01.12.2019 - 15:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Was hat es mit diesen Schildern auf sich?

"Weiden ist eine Schande!" "Warum hilft mir keiner?" Das steht auf Schildern aus Pappe, die eine Leserin nahe des Waldfriedhofs Weiden fotografiert hat. Dazu eine an den Oberbürgermeister gerichtete Beschimpfung. Was hat es damit auf sich?

"Ich bin obdachlos und muß auf der Straße leben", "Ich habe ein Recht auf Hilfe", steht auf den aus Pappkartons gefertigten Schildern auf einer Parkbank nahe des Waldfriedhofs Weiden. Eine Leserin hat sie dort fotografiert.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Diese Kartons sah ich am 30. Oktober zum ersten Mal. Personen sah ich da keine. Auch nachts, wenn ich vorbei fahre, habe ich da noch niemanden gesehen. Aber solche Kartons lagen da schon öfter. Meistens mit dem gleichem Text“, schreibt die Leserin an Oberpfalz-Medien. Sie könne nicht sagen, ob sie vielleicht von Kindern gemalt wurden.

Eines scheint festzustehen: Bei den Schildern handelt es sich nicht um einen schlechten Scherz. „Ich kann mir denken, von wem diese Botschaft ist“, schreibt Ursula Barrois, Leiterin der Obdachlosenhilfe „Die Initiative“ auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. „Nachdem dies anscheinend einige Wochen her ist, kann ich Ihnen mitteilen, ohne die Schweigepflicht zu verletzen, dass dieser Mensch Hilfe erhalten hat und erhält.“ Barrois spricht von einer „ganz besonderen Geschichte“, die sie jedoch zum Schutz der Person nicht weiter ausführen kann.

Sie appelliert an Menschen, die Obdachlosen begegnen: „Nett und freundlich den Menschen ansprechen, ob er Hilfe möchte. Wenn er abweisend reagiert, diese Antwort akzeptieren. Eventuell zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ansprechen und Mut machen.“ Es sei wichtig, den Kontakt aufrecht zu erhalten und mögliche Anlaufstellen zu nennen, dabei allerdings „dem Rhythmus dieses Menschen zu folgen“ – vorausgesetzt, er befindet sich nicht in akuter Gefahr, so dass sofortige Hilfe nötig ist.

"Viel, viel Geduld"

„Wenn jemand lange auf der Straße gelebt hat, sich entschlossen hat, Hilfe anzunehmen und dann in feste Strukturen reinkommt, ist es manchmal schwer zu erkennen, wo der richtige Ansatz für Hilfe ist“, so Barrois. „Man muss viel, viel Geduld haben und genau hinschauen.“ Manche Betroffene wissen ihr zufolge, wie sie Hilfe bekommen können, andere nicht. Der Schritt zum Amt sei so oder so eine große Hürde. Manche kämen auch mit unrealistischen Vorstellungen und seien dann enttäuscht oder sauer, weil ihre Erwartungen nicht erfüllt werden können.

Es sei nicht ungewöhnlich, dass obdachlose Menschen nicht in eine Notunterkunft wollen. „Der Anteil der Menschen, die vor allem im Sommer ,lieber draußen’ sind, ist gar nicht so klein, im Verhältnis zu den Untergebrachten“, weiß Barrois. Die Gründe seien sehr individuell, aufgrund der Lebensgeschichte und der Vorerfahrungen. „Gemeinsam haben fast alle, dass sie meistens nicht freiwillig aus den Strukturen und Anforderungen unserer Gesellschaft oder Gemeinschaft heraus gefallen sind und sich nicht erneut in diese Mühlen begeben können.“

"Man spiegelt sich im anderen"

Auch sei das harte Leben in einer Notunterkunft mit anderen Betroffenen eine zu große Herausforderung für den Einzelnen. „Das enge Zusammenleben mit physisch und psychisch Kranken macht Angst. Trockene Alkoholiker haben Angst vor der Versuchung und so weiter ...“ Man spiegele sich in den anderen Bewohnern.

Weiden in der Oberpfalz
Weiden in der Oberpfalz
Info:

Begriffserklärung und Anlaufstellen

Ursula Barrois erklärt den Unterschied zwischen Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit und welche Anlaufstellen es in Weiden gibt. „Obdachlos ist der Mensch, der tatsächlich kein Dach über dem Kopf hat. Wohnungslos sind Menschen ohne eigene Wohnung und Meldeadressen.“ Laut Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier gibt es 45 Obdachlose in der Stadt. Davon leben 33 in der Notunterkunft und 12 in von der Stadt angemieteten Wohnungen. Hinzu kommen Menschen, die ihre Wohnungslosigkeit nicht anzeigen.

Obdachlose können sich zu den Öffnungszeiten der Stadt an die Wohnungslosenhilfe wenden: www.weiden.de/

familie/wohnungslosenhilfe. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen in Weiden obdachlos wurden, sich eine Zeit lang in der Stadt obdachlos aufhalten und/oder Weiden als Lebensmittelpunkt haben wollen oder haben. Die Prüfung obliegt der Stadt. Dort erhalten sie eine Erstberatung. Wenn die Zuständigkeit geklärt ist und der Betroffene es möchte, erhält er die Einweisung in die Notunterkunft oder in die Notwohnung für Frauen. Auch die Einweisung in eine Notunterkunft ist hoheitliche Aufgabe der Stadt. Ansprechpartnerin sind Evi Fink, Abteilungsleiterin Amt für Familie und Soziales, sowie zwei pädagogische Fachkräfte. Außerhalb der Öffnungszeiten kann man sich an die Polizei wenden.

Die Obdachlosenhilfe „Die Initiative“ arbeitet eng mit der Stadt zusammen. Obdachlose können sich auch direkt hierhin wenden. In der Notunterkunft und im Stadtteilzentrum gibt es feste Sprechzeiten, außerdem ist man telefonisch unter 0961/28180 erreichbar. Vormittags leitet eine Verwaltungskraft Anfragen weiter, weil die Mitarbeiter oft aufsuchende Arbeit leisten. Nacht- und Wochenend- oder Feiertagsdienste existieren nicht. In der Notunterkunft gibt es aber jeden Dienstagnachmittag einen offenen Treff.

Weitere Anlaufstellen sind die Caritas, die Diakonie und die Arbeiterwohlfahrt in Weiden. Viele Obdachlose kennen Barrois zufolge zudem die Wege zu den Kirchen und Pfarrämtern.

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