Flutkanal gefallen und selbst wieder herausgekommen. Zudem habe man gemeint, Schwimmbewegungen gesehen zu haben.

Interview mit Strafverteidiger Rouven Colbatz

Weiden in der Oberpfalz

Vorschau auf den Strafprozess Flutkanal

Weiden in der Oberpfalz
Ein Kreuz erinnert an den Ort, an dem der 22-Jährigen in den Fluss gefallen war, direkt hinter dem Kindergarten St. Michael.

 

 

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